Unser Einsatz im Irak geht weiter

Nachdem Mossul von der irakischen Armee befreit wurde, haben wir die Zeit genutzt unsere Ausstattung zu warten, Nachschub zu besorgen und den nächsten Einsatz zu planen.

Schlussendlich haben wir uns entschieden, weiter der militärischen Offensive gegen den IS in die Region rund um Hawidscha und nach Anbar zu folgen. Nur so können wir unseren Auftrag, den direkt von den Kämpfen Betroffenen medizinische Nothilfe zu leisten, umsetzen. Allerdings machen es uns die jüngsten Ereignisse im Irak rund um das Referendum der Kurd*innen nicht einfacher.


Die irakische Offensive

Der IS befindet sich im gesamten Irak auf dem Rückzug. Die Region rund um Hawidscha, rund eine Autostunde westlich von Kirkuk, war die letzte Enklave der Dschihadisten im zentralen Irak. Die Armee hat den Ort nach kurzen Kämpfen innerhalb weniger Tage eingenommen. Ein Großteil der dort vermuteten IS-Kämpfer ist untergetaucht oder geflohen. Hunderte Kämpfer sollen sich den im Norden befindlichen Peschmerga-Einheiten ergeben haben, um der Gefangenschaft durch die Volksmilizen der Haschd asch-Schabi zu entgehen.

Die irakischen Truppen wenden sich jetzt der Provinz al-Anbar im Südwesten und damit dem letzten vom IS gehaltenen Gebiet im Irak zu. Al-Anbar umfasst große, unbewohnte Wüstengebiete, ist als Grenzregion zu Syrien mit der Stadt Abu Kamal (Al-Qaim) für die Nachschubwege des IS aber von besonderer Bedeutung. Mit der bevorstehenden Befreiung des Gebietes steht somit auch der Traum der Dschihadisten eines grenzübergreifenden Kalifats vor dem Ende.

Panzerkonvoi der irakischen Armee, nahe CADUS-StandortEin Konvoi der irakischen Armee bahnt sich seinen Weg durch die Wüste, vor bei an unserem Team. Foto: CADUS

 

Einsatz unter harten Bedingungen

Unser Standort an der Schnellstraße zwischen Kirkuk und Baidschi mitten in der Wüste hatte unser Team vor neue Herausforderungen gestellt. Während die Sicherheitslage ähnlich wie in Mossul zwar angespannt, aber kalkulierbar war, sorgten die Verhältnisse in der Wüste mit heißen Tagen, kalten Nächten und ständigem Sand und Staub für schwierige Arbeitsumstände. Außerdem musste unser Team häufiger umziehen und auch die Nachschubversorgung war auf dem Land umständlicher.

CADUS TSP in Hawidscha, IrakUnser Traumaversorgungspunkt (TSP) nahe Hawidscha, rundherum nur Wüste. Foto: CADUS

Glücklicherweise gab es durch die schnelle und vergleichsweise milde verlaufene Offensive in Hawidscha weniger Traumafälle für unser Medi-Team zu behandeln. Stattdessen wurde die primary health care, also eine allgemeinmedizinische Versorgung, für die seit langem vernachlässigte ländliche Bevölkerung immer wichtiger. Vor allem alte, unbehandelte Krankheiten und Verletzungen sowie chronische Fälle wurden versorgt.

Fee bestätigt die Notwendigkeit unseres Einsatzes vor Ort: „Momentan sind wir die einzige NGO hier unten. Weshalb es umso wichtiger ist, dass wir hier sind um sicher zu stellen, dass auch alle Zivilist*innen die benötigte Behandlung bekommen.“

Innenasicht CADUS Traumaversorgungspunkt
Innenansicht unseres Versorgungspunktes. Hier werden die Patient*innen behandelt. Foto: CADUS

Referendum und unsichere Verhältnisse

Mitten in unseren Einsatz platzte die Nachricht eines bevorstehenden Referendums über die Unabhängigkeit der Kurd*innen im Irak.
Wir alle bei CADUS stellten uns die Frage, was das für die Beziehung zwischen dem irakischen Zentralstaat und der KR-I (Kurdistan Region Iraq), der Fortsetzung unseres Einsatzes und vor allem für die Sicherheit unseres Teams bedeuten würde.
Jetzt hieß es kühlen Kopf bewahren! Wir spielten verschiedene Szenarien durch und bereiteten als eine Option auch die Evakuierung vor. Nach Einschätzung unserer Einsatzleitung und Absprachen mit anderen Organisationen im Irak entschieden wir uns für die Fortsetzung unserer Mission - mit geschärftem Blick für die Sicherheitslage und erweitertem Notfallplan in der Hinterhand.

Das Referendum, das trotz Drohungen aus Bagdad abgehalten und mit überwältigender Mehrheit von den Kurd*innen angenommen wurde, hat die Situation für humanitäre Hilfe verkompliziert und stellt alle Hilfsorganisationen vor logistische und sicherheitsrelevante Probleme.
Hauptproblem: die innerirakische Grenze ist in beide Richtungen nahezu unpassierbar.

Unser Team musste also kurzfristig eine Übergangslösung finden: „Da unsere Logistik zusammengebrochen ist, seit die Grenzen nach Kurdistan dicht sind, habe ich im öffentlichem Krankenhaus nach Unterstützung für Verbrauchsmaterialien und Medikamenten gefragt.“, erzählt uns Fee. „Eigentlich wollte ich nur deren Lieferanten wissen, um dort einkaufen zu können. Die Angestellten waren allerdings so begeistert von unserer Arbeit, dass sie uns direkt jede Menge Material geschenkt und uns jederzeit ihre Hilfe zugesichert haben. Auch haben direkt mehrere Krankenschwestern gefragt, ob sie bei uns volunteeren dürfen! An dieser Stelle ein Dankeschön an die solidarischen Mitarbeiter*innen des Krankenhauses 'Salah al-Din General Hospital'.“


Folgen nicht abschätzbar

Allerdings gibt es noch weitere negative Folgen des Referendums. Bagdad hat den Luftraum für Flüge nach Erbil und Suleymania gesperrt, die Türkei drohte ebenfalls mit Überflugverboten und Grenzschließungen. Damit ist die Anreise für unsere Freiwilligen über Erbil unmöglich geworden. Die Einreise in den Irak über Bagdad ist möglich, erfordert aber Visa für den gesamten Irak, die schwer erhältlich und sehr teuer sind. Immerhin hat die WHO (World Health Organization) Exit-Visa für Mitarbeiter*innen humanitärer Organisationen ausgehandelt, die eine Ausreise über den Hauptstadtflughafen ermöglichen.

Die Drohungen des irakischen Zentralstaates, eine Unabhängigkeit auch mit Waffengewalt zu verhindern, sowie Gerüchte über eine Mobilisierung der Armee in Richtung Kirkuk haben für große Unsicherheit gesorgt. Auch die negativen bis offen feindlichen Reaktionen der Türkei und des Irans der KR-I gegenüber verschlechtern die Sicherheitslage enorm.

Die Folgen des Referendums sind nur schwer schätzbar - weder die Politischen, noch für unseren Einsatz. Für die Menschen im seit Jahren kriegsgebeutelten Irak muss die Situation ungleich schlimmer sein. Unsere Head of Mission Fee gibt beeindruckt zu bedenken: „Obwohl die Situation zwischen Bagdad und Erbil so angespannt ist und es für Kurd*innen womöglich gefährlicher werden könnte als für uns, sind sogar unsere kurdischen Mitarbeiter*innen geblieben um uns zu helfen.“

Innenasicht CADUS Traumaversorgungspunkt
Unser Team arbeitet auch unter erschwerten Bedingungen. Foto: CADUS

Trotz Allem – unser Einsatz geht weiter!

Der Angriff auf die letzten Stellungen des IS in der Region Al-Anbar werden in den nächsten Tagen beginnen. Auch in Syrien stehen die Dschihadisten unter Druck durch die Angriffe der SDF (Syrian Democratic Forces) unter kurdischer Führung und Milizen unter Assads Führung. Der militärischen Zerschlagung des Kalifats steht nicht mehr viel im Weg.
Schätzungen gehen davon aus, dass der IS in drei Monaten im Irak besiegt sein wird. Wir werden weiterhin medizinische Nothilfe leisten, wer auch immer sie benötigt.

„Dem Team geht es gut.“, stellt Fee klar. „Auch wenn die Unsicherheit natürlich hier und da ein wenig aufs Gemüt geht, geben alle weiterhin ihr Bestes das zu tun weshalb wir hier sind. Die Erstversorgung der Kriegsverletzten! Ich bin sehr stolz auf alle unsere Mitarbeiter*innen und werde alles dafür tun jeden Einzelnen sicher nach Hause zu bringen!“

Wir danken Fee und dem ganzen Team für ihren unermüdlichen Einsatz.



EDIT: Die von uns befürchtete Auseinandersetzung um Kirkuk zwischen kurdischen Einheiten und irakischer Armee bzw. Haschd asch-Schabi-Miliz ist seit gestern Nacht gewissheit. Seitdem gibt es zahlreiche Gefechte und Tote auf beiden Seiten. Wir bedauern den Ausbruch der Kämpfe zutiefst. Fee unsere Einsatzleiterin im Irak dazu:


"Das unfassbar dramatische an diesen Kämpfen ist, dass sehr viele irakische Soldaten Familie, Häuser und Freunde in Kirkuk haben. Teilweise sind irakische Soldaten und Peshmerga befreundet. Kurden dienen im irakischen Militär. Keiner will diese Kämpfe! Alle sind unfassbar traurig, zumindest kommt das bei Privatgesprächen immer wieder raus. Trotzdem werden alle kämpfen und es werden viele dabei sterben und verletzt werden.
Es gibt bereits jetzt auf beiden Seiten sehr viele Tote. Wir können nur noch hoffen, dass keine Kämpfe in den Wohnvierteln Kirkuks stattfinden werden. Die meisten Zivilist*innen haben die Stadt nicht verlassen. Das Alles lässt Anbar gerade ein wenig in Vergessenheit geraten..."

Wir von CADUS hoffen auf eine friedliche Lösung des Konfliktes und fordern alle Beteiligten dazu auf, sich an solch einer Lösung zu beteiligen.

CADUS supports - support CADUS!

Veröffentlicht:
Verfasser*in: Jonas Grünwald

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