{"id":8717,"date":"2018-07-14T17:06:00","date_gmt":"2018-07-14T17:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/cadus.madways.de\/unkategorisiert\/mit-so-einem-kleinen-stueck-papier-aendert-sich-dein-ganzes-leben\/"},"modified":"2018-07-14T17:06:00","modified_gmt":"2018-07-14T17:06:00","slug":"mit-so-einem-kleinen-stueck-papier-aendert-sich-dein-ganzes-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/artikel\/mit-so-einem-kleinen-stueck-papier-aendert-sich-dein-ganzes-leben\/","title":{"rendered":"\u201eMit so einem kleinen St\u00fcck Papier \u00e4ndert sich dein ganzes Leben.&#8221;"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce_text block\">\n<p><strong>Wie sah dein Weg nach Deutschland aus?<\/strong><\/p>\n<p>Als die Situation in Syrien zunehmend eskalierte, bin ich in den Libanon geflohen. Nach einem Jahr im Libanon habe ich mich an die UN gewendet. Das war 2013. Es gab zwischen der UN und Deutschland damals noch ein Programm, \u201eResettlement\u201c bzw. \u201eKontigentfl\u00fcchtling\u201c hie\u00df das. Da durfte ich nach Deutschland legal ausreisen. Sie haben mir einen Reisepass gegeben der f\u00fcr eine Reise g\u00fcltig war. Das war f\u00fcr mich eine Lebensrettung. Ich w\u00e4re im Libanon fast gestorben.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Wie empfindest du \u2013 als Gefl\u00fcchteter und als Journalist- die Medienberichterstattung \u00fcber Flucht- und Immigrationsthemen?<\/strong><\/p>\n<p>Immer wenn ein Fl\u00fcchtling was Schlimmes tut, f\u00e4llt das auf uns alle zur\u00fcck. In den Medien wird es zu Allgemein erz\u00e4hlt. \u201eDie Fl\u00fcchtlinge\u201c, \u201edie Kriminellen\u201c usw. Das spielt eine gro\u00dfe Rolle. Denn die Stimmung gegen Fl\u00fcchtlinge wird zunehmend schlimmer. Ich merke das selber und ich habe oft rassistische Situationen erlebt. Ich versuche es aber immer mit Humor zu nehmen, hoffentlich eskaliert das nicht irgendwann.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Politik versus Mitgef\u00fchl \u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ich merke, dass im ganzen Land viele durchdrehen. Die AfD hat es nicht nur in den Bundestag geschafft, sie hat auch die restlichen Parteien in Richtung rechts gezogen. Sie reden jetzt alle von Abschiebung. Obwohl der Krieg in Syrien weiterhin besteht. Trotzdem haben sie die Grenze zugemacht. Obwohl jeden Tag in Syrien die Menschen dort Hilfe brauchen. Sie sind in Not, sie werden bombardiert. Sie m\u00fcssen unter Bomber und im Krieg bleiben, weil alle L\u00e4nder ihre Grenzen zugemacht haben. Die europ\u00e4ischen L\u00e4nder wollen keinen Stress mehr, obwohl die Menschen in Syrien sterben. Die Politiker haben kein Mitgef\u00fchl. Sie mussten nie im Illegalen, im \u201eKeller\u201c (i.e. im Untergrund) leben. Ich war ein Jahr lang in Libanon, habe dort im \u201eKeller\u201c gelebt. Es war richtig, richtig schei\u00dfe. Da war ich immer in Gefahr, ich wurde st\u00e4ndig verfolgt. Ich wurde auch zweimal erwischt und bekam gro\u00dfen \u00c4rger. F\u00fcr siebzig Tage war ich dort im Gef\u00e4ngnis. Ein Leben mit st\u00e4ndigem Hin und Her.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Du empfindest es also auch so, dass der Rassismus schlimmer wird in Deutschland? <\/strong><\/p>\n<p>Ja. Ich h\u00f6re viele F\u00e4lle von Rassismus von FreundInnen und Bekannten. Unser Kopf versucht immer die schlimmen Sachen zu normalisieren, damit man weiterleben kann. F\u00fcr manche ist der Rassismus hierzulande normal. Und das ist die schlimme Sache. Zum Beispiel habe ich eine muslimische Familie in Bautzen getroffen und habe sie gefragt wie das Leben hier ist: \u201eGanz normal\u201c haben sie mir geantwortet. \u201eEs gibt nichts Besonderes\u201c. Ich habe sie gefragt, ob sie schon einmal angegriffen oder beschimpft wurden. \u201eJa, Beschimpfung ist normal. Das passiert jeden Tag. Aber das ist normal.\u201c haben sie gesagt. Der Mensch will und kann nicht im st\u00e4ndigen Stress leben. Daher versucht unser Gehirn Dinge, die sich st\u00e4ndig wiederholen als normal anzusehen, um nicht irgendwann durchzudrehen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Du sagst, das Hauptproblem f\u00fcr viele Fl\u00fcchtende oder gefl\u00fcchtete Menschen sind die b\u00fcrokratischen H\u00fcrden. Wie sieht das ganz praktisch aus, wie hast du das erlebt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>In Syrien haben die meisten Menschen keinen Reisepass. Der kostet viel und meist muss man vorher der Armee dienen. Und gerade jetzt, wo viele Beh\u00f6rden in Syrien geschlossen sind, ist es noch schwieriger, an offizielle Papiere zu kommen. Viele SyrerInnen wollen nicht nach Europa fliehen. Aber die einzige M\u00f6glichkeit, wohin man ohne Papiere kann und wie ein Mensch behandelt wird, ist Europa. Deshalb kommen so viele Menschen hierher. Ich kenne Menschen, die von Assads Armee desertiert sind. Sie leben im Jordan, Libanon, illegal. Sie k\u00f6nnen da nicht einmal ins Krankenhaus gehen, da sie keine Papiere haben. Zum Leben dort brauchen sie Dokumente. In Europa bekommen die Menschen einen Ausweis, k\u00f6nnen sich medizinisch versorgen lassen. Mit so einem kleinen St\u00fcck Papier \u00e4ndert sich dein ganzes Leben.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcnschst du Dir an politischer und gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung? Oder besser: Wie lauten deine Forderungen?<\/strong><\/p>\n<p>Angenommen es g\u00e4be so etwas wie einen Fl\u00fcchtlingsreisepass. Voraussetzung w\u00e4re nat\u00fcrlich, dass sich L\u00e4nder dazu bereit erkl\u00e4ren, die Menschen einreisen zu lassen. Dann k\u00f6nnten die Menschen, die fliehen selbst bestimmen wohin sie wollen. Malaysia, S\u00fcdafrika, Brasilien, Kanada &#8230; Das ist nur ein Beispiel. Nat\u00fcrlich m\u00fcssten die L\u00e4nder da zustimmen. Zurzeit gibt es ungef\u00e4hr drei\u00dfig L\u00e4nder, die syrische B\u00fcrgerInnen ohne Visum einreisen lassen. Aber man braucht einen Reisepass, um ausreisen zu k\u00f6nnen. Ohne diese Papiere fliehen viele nach Europa, denn hier bekommen sie einen Reisepass. Den Blauen oder Grauen. Damit kannst du ins Krankenhaus, kannst in die T\u00fcrkei oder in ein anderes europ\u00e4isches Land reisen. Mit so einem Fl\u00fcchtlingsreisepass w\u00fcrden sich die Menschen mehr verteilen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>W\u00fcrdest du wieder nach Syrien zur\u00fcckgehen? <\/strong><\/p>\n<p>Wenn der Krieg vorbei ist, hei\u00dft das nicht, dass die Situation im Land entspannt sein wird. Assad hat zwei Gesichter. Europa pr\u00e4sentiert er sich als offener Mensch, ein netter Typ, gut gekleidet. Seine andere Seite ist aber, dass er mehr Menschen umgebracht hat als der IS. Er hat viele Leute gefoltert, er hat viele verhaftet. Auch mich, viermal insgesamt. Nur aus \u201ejournalistischen Gr\u00fcnden\u201c. Auch wenn der Krieg irgendwann vorbei ist: Solange Assad an der Macht ist, wird sich in Syrien nichts \u00e4ndern. Er wird die Menschen dort weiterhin schlecht behandeln.<\/p>\n<p>Hier in Deutschland habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich meinen Beruf als Journalist genie\u00dfen kann. Man kann hier \u00fcber alles berichten, \u00fcber was man m\u00f6chte. Auch wenn du kritisierst, wirst du geh\u00f6rt. Man kriegt keinen \u00c4rger. Das ist ein gro\u00dfer Unterschied zu Syrien. Wenn ich dort etwas \u00f6ffentlich kritisiert habe bin ich im Gef\u00e4ngnis gelandet. Hier in Deutschland habe ich bereits kritische Beitr\u00e4ge produziert, statt dass ich ins Gef\u00e4ngnis komme, habe ich hier sogar einen Preis bekommen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Links Tarek:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mediendienst-ost.de\/autor\/tarek.khello\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mediendienst Ost<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/tarekkhello?lang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Twitter<\/a><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"info\">Ver\u00f6ffentlicht: <time datetime=\"2018-06-20T17:44:00+02:00\">20.06.2018<\/time><br \/>Verfasser*in: Rebecca Kupfner <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tarek Khello (geboren 1985, Studium in Damaskus) ist Journalist und Gefl\u00fcchteter. Weil er in Syrien kritisch \u00fcber das Assad-Regime berichtet hat, wurde Tarek mehrfach eingesperrt. Er entschied sich f\u00fcr die Flucht und wurde in das spezielle Fl\u00fcchtlingshilfsprogramm \u201eResettlement&#8221; aufgenommen. 2013 kam er nach \u2026<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":8715,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[80,82],"tags":[],"class_list":["post-8717","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-blog"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8717","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8717"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8717\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8715"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8717"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8717"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8717"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}