Die Türkei in Nordostsyrien - Ein Reisebericht zu zwei Monaten Chaos

Dieser Reisebericht soll ein Versuch sein die Komplexität unserer Arbeit in Worte zu fassen. Es ist nicht einfach Einsätze in Nordostsyrien zu koordinieren. Es muss mitunter schnell und spontan agiert werden, es müssen Sicherheitslagen überprüft, Pläne umgeworfen und neu strukturiert werden. Mit dieser extrem wichtigen Koordination steht und fällt unsere Emergency Response. Hier ein Beitrag einer Person im Einsatz.

Es ist viel passiert in den letzten zwei Monaten. Kurz vor meinem Abflug nach Erbil Mitte Oktober ist die Türkei in Nordostsyrien einmarschiert. Nach einer monatelangen Vorbereitungszeit, unzähligen E-Mails, Verträgen, Shopping-Touren (Schlafsack-Inlet? Langärmlige Hemden? Mückenspray?), einem HEAT-Training (Hostile Environment Awareness) und Treffen mit den Projektverantwortlichen fühlte ich mich gut vorbereitet und bereit für meinen zweimonatigen Einsatz in dem CADUS-Projekt im Geflüchtetencamp al-Hol.

Doch in Erbil angekommen war schon alles anders. Unsere internationalen Mitarbeiter*innen mussten einen Tag vor meiner Anreise Syrien verlassen und so traf ich im CADUS Büro im Irak auf einen Haufen wütender, trauriger und erschöpfter Menschen, die die syrischen Kolleg*innen am Tag zuvor zurücklassen mussten. Nachdem einen schnelle Änderung der Situation in Nordostsyrien nicht absehbar war, wurde deshalb entschieden, dass das internationale Ärzt*innen-Team erst einmal abreisen würde. Nur noch mit einem Kernteam in Erbil, folgten unzählige Interviews mit Medien, interne Diskussionen zur Sicherheitssituation, veränderte Projektanträge und Koordinierungstreffen mit anderen NGOs und UN-Organisationen. Eigentlich für eine andere Aufgabe angereist, versuchte ich nun so gut wie möglich unter diesen neuen Umständen zu unterstützen. Da unsere Projekte in Syrien (ein medizinisches Behandlungszentrum in Raqqa und das Feldkrankenhaus in al-Hol) weiterliefen standen wir stetig mit unseren Kolleg*innen vor Ort in Kontakt. Auch sie waren es, die uns auf die schwierige Situation der Binnengeflüchteten in Tal Tamr aufmerksam gemacht haben. Zusammen mit ihnen konnten wir dort (finanziert von in Deutschland gesammelten Spenden) schnell helfen und Essenspakete an über 800 Familien verteilen. Zusammen mit unserer Partnerorganisation in Nordostsyrien, dem Kurdischen Roten Halbmond, unterstützen wir finanziell seitdem auch noch das Krankenhaus in Tal Tamr und fünf Rettungswagen durch Spenden.

Nach dem sich die Lage in Syrien zwar nicht beruhigt, aber zumindest durschaubarer wurde, haben wir beschlossen schnellstmöglich wieder ein kleines Team zu schicken. Ich war kein Teil dieses Teams. Ein wenig ärgerlich für mich, war ich doch extra dafür gekommen. Ich kannte die CADUS-Projekte mittlerweile zwar ganz gut, jedoch leider nur vom Papier. So sind zuerst zwei Projektverantwortliche für wenige Tage gefahren, die schon oft in der Region waren und haben unsere Kolleg*innen besucht, sich ein Bild unserer Projekte gemacht. Unzählige weitere Diskussionen über die Sicherheitslage, aber schon kurze Zeit später bin ich dann das erste von zwei Malen mit einer Kollegin nach Syrien gereist. Morgens von unserer Unterkunft von einem syrischen Kollegen abgeholt, sind wir meistens nach al-Hol gefahren und haben da die Zeit in und um das CADUS Feldkrankenhaus verbracht. Da wir keine Mediziner*innen sind, lag unsere tägliche Arbeit in Organisation und Kommunikation: Vom neuen Schreibtisch für den Team-Lead, zu Gesprächen mit der WHO und den anderen Organisationen vor Ort, zur gebrochenen Abwasserleitung, zum System für die täglichen Wasserqualitäts-Tests im Camp, zum Reporting in das CADUS-Büro in Berlin.
Ein solcher Tag vergeht sehr schnell. Vor Sonnenuntergang ab ins Auto und zurück in unsere Unterkunft, die wir aus Sicherheitsgründen bis zu unserer nächsten Fahrt ins Camp am nächsten Morgen nicht mehr verließen.

Und nun bin ich zurück in Deutschland, sitze vor meinem Computer und schreibe diesen Text. Müsste ich jetzt ein Resümee zu meiner Arbeit für CADUS vor Ort ziehen, würde ich wahrscheinlich sehr traurig werden. Traurig darüber nicht mehr mit unseren tollen Kolleg*innen vor Ort Zeit verbringen zu können, morgens keinen heißen Nescafe im Auto mehr zu trinken und nicht mehr aus dem Fenster ins weite Land zu gucken, nicht mehr Abends erschöpft ins Bett zu fallen mit der Frage, was für spannende Dinge wohl am nächsten Tag passieren werden. Aber glücklicherweise steht mein nächster Einsatz mit CADUS schon fest und so freue ich mich auf das nächste Jahr und bin gespannt, was es wohl diesmal an Überraschungen bereithält.

Trotz der deutlich zurückgegangenen medialen Präsenz zur Situation in Nordostsyrien wird immer noch dringend Hilfe vor Ort benötigt. Wir finanzieren unter anderem ein Krankenhaus und fünf Ambulanzen, die absolut essentiell für die lokale medizinische Versorgung sind. Wir arbeiten stetig daran unsere Projekte dort auszubauen, zu optimieren und zu festigen.
Dafür sind wir auf Eure Spenden angewiesen!

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