Jede Erkrankung hat eine Geschichte: Unsere Medics erzählen vom Camp auf Lesbos

Bald sind es schon vier Wochen, in denen wir täglich die Bewohner*innen des Camps Kara Tepe 2 auf Lesbos behandeln. Über den medizinischen Zugang gewinnen wir einen Einblick in das Leben im Camp. Viele Krankheitsbilder wiederholen sich immer wieder und stehen vermutlich in direktem Zusammenhang mit den aktuellen Lebensbedingungen dort. Angefangen bei häufigen Rückenbeschwerden, zurückzuführen auf das Schlafen auf dem Zeltboden, bis hin zu schwerwiegenden psychischen Problemen.

Mangelnde Möglichkeiten für Hygiene sind ein großes Problem

Unser Medical Coordinator, Gesundheits- und Krankenpfleger Jo, berichtet: Die drei häufigsten Gründe, warum die Menschen uns in der Klinik aufsuchen sind Hauterkrankungen, Wunden und Verdauungsbeschwerden. Eine besonders häufige Hauterkrankung ist Krätze, bei der wir nur bedingt in der Lage sind, den Menschen zu helfen. Neben der medikamentösen Behandlung wäre es wichtig, Kleidung und Decken zu wechseln und sich duschen zu können. Die Möglichkeiten hierfür sind im Camp nach wie vor völlig unzureichend. Ein gerade anlaufendes Krätze-Behandlungsprogramm im Camp, das dem Mangel entgegensteuern soll, hat nur eine Kapazität von 20 Menschen pro Tag. Zu gering für den hohen Bedarf. Auch die vielen Pilzerkrankungen und entzündlichen Hautkrankheiten, die wir täglich in unserer Arbeit sehen, weisen auf mangelnde Hygiene im Camp hin.

Ähnlich verhält es sich mit den Verdauungsbeschwerden, auch gastrointestinale Beschwerden genannt. Meist sind das Durchfallerkrankungen. Mit unserem Camp-internen Krankentransport befördern wir immer wieder Patient*innen, oft auch hochschwangere Frauen, die durch anhaltende Durchfallerkrankungen so geschwächt sind, dass sie unsere Klinik nicht mehr selbständig aufsuchen können.

 

Dominika (mitte) im Gespräch mit einer Patientin

 

Die Toiletten im Camp sind oft verschmutzt, und verfügen nur teilweise über Möglichkeiten zum Hände waschen. Das führt zum einen dazu, dass Krankheiten können sich ungehindert ausbreiten können, zum anderen führt auch das Meiden der Toiletten zu Problemen.

Gesundheits- und Krankenpflegerin Dominika berichtet von einer Patientin, die seit zwei Wochen unter einer Blasenentzündung mit nun beginnender Nierenentzündung leidet. Sie hält den Harn zurück, um nicht auf Toilette gehen zu müssen. Zwar bedankt sich die Patientin für das verschriebene Antibiotikum, doch sie fügt hinzu: „Prävention ist besser als Behandlung. Sie sollten besser auf uns aufpassen in diesem Camp. Es sollte sauber sein, und es sollte sicher sein.“ Tatsächlich haben uns Patientinnen mit Nierensteinen berichtet, dass sie aus Angst so wenig wie möglich trinken, um in der Dunkelheit nicht den Weg zu den Toiletten gehen zu müssen.

 

Unsere Patient*innen-Zahlen 1.11.-17.11.2020 in Kara Tepe 2. „In direktem Zusammenhang“ drückt aus, welcher Anteil der Beschwerden vermutlich direkt auf das Leben im Camp zurückgeführt werden kann. „Überweisung“ bezieht sich auf Überweisungen zu speziellen Fachärtz*innen und Psycholog*innen.

 

 

Die Verhältnisse belasten Körper und Psyche

Unsere Patient*innen wissen häufig sehr gut, was sie krank macht. Viele leiden unter Bauchschmerzen und Sodbrennen. Nach dem Feuer in Moria seien die Beschwerden schlimmer geworden, berichtet eine Patientin unserer Ärztin Leonie. Auf die Nachfrage, ob ihre Symptome stressbedingt sein könnten, nickt sie heftig und erzählt, dass sie außerdem unter Schlafstörungen und Appetitmangel leide. Wenn Leonie ihre Patient*innen fragt, ob ihre Beschwerden psychosomatischer Natur sein könnten, stimmen sie dieser Diagnose schnell zu. In Deutschland fühlen sich Menschen oft nicht ernst genommen, wenn man sie in dieser Hinsicht befragt, sie verneinen eine psychische Ursache ihrer Symptome vehement.  Aber die Menschen im Camp sind dankbar für die Wahrnehmung ihrer mentalen Belastung und wünschen sich häufig, darüber sprechen zu können.

Unsere Medics bekommen schwere Geschichten zu hören – von Vergewaltigungen während der Flucht, von Kindern, die „auf dem Meer geblieben“ sind. Die Menschen, die unsere Klinik aufsuchen, sind Überlebende, Survivors, die jeden Tag auf‘s neue Kämpfen: um einen Umgang mit dem Geschehenen zu finden, und um eine Anerkennung hier und heute. Ob der Versuch unserer Medics, den Patient*innen entsprechende psychologische Unterstützung zu suchen, funktioniert hat, erfahren wir häufig nicht. Zwar gibt es wichtige und vielfältige Angebote von verschiedenen Organisationen, doch die sind stark überlaufen. Der Bedarf an psychosozialer und psychiatrischer Versorgung ist riesig.

 

Angeles (links) und Leonie (rechts) behandeln eine Patientin in der Klinik.

 

Angeles, Gesundheits- und Krankenpflegerin, spricht mit einer Patientin, die ihr Kind auf der Flucht verloren hat und nun unter Gedächtnisverlust und Depression leidet. Zusammen erarbeiten sie einen Plan, wie sie sich in dem komplizierten System psychosozialer Hilfe besser orientieren kann. Eine Karte zeigt ihr, wann sie zu welchen Terminen gehen muss, und wie andere sie unterstützen können, wenn es mal nicht weiter geht. „Eine Art organisiertes Chaos hält Einzug in das Camp“, kommentiert Angeles.

 

Die Probleme sind eher struktureller denn medizinischer Natur

Die Infrastruktur des Camps, ob medizinisch, sanitär oder bezüglich der Unterkünfte, wird laufend weiter ausgebaut. Doch noch bestehen große Lücken. Der Winter rückt näher, nachts wird es bereits empfindlich kalt. Beheizung ist geplant für die großen Sammelunterkünfte, und es gibt Gerüchte, dass die kleineren Zelte mit Wohncontainern ersetzt werden sollen. Ob und wann das passiert, kann uns niemand sagen. Und auch die Einlösung des Versprechens verschiedener europäischer Staaten, darunter auch Deutschlands, weitere Geflüchtete aus Griechenland aufzunehmen, lässt auf sich warten. Mal wird der Lockdown als Grund für die Verzögerung genannt, mal wird sich gegenseitig beschuldigt, nicht den richtigen administrativen Weg eingehalten zu haben.

Für unsere Medics ist klar: die Probleme sind oft struktureller Natur, und nur selten rein medizinisch. Doch auch wenn wir hier manchmal gegen Windmühlen kämpfen, tun wir was wir können und versorgen wir die Menschen so gut wie es in dieser Situation eben geht.

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