Die Lage im neuen Einsatzgebiet Nordsyrien

Einsatzleiterin Fee war für eine erste Lageeinschätzung in den nordsyrischen Gebieten rund um Rakka und Deir ez-Zor. Bald wird entschieden, wohin es als nächstes geht. Natürlich dorthin, wo das CADUS-Team am effektivsten helfen kann.

Damit wir wissen, wo unser TSP (Trauma Stabilisation Point) am nötigsten gebraucht und am effektivsten ist, müssen wir zuerst die Lage im Einsatzgebiet einschätzen. In einem ersten sogenannten Assessment versucht Projektleiterin Fee den Zustand der Infrastruktur in den potenziellen Einsatzgebieten zu erkunden. Das heißt den medizinischen Bedarf und die Versorgungslage der Bevölkerung einzuschätzen, die Verfügbarkeit von Energie, Wasser und Lebensmitteln für das mobile Krankenhaus zu überprüfen sowie Infos über den Zustand von Straßen zu sammeln, aber auch eine Einschätzung zur Sicherheitslage abzugeben.
In enger Absprache mit unserem Partner, dem Kurdischen Roten Halbmond (KRC), dem Health Cluster (UN), sowie dem Health Committee Rojava, kommen vor allem zwei Gebiete in Frage: Rakka oder Deir ez-Zor (sprich: Deresohr).

Die Situation in Rakka

Die Stadt ist zu geschätzten 70% zerstört. Etwa 250.000 Menschen leben hier derzeit, wobei immer mehr aus den Flüchtlingscamps der Umgebung zurück in die Stadt kommen. Das größte Sicherheitsproblem sind die zu großen Teilen noch immer nicht entschärften Sprengfallen des so genannten Islamischen Staats. Gerade der Norden der Stadt ist noch übersät mit IEDs (Improvised Explosive Device).


Der Eingang eines Krankenhauses in Rakka, das zurzeit von KRC und UPP wieder aufgebaut wird. Foto: Fee Baumann


Zurzeit gibt es nur ein einziges operierendes Krankenhaus, welches allerdings privat betrieben wird und in dem Patient*innen erst zahlen müssen, bevor sie behandelt werden. Die umliegenden Krankenhäuser liegen ein bis zwei Fahrtstunden außerhalb der Stadt.

Positiv zu vermerken ist, dass die Zahlen der Opfer durch Sprengfallen in den letzten Monaten eher zurückgegangen ist. Andere Organisationen haben deshalb bereits ihre TSPs umgewandelt in sogenannte EPCs (Emergency Primary Care).


In der Umgebung des Krankenhauses in Rakka sieht man die flächendeckende Zerstörung in der Stadt. Foto: Fee Baumann


Das heißt, sie haben immer noch eine Notaufnahme für verletzte Patient*innen, konzentrieren sich aber eher auf die allgemeine medizinische Versorgung. Das System scheint sehr gut zu funktionieren. Das CADUS-Team konnte das EPC von KRC/UPP besuchen. Fee war schwer beeindruckt von dem, was dort innerhalb kürzester Zeit auf die Beine gestellt wurde. Die Ausstattung ist sehr gut, sodass hier mehr als 300 Patient*innen am Tag versorgt werden. Das CADUS-Team freut sich schon auf die Zusammenarbeit: „Ungeachtet dessen, wer regiert oder welches politische System aufgestellt ist, medizinische Grund- und Notfallversorgung wird immer benötigt und nach Jahren des Krieges muss diese neu aufgebaut werden. Um das zu unterstützen sind wir hier!“

Woran es noch mangelt ist eine Blutbank und die Voraussetzungen, um Notoperationen sowie die anschließende Intensivbetreuung durchführen zu können. Die Fahrt in die umliegenden Krankenhäuser ist einfach zu weit für Patient*innen mit lebensbedrohlichen Verletzungen.

Was heißt das für CADUS? Es ist klar, dass ein reines TSP in Rakka vermutlich nicht sehr viel bringt. Daher müssen wir uns nun auch mehr auf allgemeinmedizinische Versorgung vorbereiten.

Wo können wir am effektivsten helfen? - Die Situation in Deir ez-Zor

Das zweite mögliche Einsatzgebiet ist Deir ez-Zor. Dort findet aktuell eine militärische Operation in den immer noch vom IS kontrollierten Gebieten statt.


Dieses beschädigte Gebäude in Deir ez-Zor steht stellvertretend für den Zustand der Infrastruktur in diesem Gebiet. Foto: Fee Baumann


Rund 1,6 Millionen Menschen leben hier, hinzu kommen um die 400.000 Binnenflüchtlinge (IDP- Internally Displaced Persons). Die Versorgung mit Trinkwasser und die Stromversorgung ist hier noch schlechter als in der Gegend um Rakka und auch die Entfernung zu den nächsten Krankenhäusern ist mit zwei bis vier Stunden Fahrtzeit doppelt so lang. Auch insgesamt ist die medizinische Versorgungslage in der Gegend Deir ez-Zor bedeutend schlechter und der Bedarf an Erstversorgung sowie Primary Health Care entsprechend größer. Zusätzlich kommt es durch die anhaltenden Kampfhandlungen regelmäßig zu schweren Verletzungen und Toten, die den Einsatz eines TSPs erforderlich machen.


Ein Emergency room in Süd Deir ez-Zor. Bis auf ein paar Medikamente und diesem Bett lässt sich dort nichts finden. Für weiteres medizinisches Equipment fehlt das Geld . Foto: Fee Baumann


Fee entscheidet mit dem CADUS-Team und den Partnern vor Ort so schnell wie möglich wo wir dringender benötigt werden und wie wir uns dort medizinisch aufstellen.

Keine Ärzt*innen und 200 Dollar für eine Packung Schmerzmittel - so war es im Irak

Abzusehen ist jetzt schon, dass wir uns vermehrt auf allgemeinmedizinische Fälle vorbereiten müssen. Erwartet werden neben Durchfallerkrankungen und Masern viele Fälle von Dehydration und Unterernährung sowie unbehandelte chronische Erkrankungen. Noch können wir keine genauen Aussagen über die medizinische Versorgung unter dem IS treffen. Unsere Erfahrungen aus dem Irak zeigen aber, dass ein Großteil der Bevölkerung vermutlich seit knapp 4 Jahren keinen Arzt mehr gesehen hat. Medikamente waren unter der Herrschaft der Dschihadisten zwar verfügbar, aber nur zu horrenden Preisen von z.B. 200 Dollar für eine Packung Schmerztabletten. Bei Preisen von hundert Dollar für ein Kilo Zucker kann man sich auch die Ernährungslage der letzten Jahre in diesen Gebieten vorstellen. Erschwerend kommt ein Mangel an Ärztinnen hinzu, berichtet uns Fee. Denn viele Frauen, gerade in den traditionell konservativeren Gebieten um Rakka und Deir ez-Zor, würden eher sterben, als sich von einem Mann behandeln zu lassen.

Einweisung der KRC Mitarbeiter*innen in das Mobile Hospital

Während wir unsere nächste Mission planen, übergeben wir das Mobile Hospital an KRC, damit es schnell in den Einsatz gehen kann.


Erste Bilder vom Training unserer Freunde vom Kurdischen Roten Halbmond (KRC) am Mobile Hospital. Foto: Fee Baumann


Aus Kostengründen können wir uns daran momentan leider nur bedingt beteiligen. CADUS ist eben auch weiterhin auf Spenden angewiesen. Wir werden uns vorerst auf den Betrieb eines TSP/EPC konzentrieren.
In den nächsten Tagen startet für die Emergency-Teams von KRC die technische Einführung in das mobile Krankenhaus. Das heißt, wir erklären alle Funktionen des Mobile Hospitals und spielen Szenarios durch, damit die Ärzt*innen, Techniker*innen und Sanitäter*innen unserer Partnerorganisation optimal damit arbeiten können. Mit der Health Coordination Rojava wird momentan diskutiert wo das Krankenhaus in den Einsatz gehen wird. Eventuell wird das CADUS-Team mit dem Mobile Hospital direkt zusammenarbeiten, sodass eine Nachversorgung der Patient*innen aus unserem TSP im mobilen Krankenhaus möglich ist.
Währenddessen wartet schon die nächste Crew in Erbil (Irak) darauf, die Grenze zu passieren und schnellstmöglich mit dem Einsatz zu beginnen.

Wie Fee das Leben der Nordsyrer*innen erlebt und wie das Training am Mobile Hospital abläuft, erfahrt ihr morgen hier auf dem Blog!

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