{"id":8411,"date":"2019-05-20T13:33:00","date_gmt":"2019-05-20T13:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/cadus.madways.de\/unkategorisiert\/alles-fuer-die-abschreckung\/"},"modified":"2019-05-20T13:33:00","modified_gmt":"2019-05-20T13:33:00","slug":"alles-fuer-die-abschreckung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/artikel\/alles-fuer-die-abschreckung\/","title":{"rendered":"Alles f\u00fcr die Abschreckung"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce_text block\">\n<p>Unser Einsatz in Bosnien-Herzegowinas Hauptstadt liegt bereits ein paar Monate zur\u00fcck, die Situation der dort lebenden Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr uns deswegen aber nicht aus dem Blickfeld verschwunden. Die medizinische Gesamtversorgungs ist nach dem Ende des Winters nicht besser geworden, das Grenzregime der EU weiterhin existent und damit auch die illegalen Pushbacks. Pushbacks, das sind extralegale R\u00fcckf\u00fchrungen \u00fcber eine Staatsgrenze. Ohne vorherige Anh\u00f6rung, ohne Verfahren. Daf\u00fcr oft mit viel Gewalt und Zwangsma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p><strong>Systematik statt Einzelf\u00e4lle<\/strong><\/p>\n<p>Dass Pushbacks keine F\u00e4lle von Fehlverhalten einzelner Grenzbeamt*innen sind, legen neue, detaillierte Berichte nah. Basierend auf empirischen Untersuchungen zeigen sie, dass gewaltsame Zwangsr\u00fcckf\u00fchrungen einem System folgen. Menschen sollen entmutigt werden aus EU-Anrainerstaaten in die EU zu fl\u00fcchten, wo Furcht nicht ausreicht wird es ihnen physisch unm\u00f6glich gemacht. Gezielte Zerst\u00f6rung von Handys, Stehlen von Schuhen, Schlafs\u00e4cken und Zelten, all das wurde auch uns in Einzelgespr\u00e4chen immer wieder berichtet, wenn Gefl\u00fcchtete vom &#34;Game&#34; genannten Versuch \u00fcber die bosnisch-kroatische Grenze zu gelangen nach Sarajevo zur\u00fcck kehrten. Fast jede Person klagte \u00fcber das Vorgehen, welches in vielen F\u00e4llen eine systematische Willk\u00fcr aufzeigte. <\/p>\n<p>Handys zu zerst\u00f6ren erschwert die Kommunikation der Gefl\u00fcchteten untereinander, sie haben keine M\u00f6glichkeit sich \u00fcber Kartenmaterial zu orientieren, sind buchst\u00e4blich abgeschnitten in einer ihnen fremden Umwelt. Ihnen zus\u00e4tzlich Schuhe, Zelte und andere Ausr\u00fcstung zu entwenden erg\u00e4nzt dieses grausame System. Wer keine Schuhe hat, kann nicht lange laufen. Ohne Schlafsack und Zelt ist eine Nacht drau\u00dfen bei winterlichen Temperaturen potentiell t\u00f6dlich. Je st\u00e4rker der abschreckende Faktor, so hoffen viele Regierungen auf dem Balkan, um so weniger Menschen \u00fcberqueren die Grenzen und um so eher kann sich in Br\u00fcssel als guter Grenzw\u00e4chter pr\u00e4sentiert werden. Gerade f\u00fcr Staaten im EU-Aufnahmeverfahren wie Serbien dient eine solch harte Linie neben innenpolitischen Interessen auch einer Profilierung gegen\u00fcber der Europ\u00e4ischen Union, die im Eigeninteresse die Augen vor den Menschenrechtsverst\u00f6\u00dfen verschlie\u00dft.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/alles-fuer-die-abschreckung-Armversorgung.jpg\" alt=\"\"\/><em>K\u00f6rperliche Gewalt ist an den Grenzen auf der Balkanroute trauriger Alltag. Der Mann auf dem Bild wurde mit erhobenem Schlagstock bedroht und verletzte sich selbst seinen Arm, als er diesen zum Schutz hochriss. \u00a9Selene Magnolia<br \/><\/em><\/p>\n<p><strong>Abschottung erzeugt Leid<\/strong><\/p>\n<p>Wie schon angesprochen ist k\u00f6rperliche Gewalt ein Mittel unter vielen, um diese extralegalen R\u00fcckf\u00fchrungen durchzusetzen. Da unser Schwerpunkt in der Arbeit auf medizinischer Hilfe lag, war diese Form von Gewalt auch am ehesten f\u00fcr uns pr\u00e4sent. Platzwunden am Kopf, gebrochene Arme, Schwellungen im Gesicht, all das war noch in Sarajevo fernab der Grenzen leider ein nur zu h\u00e4ufiger Anblick. Sei es an der montegrinisch-bosnischen Grenze, der Grenze zu Serbien oder Kroatien: \u00fcberall wird k\u00f6rperliche Gewalt genutzt um Gefl\u00fcchtete abzuschrecken. Sie sollen erz\u00e4hlen, wie es ihnen ergangen ist um zuk\u00fcnftige Grenz\u00fcbertritte so unattraktiv wie m\u00f6glich zu machen. <\/p>\n<p>Das eine solche Logik nicht greift sollten europ\u00e4ische Staaten l\u00e4ngst begriffen haben. Sei es durch Ertrinken auf dem Mittelmeer, zusammengeschlagen werden auf der &#34;Balkanroute&#34; oder eingepfercht in K\u00fchl-LKW &#8211; Menschen auf der Flucht m\u00fcssen so viel Unfassbares erleiden und fliehen trotzdem. Weil sie m\u00fcssen, weil teilweise keine Alternative zu einem &#34;weiter vorw\u00e4rts&#34; besteht oder aus dem einfachen menschlichen Wunsch heraus, sich selbst eine bessere Zukunft woanders aufzubauen. H\u00e4rtere Abschottung f\u00fchrt nicht zu weniger Gefl\u00fcchteten. Es f\u00fchrt nur zu mehr Toten und Verletzten.<\/p>\n<p>Wenn ihr mehr \u00fcber das komplexe Thema Flucht und Pushbacks efahren wollt, empfehlen wir euch die Reportage des SRF aus Velika Kladusa im bosnisch-kroatischen Grenzgebiet in der <a href=\"\/www.srf.ch\/play\/tv\/rundschau\/video\/pruegel-an-der-eu-grenze-wie-kroatien-migranten-abschiebt?id=972c5996-ec49-4079-8b94-4c9ec33b8849&amp;fbclid=IwAR2HRoDSen_CzdMMbVrfg_nnlWXlvQrcCddN62f1L10eYF72Qv8_XmhYMM8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mediathek des SRF.<\/a><\/p>\n<\/div>\n<p class=\"info\">Ver\u00f6ffentlicht: <time datetime=\"2019-05-20T12:34:00+02:00\">20.05.2019<\/time><br \/>Verfasser*in: von Jonas Gr\u00fcnwald <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Einsatz im Bosnien-Herzegowinas Hauptstadt liegt bereits ein paar Monate zur\u00fcck, die Situation der dort lebenden Gefl\u00fcchteten ist f\u00fcr uns deswegen aber nicht aus dem Blickfeld verschwunden. 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