{"id":8070,"date":"2020-09-02T12:14:00","date_gmt":"2020-09-02T12:14:00","guid":{"rendered":"https:\/\/cadus.madways.de\/unkategorisiert\/syrien-zwischen-covid-und-caesar-act\/"},"modified":"2020-09-02T12:14:00","modified_gmt":"2020-09-02T12:14:00","slug":"syrien-zwischen-covid-und-caesar-act","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/artikel\/syrien-zwischen-covid-und-caesar-act\/","title":{"rendered":"Syrien zwischen Covid und Caesar Act"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce_text block\">\n<p><strong><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\">Korruption und Krankheit gehen in einem Land selten gut einher, vor Allem dann nicht, wenn zus\u00e4tzlich ein brutaler B\u00fcrgerkrieg tobt. Ein B\u00fcrgerkrieg, der in fast allen Landesteilen unglaubliche Zerst\u00f6rung hinterlassen hat, in dem Bashar al-Assad unliebsame Bev\u00f6lkerungsteile durch Aushungern und Angriffen mit chemischen Wirkstoffen in die Unterwerfung zwingen will. Seit Beginn dieses Jahres ist f\u00fcr die Menschen in Syrien eine neue, weniger sichtbare Bedrohung hinzugekommen: Der neuartige Coronavirus.<br \/>Ein Gastbeitrag von Kristof Kietzmann.<\/p>\n<p><\/span><\/strong><\/p>\n<h4><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\">Wenn Krise auf Krise folgt<\/span><\/h4>\n<p><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\">Geschw\u00e4cht durch, teilweise gezielte, Unterversorgung, einem Mangel an ausreichend funktionierenden Gesundheitseinrichtungen und gefangen in einem System, dass dem Namen nach sozialistisch ist, in Wirklichkeit aber nur Leute mit Geld und Verbindungen ausreichend sichert, ist dieser Erreger eine Katastrophe f\u00fcr Syrer*innen. Individuell sind die Menschen schlicht nicht in der Lage sich den Gefahren einer Ansteckung zu entziehen, sie m\u00fcssen arbeiten oder stundenlang f\u00fcr eine paar hundert Gramm Zucker anstehen, wenn sie \u00fcberleben wollen. Home Office und Essen liefern lassen, das ist schon in Deutschland f\u00fcr breite Teile der Bev\u00f6lkerung ein Luxus. In Syrien, egal ob im Machtbereich des Diktators Assad, im umk\u00e4mpften Idlib oder im Nordosten des Landes, ist dies schlicht unm\u00f6glich.<\/p>\n<p><\/span><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\">Alles nicht so schlimm, das Land ist eh fast vollst\u00e4ndig von der Au\u00dfenwelt isoliert, ein Einschleppen des Erregers k\u00f6nnte einfach verhindert werden, m\u00f6gen einige denken. Wo kaum Reise- oder Warenverkehr herrscht oder dieser akribisch genau \u00fcberwacht wird, da sind Kontrollma\u00dfnahmen wie sie an deutschen Flugh\u00e4fen von statten gehen, einfach durchzuf\u00fchren. Leider ist diese Annahme aus mehreren Gr\u00fcnden falsch. Diesem Gedankengang liegt die Auffassung zugrunde, dass das Regime in Syrien sich dem Wohl der Menschen verpflichtet sieht. Eind\u00e4mmungspolitik bei ansteckenden Krankheiten wird betrieben, um m\u00f6glichst gro\u00dfen Schaden von der Gesellschaft als Ganzem abzuwehren oder zumindest zu mindern. Wer sich in den letzten neun Jahren den Umgang Assads mit breiten Teilen seiner Bev\u00f6lkerung angeschaut hat und vielleicht noch die Herrschaft seines Vaters mit in die Betrachtung einbezieht, d\u00fcrfte zu dem Schluss kommen, dass das breite gesellschaftliche Wohlergehen der Syrer*innen nicht unbedingt Toppriorit\u00e4t f\u00fcr den Machthaber hat. Hauptsache, er und seine erweiterte Familie bleiben an der Macht, vorzugweise bei vollem Konto<\/p>\n<p>Des Weiteren gelten wie in jeder Diktatur Regeln nicht f\u00fcr Alle. Strikte Ma\u00dfnahmen auf dem Papier hei\u00dfen also nicht unbedingt strikte Umsetzung. Das f\u00e4ngt beim Bestechen der Polizei an, wenn man aus einem Bezirk nach Einbruch der Ausgangssperre herausfahren m\u00f6chte und endet bei munterem Grenzverkehr iranischer und irakischer Milizen im S\u00fcdosten des Landes. Wer Ma\u00dfnahmen nicht umsetzen kann, weil zu arm f\u00fcr eine Maske oder angewiesen auf Tagelohn, wird doppelt bestraft. So sorgt eine willk\u00fcrliche Herrschaft f\u00fcr eine Erosion der wenigen Regeln, die zum Schutz der Bev\u00f6lkerung vor dem Erreger \u00fcberhaupt erlassen wurden.<\/p>\n<p><\/span><\/p>\n<h4><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\">Korruption als Mittel zur Macht <\/span><\/h4>\n<p><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\">Desastr\u00f6se Wirtschaftseinbr\u00fcche mit dem externen Schock durch die Pandemie zu begr\u00fcnden scheint generell 2020 zum Portfolio des &#34;starken Machthabers&#34; zu geh\u00f6ren. Nat\u00fcrlich sei man selber mit eventuellen Verfehlungen nicht an der Situation Schuld, auch versp\u00e4tete Reaktionen auf die Pandemie oder gar das Ausbleiben einer Reaktion scheinen f\u00fcr eine Reihe von Machthabern weltweit nicht urs\u00e4chlich f\u00fcr die teilweise desolate Lage ihrer Wirtschaft. In dieser Frage unterscheiden sich momentan die Regierungen in Moskau, Damaskus, Washington und Brasilia recht wenig. <\/p>\n<p>Der entscheidende Faktor im Falle Syriens ist allerdings die jahrzehntelange Ausbeutung der Bev\u00f6lkerung durch ein System, dass sich am Besten als feudaler Kapitalismus beschreiben l\u00e4sst. Einer kleinen Gruppe mit verwandschaftlichen Beziehungen zum Pr\u00e4sidenten geh\u00f6ren nahezu alle wirtschaftlichen Bereiche des Landes, jedes Gesch\u00e4ft und jede Dienstleistung f\u00fcllt entweder direkt oder \u00fcber Umwege die Privatkonten Assads und seiner Familie. Im Englischen benutzt man f\u00fcr diese Endform der kapitalistischen Wirtschaftsweise den Begriff &#34;crony capitalism&#34;, am ehesten der deutschen Vetternwirtschaft entsprechend, nur eben mehr als sich gegenseitig ein gutes Gesch\u00e4ft zuzuschieben.<\/p>\n<p>Dieser crony capitalism, in dem das gesamte wirtschaftliche Leben einzig und allein der Bereicherung der herrschenden Elite dient, ist einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr die j\u00fcngste Runde Saktionen gegen eben diese Elite. Lassen sich Privatpersonen nicht von Industriezweigen trennen, weil beide mafi\u00f6s miteinander verwoben sind, werden aus personalisierten Sanktionen (Person A bekommt keinen Zugang zu Geld) Sanktionen gegen die Industrie eines Landes. Ziel dieses Vorgehens ist, anders als h\u00e4ufig kolportiert, nicht unbedingt<\/span><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\"> durch Abdrehen des Geldhahns eine Verhaltens\u00e4nderung zu <\/span><span class=\"author-a-z90zz77z8z90z1z84zz69zm4nz69zdxz84zz83zz72z\">erzwingen. <\/p>\n<p><\/span><\/p>\n<h4><span class=\"author-a-z90zz77z8z90z1z84zz69zm4nz69zdxz84zz83zz72z\">Caesar Act mit m\u00e4\u00dfiger Wirkung <\/span><\/h4>\n<p><span class=\"author-a-z90zz77z8z90z1z84zz69zm4nz69zdxz84zz83zz72z\">Die Beispiele der j\u00fcngeren Geschichte zeigen, dass auch isolierte Machthaber vortrefflich in Saus und Braus leben k\u00f6nnen, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung dahin siecht. Ziel dieser S<\/span><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\">anktionen ist es, einem m\u00f6rderischen Apparat in dem Miliz, Konzern und Familie aufs Engste miteinander verwoben sind, nicht auch noch das Geld f\u00fcr den Krieg gegen die eigene Bev\u00f6lkerung zur Verf\u00fcgung zu stellen. <\/p>\n<p><\/span><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\">Leider entscheiden sich Machthaber wie Assad bei der Frage, ob besser Getreide oder Sch\u00fctzenpanzer gekauft werden sollten, regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr letztere Variante. Der Caesar Protection Act* soll nun diese Praxis weitgehend unterbinden, um \u00fcber fehlende milit\u00e4rische Schlagkraft Assads \u00fcber kurz oder lang diesen zu Konzessionen zu bewegen.<\/span><br \/><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\">Ob das funktioniert, bleibt fraglich. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung bedeutet das aber, noch weniger Geld wird f\u00fcr ihre Bed\u00fcrfnisse aufgewandt. Noch weniger wird in einen Neustart des Wirtschaftslebens investiert. Medzinische G\u00fcter und Waren der Grundversorgung sind zum Gl\u00fcck seit den furchtbaren Embargos der USA gegen den Irak aus den 90ern von Sanktionen ausgenommen. Wenn der Machthaber aber das wenige Geld das vorhanden ist, in Panzertreibstoff investiert und schlicht nichts kaufen WILL, verhungert die Bev\u00f6lkerung trotzdem. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt w\u00e4ren, dem fehlenden Willen eines Diktators, sich um das Wohlergehen des eigenen Volkes zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p><\/span><span class=\"author-a-z73znz76zz74ztv0z77zz83zqns5z68zfr\">Noch ist weder absehbar, wie viele Opfer COVID-19 in Syrien fordern wird, noch welches Ausma\u00df die Sanktionen auf die einfache Bev\u00f6lkerung haben werden. Assad l\u00fcgt sich die Welt in beiden F\u00e4llen so zurecht, wie es gerade passt. Weder stimmen die offiziellen Zahlen der Toten und Erkrankten mit Berichten und Satellitenbildern \u00fcberein, noch ist der Caesar Act grunds\u00e4tzlich verantwortlich f\u00fcr die katastrophale Lage der syrischen Wirtschaft. Klar d\u00fcrfte aber Eines bleiben: das Leid der syrischen Bev\u00f6lkerung wird zunehmen. Bereits jetzt leben 80% der Bev\u00f6lkerung unter der Armutsgrenze. Drei von vier Haushalten sind auf humanit\u00e4re Unterst\u00fctzung angewiesen um zu \u00fcberleben. Ein Zustand der sich, voraussichtlich auch im n\u00e4chsten Jahr, nicht zum Besseren \u00e4ndern wird. Leider.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<p class=\"info\">Ver\u00f6ffentlicht: <time datetime=\"2020-08-29T17:03:00+02:00\">29.08.2020<\/time><br \/>Verfasser*in:  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Korruption und Krankheit gehen in einem Land selten gut einher, vor Allem dann nicht, wenn zus\u00e4tzlich ein brutaler B\u00fcrgerkrieg tobt. 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