{"id":8406,"date":"2019-05-27T16:10:00","date_gmt":"2019-05-27T16:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/cadus.madways.de\/unkategorisiert\/kein-al-hol-ist-auch-keine-loesung\/"},"modified":"2019-05-27T16:10:00","modified_gmt":"2019-05-27T16:10:00","slug":"kein-al-hol-ist-auch-keine-loesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/artikel\/kein-al-hol-ist-auch-keine-loesung\/","title":{"rendered":"Kein al-Hol ist auch keine L\u00f6sung"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce_text block\">\n<p id=\"magicdomid6\"><strong><span class=\"\">Camps f\u00fcr Gefl\u00fcchtete sind einerseits notwendig um denjenigen, die vor Gewalt und Verfolgung fliehen, ein sicheres Leben zu erm\u00f6glichen. Trotzdem sind sie politisch h\u00e4ufig nicht gewollt oder befinden sich in finanzschwachen Staaten und demnach bleibt die Infrastruktur trotz jahrelangem Bestehens meist unterentwickelt. Seit einigen Jahren setzt aber ein Umdenken ein.<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Weltweit sind knapp 70 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, bewaffneten Konflikten oder Verfolgung. Der \u00fcberwiegende Teil dieser Menschen bewegt sich allerdings nicht Richtung Europa oder den Vereinigten Staaten, auch wenn populistische Kampagnen dies seit Jahrzehnten gebetsm\u00fchlenartig wiederholen, sondern bleibt in der betroffenen Region. In weit \u00fcber der H\u00e4lfte der F\u00e4lle verlassen Personen nicht einmal das Land, sondern leben als Binnenfl\u00fcchtlinge in sichereren Landesteilen. Dies hat handfeste \u00f6konomische Gr\u00fcnde, denn Fl\u00fcge, Bus- oder Schiffsreisen sind f\u00fcr das Gros der globalen Bev\u00f6lkerung schlicht ein nicht zu finanzierender Luxus. Hinzu kommen aber auch ganz lebenspraktische Beweggr\u00fcnde. Kein Mensch verl\u00e4sst die eigene Heimat, das gewohnte Umfeld, Freunde, Familie, ja den ganzen Lebensmittelpunkt f\u00fcr immer, wenn nicht die Hoffnung auf eine baldige R\u00fcckkehr besteht.<\/p>\n<p>Viele Fluchtursachen waren im 20. Jahrhundert tempor\u00e4rer Natur: zwischenstaatliche Kriege, bewaffnete Konflikte und die Auswirkungen langanhaltender Naturkatastrophen wie D\u00fcrren. Mit klaren Bedingungen, Sieg oder Niederlage, und dem Wille zur R\u00fcckkehr zum status quo hatte vielfach auch die betroffene Bev\u00f6lkerung die M\u00f6glichkeit in ihre Heimat zur\u00fcckzukehren, wurde im Rahmen von Bev\u00f6lkerungsaustauschen erzwungenerma\u00dfen umgesiedelt oder ist im Laufe der Auseinandersetzungen in andere L\u00e4nder emigriert. Seit knapp 40 Jahren \u00fcberwiegen mehr und mehr allerding Fluchtgr\u00fcnde, die keinen so klaren Bedingungen folgen, weshalb auch die Lage der zivilen Bev\u00f6lkerung und damit der Zweck von Gefl\u00fcchtetencamps einer neuen Bewertung bedarf. Zwar leben lediglich 4 Millionen in diesen Camps, seit 2007 steigt allerdings diese Zahl kontinuierlich und Regionen \u00fcbergreifend*. Da CADUS derzeit auch in einem syrischen Camp arbeitet, lohnt es sich auch f\u00fcr uns, den Themenkomplex genauer unter die Lupe zu nehmen.<\/p>\n<p><strong>Kurzfristige Hilfe oder langfristiger Fluch?<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt dienten und dienen Camps f\u00fcr Menschen auf der Flucht in erster Linie als Schutz- und R\u00fcckzugsraum. F\u00fcr die Zeit in welcher eine R\u00fcckkehr unm\u00f6glich oder nicht vertretbar ist, soll dort ein Leben in W\u00fcrde und Sicherheit garantiert werden, angedacht ist aber bewusst keine dauerhafte Etablierung als neuer Lebensmittelpunkt. Diese Camps entstehen daher prim\u00e4r an logistisch sinnvollen Routen, nahe Grenzpunkten oder am Rand gro\u00dfer Ballungszentren. Selten dort, wo Menschen sich freiwillig und gerne niederlassen w\u00fcrden. Praktische Erw\u00e4gungen und oft auch politische Hintergr\u00fcnde spielen eine weitaus gr\u00f6\u00dfere Rolle als eventuelle W\u00fcnsche der zuk\u00fcnftigen Bewohner*innen. Zeit f\u00fcr den Aufbau ist ebenso ein Faktor wie die Aufnahmebereitschaft des Landes, oder im Falle von Binnenfl\u00fcchtlingen (IDPs, Internally Displaced Persons), der neuen Gemeinschaft. Ist diese gering oder werden die Ankommenden sogar als feindlich oder bedrohlich eingestuft, sinkt h\u00e4ufig der Wille zur Integration. Das mag funktionieren, wenn die Dauer eines Konflikts oder einer D\u00fcrre klar begrenzt, das Bestehen dieses Camps also nur von kurzer Dauer ist. So wurde bis vor 20 Jahren vielfach geplant, so bildete sich oftmals die Lage in den jeweiligen L\u00e4ndern ab.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/kein-al-hol-ist-auch-keine-loesung-_CHL397620irak20juni20201820-20087.jpg\" alt=\"\"\/><em>In den Camps, wie hier in Bajed Kandala im Nordirak, wachsen viele Kinder auf, die nichts anderes kennen als unter dauerhaft improvosierten Umst\u00e4nden in Zeltst\u00e4dten zu wohnen. \u00a9Christoph L\u00f6ffler, 2018<\/em><\/p>\n<p>Mit der Zunahme von Konflikten, die unterhalb eines zwischenstaatlichen Krieges liegen und dem Anstieg von Vertreibungen ganzer Bev\u00f6lkerungsgruppen innerhalb von Staaten, w\u00e4chst jedoch berechtigterweise die Sorge, dass diese Camps mehr Dauerzustand denn kurzfristige L\u00f6sung sind. Das weltweit gr\u00f6\u00dfte Camp dieser Sorte, Kakuma, besteht seit 1992 im Westen Kenias und beherbergt mittlerweile Menschen aus 20 ostafrikanischen Staaten. Gegr\u00fcndet im Kontext der Konflikte in Somalia und S\u00fcdsudan Anfang der 90\u2019er leben knapp 190.000 Menschen hier, viele von ihnen bereits in zweiter Generation. <\/p>\n<p>Zaatari in Jordanien ist vor allem im Zuge der Berichterstattung des deutschen Leiters auch in Deutschland ein Begriff, seit 2012 leben dort knapp 80.000 Menschen aus Syrien auf circa 5km\u00b2 Fl\u00e4che. Obwohl es durch Verteilung auf andere Camps, Resettlements** und R\u00fcckkehr nach Syrien langsam zu einem Absinken der Bev\u00f6lkerungszahl kommt, die meisten Bewohner*innen werden nicht in ihre Heimatst\u00e4dte und -d\u00f6rfer zur\u00fcckkehren, bevor der Konflikt milit\u00e4risch und politisch gel\u00f6st ist. Beispiele wie Kakuma und Zaatari zeigen, dass eine Verfestigung von Camps stattfindet. Aus der kurzfristigen humanit\u00e4ren L\u00f6sung wird eine dauerhafte Struktur, eine Stadt. Wo Menschen sich auf Dauer niederlassen, m\u00f6chten sie entscheiden, wie sie leben. Das reine \u00dcberleben ist gesichert, aber eine R\u00fcckkehr vielfach nicht m\u00f6glich oder lediglich als wenig greifbare Zukunftsperspektive ahnbar. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/kein-al-hol-ist-auch-keine-loesung-_CHL733220irak20juni20201820-20056.jpg\" alt=\"\"\/><em>Die Menschen leben h\u00e4ufig \u00fcber Jahrzehnte in Gefl\u00fcchtetencamps und entwickeln eine eigene \u00d6konomie, die alles bietet von Beleidungsgesch\u00e4ften, Friseuren, Werkst\u00e4tten bis hin zu Gastronomie. \u00a9Christoph L\u00f6ffler, Bajed Kandala im Nordirak 2018<\/em><\/p>\n<p>Das stellt UN-Organisationen wie Gaststaaten vor die Herausforderung, gleich zu Beginn einer humanit\u00e4ren Krise die Dauerhaftigkeit der zur erbauenden Camps in Betracht zu ziehen sowie einen Ausgleich zwischen akuter Hilfe und langfristiger Unterst\u00fctzung zu schaffen. Container und Zelte m\u00f6gen f\u00fcr ein paar Monate eine ad\u00e4quate Unterbringung sein, l\u00e4nger sind sie jedoch eine Zumutung. Planungen an den Bed\u00fcrfnissen der Bewohner*innen vorbei f\u00fchren im besten Fall zu kreativen Eigenl\u00f6sungen, wie im Falle Zaataris. Tausende von identischen Containern wurden nachts immer wieder umgestellt, abgebaut und neu gestaltet, bis die Verwaltung des Camps schlussendlich den Bewohner*innen Baumaterialien zur Verf\u00fcgung stellte, statt jedes Mal neue Container anzuschaffen, die nicht akzeptiert wurden. Eine l\u00e4ngerfristige Unterbringung in Camps fernab der Restbev\u00f6lkerung erschwert sowohl soziale Integration als auch ein Leben in Selbstst\u00e4ndigkeit. Wirtschaftskreisl\u00e4ufe entstehen erst langsam in solchen zu St\u00e4dten anwachsenden Camps, soziale und kulturelle Einrichtungen stehen gerade zu Beginn des Baus nicht sehr weit oben auf der Priorit\u00e4tenliste. In vielen L\u00e4ndern des Nahen Ostens sind Camps daher h\u00e4ufig zu Parallelgesellschaften geworden. Lediglich geduldet, ohne sinnvolle Anbindung an die Gesellschaft und sehr oft unterversorgt.<\/p>\n<p><strong>Neue Ans\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Dass es auch anders geht, zeigen Entwicklungen im Campmanagement. Verst\u00e4rkt wird bei der Einrichtung auf die Fluchtursachen gesschaut und versucht zu prognostizieren, ob ein Gefl\u00fcchtetencamp kurz- mittel- oder langfristig bestehen bleiben wird. Interdisziplin\u00e4re Teams entwerfen Sektionen innerhalb des Camps und stellen f\u00fcr die Anfangszeit Unterkunft, Sanit\u00e4reinrichtungen und sorgen f\u00fcr eine Grundversorgung. Sobald diese abgedeckt wurde und eine l\u00e4ngerfristige Bleibeperspektive absehbar ist, entstehen gemeinsam mit den Bewohner*innen Programme und Konzepte, die eine funktionierende Ministadt erm\u00f6glichen. Das ist allerdings nur da m\u00f6glich, wo Spendent\u00f6pfe gef\u00fcllt sind oder finanzstarke Staaten diese Bestrebungen innerhalb ihrer Grenzen mittragen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/kein-al-hol-ist-auch-keine-loesung-share207.jpg\" alt=\"\"\/><em>Gemauerte Geb\u00e4ude, Zelte und Container wechseln sich im Camp in al-Hol, Nordostsyrien, ab. Das Geb\u00e4ude mit dem roten Rahmen ist das Feldkrankenhaus, das von CADUS unterst\u00fctzt wird. \u00a9CADUS<\/em><\/p>\n<p id=\"magicdomid23\" class=\"ace-line\">Die meisten Gefl\u00fcchteten lebten 2018 allerdings in der T\u00fcrkei (3,5 Millionen), Pakistan und Uganda (1,4 Millionen), Libanon (1 Million) und Iran (ca. 945.000). Nicht unbedingt die wirtschaftsst\u00e4rksten Staaten und zus\u00e4tzlich ebenfalls von regionalen Konflikten betroffen. Noch sind Gaststaaten und Geberl\u00e4nder nicht komplett auf einer Linie, wie mit dieser Entwicklung umzugehen ist. Klar muss sein, die Vogel-Strau\u00df-Methode bringt nichts und auch wenn niemand das will &#8211; viele Camps bleiben \u00fcber Jahrzehnte bestehen. Jahrzehnte, in denen Generationen entweder in einigerma\u00dfen lebenswerten Umst\u00e4nden und weitgehend selbstbestimmt leben k\u00f6nnen oder abh\u00e4ngig von externer Hilfe gemacht werden. Es macht einen Unterschied, ob jemand jeden Morgen zur Schule geht, in einem Camp eine Arbeit hat und sich selbst versorgt oder konsequent von Transferleistungen abh\u00e4ngt, ohne M\u00f6glichkeit breite Teile des eigenen Lebens zu bestimmen.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns bedeutet ein Leben in W\u00fcrde auch und gerade in der gr\u00f6\u00dften Not, selbstbestimmt handeln zu k\u00f6nnen. Selbst zu entscheiden, wie gelebt wird. Das ist, und damit schlagen wir den Bogen zur aktuellen Arbeit in al-Hol, gerade in der Anfangsphase eines Camps ein Drahtseilakt. Gerade, wenn wie in Syrien kaum Ressourcen bereitgestellt werden k\u00f6nnen und daher gebaut oder geplant werden muss, wie eben Geld da ist. Unser Anspruch im Kleinen ist aber trotzdem, an den Entscheidungen, die gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickelt werden k\u00f6nnen, diese auch miteinzubeziehen. Durchschnittlich verbringen Menschen auf der Flucht mehr als 12 Jahre in einem Gefl\u00fcchtetencamp. Unsere Hoffnung ist, dass die jetzigen Bewohner*innen von al-Hol die Ausnahme von dieser traurigen Regel werden.<\/p>\n<p>*<a href=\"https:\/\/www.unhcr.org\/figures-at-a-glance.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.unhcr.org\/figures-at-a-glance.html<\/a><br \/>**Resettlement bezeichnet die dauerhafte Aufnahme besonders schutzbed\u00fcrftiger Gefl\u00fcchteter aus einem Land, in dem sie bereits als Gefl\u00fcchtete leben, in einen zur Aufnahme bereiten Drittstaat.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"info\">Ver\u00f6ffentlicht: <time datetime=\"2019-05-27T14:36:00+02:00\">27.05.2019<\/time><br \/>Verfasser*in:  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Camps f\u00fcr Gefl\u00fcchtete sind einerseits notwendig um denjenigen, die vor Gewalt und Verfolgung fliehen, ein sicheres Leben zu erm\u00f6glichen. 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