{"id":9009,"date":"2017-07-06T21:24:00","date_gmt":"2017-07-06T21:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/cadus.madways.de\/unkategorisiert\/in-gedanken-bin-ich-noch-immer-in-mossul\/"},"modified":"2017-07-06T21:24:00","modified_gmt":"2017-07-06T21:24:00","slug":"in-gedanken-bin-ich-noch-immer-in-mossul","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/artikel\/in-gedanken-bin-ich-noch-immer-in-mossul\/","title":{"rendered":"In Gedanken bin ich noch  immer in Mossul"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce_text block\">\n<p><strong>Miri war drei Wochen f\u00fcr uns als Technikerin im Einsatz. Sie berichtet mit ihrem ganz pers\u00f6nlichen Blick auf die Situation und ihren Alltag im TSP, zwischen Verwundeten, den Schatten des Kriegs und der Notwendigkeit humanit\u00e4rer Hilfe &#8211; auch \u00fcber die eigenen Belastungsgrenzen hinweg. Der Einsatz hat sie mit vielen Fragen zur\u00fcckgelassen und ihre Sicht auf die Welt ein St\u00fcck weit ver\u00e4ndert.<\/strong><\/p>\n<p>Mossul, Juni 2017<\/p>\n<p>&#34;Ich sitze im Flugzeug. In drei Stunden werde ich in M\u00fcnchen landen. Hinter mir liegt Mossul, liegen drei intensive Wochen mit dem mobilen Krankenhaus von CADUS, hinter mir liegen Zerst\u00f6rung und Tr\u00fcmmer. Krieg.<\/p>\n<p>Vor drei Wochen kam ich in Erbil an, bereit, nach Mossul zu fahren. In eine Stadt, in der der Krieg tobt, die der IS vor drei Jahren zu seinem Zentrum erkl\u00e4rte, wo das Kalifat ausgerufen wurde, der Gottesstaat, wo die Menschen nach Islamischen Regeln leben oder sterben mussten.<\/p>\n<p>Habe ich keine Angst?<br \/>Noch ist das Gef\u00fchl zu vage, das ich mit dieser Stadt verbinde, noch wei\u00df ich nicht, was mich dort <br \/>erwartet. <br \/>Dann geht es los. Die letzten Besorgungen noch gemacht und die Rettungssanit\u00e4terin aus Australien am Flughafen abgeholt. Sie wird keine Zeit haben sich zu akklimatisieren, es geht sofort weiter. Vorne weg f\u00e4hrt Ahmed, unser Fahrer, mit einer Franz\u00f6sin der ich noch \u00f6fter begegnen werde. Sie ist Sanit\u00e4terin beim Milit\u00e4r und kam einst mit den Free Burma Rangers hier an, einer militanten christlichen Gruppe aus den USA, die hier mitsamt ihren kleinen Kindern unterwegs ist, um den IS zu bek\u00e4mpfen und um humanit\u00e4re Hilfe zu leisten. Aber Frauen wollen sie dann doch nicht direkt an der Front dabei haben, konservative Werte gelten hier eben auf beiden Seiten. Also arbeitet sie jetzt mit der 9. Division, einer Einheit vom irakischen Milit\u00e4r, mit der auch wir aus Sicherheitsgr\u00fcnden zusammenarbeiten. In gewisser Weise ist sie verr\u00fcckt. Verr\u00fcckt und mutig,wie so viele hier. Sp\u00e4ter werde ich lernen: &#39;normal people get crazy and crazy people are useful&#39;. Und sp\u00e4ter erfahre ich auch mehr \u00fcber die anderen Verr\u00fcckten in Mossul. Irgendwie werde ich wohl auch dazu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/in-gedanken-bin-ich-noch-immer-in-mossul-KAR_87285B15D.jpg\" alt=\"\" width=\"4928\" height=\"3280\"\/><em>Das Cadus-Team bei der Versorgung eines Kleinkindes. Foto: Kenny Karpov<br \/><\/em><\/p>\n<p>Aufregung ja, so wie vor jeder Reise ins Ungewisse.<br \/>Sicher bin ich mir der Situation nicht vollends bewusst.<br \/>Die Strecke geht \u00fcbers Land, durch zerst\u00f6rte Ortschaften, vorbei an vernachl\u00e4ssigten Feldern. Noch sind hier weite Teile des Gebiets nicht von Minen ges\u00e4ubert. Der IS hat seine selbstgebastelten, improvisierten Bomben, die sogenannten IEDs (Anm.: Improvised Explosive Device) \u00fcberall verteilt, und es wird lange dauern, bis das Land minenfrei ist. Immerhin grasen hier schon wieder K\u00fche.<\/p>\n<p>Wir fahren in den Westen der Stadt, hier liegt die Altstadt, die noch immer vom IS kontrolliert wird, und die so verwinkelt ist, dass es dem Milit\u00e4r unm\u00f6glich ist, mit seinen gepanzerten Fahrzeugen hineinzufahren. Hier wird der Krieg zu Fu\u00df gef\u00fchrt. Ein Krieg der Scharfsch\u00fctzen und der M\u00f6rsergranaten. Auch aus der Luft wird angegriffen, aber dazu sp\u00e4ter mehr. Das alles muss zivile Opfer fordern, zumal noch gesch\u00e4tzte 100 000 Menschen in der Altstadt festsitzen. Daesh, so wird hier der Islamische Staat genannt, benutzt sie als menschliche Schutzschilde.<\/p>\n<p>Unser TSP &#8211; der Trauma Stabilization Point, wo Verletzte erstversorgt werden sollen, bevor sie zum n\u00e4chsten Krankenhaus gebracht werden, liegt etwa 1,7 km von der Frontlinie entfernt. Die M\u00f6rserreichweite, lasse ich mir sagen, betr\u00e4gt etwa 3,5 km. Es wird also \u00fcber unsere K\u00f6pfe hinweg geschossen. Beruhigend ist das nicht gerade, aber die Zahlen kann ich erfolgreich ignorieren, die Zerst\u00f6rung, die uns auf dem Weg begegnet, allerdings nicht. Dieses Ausma\u00df habe ich nicht erwartet. Zumindest habe ich es mir nicht ausmalen k\u00f6nnen&#8230;hier besteht die Stadt stellenweise nur noch aus Schutt. Ausgebrannte Autos s\u00e4umen die Stra\u00dfen, die H\u00e4user lassen sich teilweise nur noch erahnen. Trotzdem gibt es hier auch belebte Stra\u00dfen. L\u00e4den, Werkst\u00e4tten, Menschen. So viele Kinder. Manche winken uns zu. So mancher ungl\u00e4ubige Blick bleibt an uns h\u00e4ngen &#8211; viele Ausl\u00e4nder hat es hier in der letzten Zeit wohl nicht gegeben. Frauen ohne Schleier schon gar nicht.<br \/>Momentan gibt es nur eine provisorische Br\u00fccke im Norden der Stadt \u00fcber den Tigris. Den Fluss, der diese Stadt teilt. Die f\u00fcnf Br\u00fccken, die es hier einst gab, wurden allesamt zerst\u00f6rt. Bis vor kurzem wurde diese Br\u00fccke nur f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke genutzt, und wer in den Westen der Stadt wollte, musste einen langen Umweg nach S\u00fcden in Kauf nehmen, \u00fcber Hammam al Alil. Immer tiefer fahren wir in die Tr\u00fcmmer hinein, bis Chris pl\u00f6tzlich auf die andere Stra\u00dfenseite zeigt. Tats\u00e4chlich, da stehen unsere wei\u00dfen Fahrzeuge mit dem roten Star of Life. Verstaubt aber unverkennbar.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/in-gedanken-bin-ich-noch-immer-in-mossul-mobile_hospital_07-06-17_klein.jpg\" alt=\"\" width=\"2000\" height=\"1335\"\/><em>Unser TSP in Mossul. Foto: CADUS<\/em><\/p>\n<p>Sie sind vor den \u00dcberbleibseln einiger H\u00e4user geparkt. Hier befindet sich das TSP und nebenan unsere Unterkunft, eine ehemalige Garage, nach vorne offen. Aber zu drei Seiten hin geschlossen und \u00fcberdacht. Immerhin. Erschreckend nah an der gro\u00dfen Stra\u00dfe, abgeschirmt nur durch ein paar ausgebrannte Autowracks und Stacheldraht. Ziemlich im Nichts. Jetzt muss ich doch erstmal schlucken. Auf den Bildern, die ich bisher gesehen habe, sah es so aus, als sei das ganze abgeschirmter, in einem Innenhof.<br \/>Nun ja&#8230;zum schlucken bleibt mir nicht viel Zeit, denn wir werden schon mit gro\u00dfen Hallo begr\u00fc\u00dft und willkommen gehei\u00dfen. Irgendwie ist es auch sch\u00f6n, inmitten dieser Trostlosigkeit vertraute Gesichter zu sehen. Viel Zeit f\u00fcr Gespr\u00e4che und pers\u00f6nlichen Austausch bleibt uns aber nicht. Die drei, deren Job wir \u00fcbernehmen, werden mit Ahmed wieder zur\u00fcckfahren. Die Br\u00fccke schlie\u00dft um 18 Uhr, also machen wir uns an die \u00dcbergabe.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/in-gedanken-bin-ich-noch-immer-in-mossul-KAR_96495B15D.jpg\" alt=\"\" width=\"4928\" height=\"3280\"\/><em>Auch S\u00e4uglinge werden im TSP behandelt. Foto: Kenny Karpov<br \/><\/em><\/p>\n<p>Zwei Stunden Konzentration, dann noch ein eiliger Kaffee. Wir verabschieden uns schnell, noch die \u00fcblichen guten W\u00fcnsche &#8211; passt auf euch auf, ja immer, wenn was ist, meldet euch&#8230;danke, bis bald, hoffentlich&#8230;<br \/>Am n\u00e4chstem Tag gilt es erstmal, sich hier zu orientieren. P\u00fcnktlich morgens um acht beginnt der Beschuss der Altstadt, Hubschrauber kreisen \u00fcber unseren K\u00f6pfen und knattern was das Zeug h\u00e4lt. Noch ist das neu f\u00fcr uns, noch versammeln wir uns alle drau\u00dfen, um dieses Schauspiel zu verfolgen. Da schau, ein Hubschrauber, und noch einer, der hat eine Drohne abgeworfen, da ist sie, kannst du das aufnehmen?<br \/>Das wird sich \u00e4ndern. Die Sch\u00fcsse und Explosionen werden bald so sehr zu unserem Alltag geh\u00f6ren, dass sie uns nicht einmal mehr aufblicken lassen. Nur, wenn es in unmittelbarer N\u00e4he knallt, werden wir aufmerksam und ein bisschen vorsichtig. Aber in dieser ersten Nacht kann ich nicht schlafen. Es ist furchtbar hei\u00df. Ich liege in meiner H\u00e4ngematte, neben mir ein verstaubtes Autowrack. Das hat der IS, der hier einst sein Hauptquartier hatte, dagelassen und wir fassen es besser nicht an. Denn bisher hat es niemand auf Sprengk\u00f6rper untersucht. Mir ist es egal. Ich liege da und horche in die Nacht. Sch\u00fcsse, immer wieder Explosionen, St\u00f6rger\u00e4usche in den Funkger\u00e4ten, und um vier Uhr morgens das Konzert der zahlreichen Moscheen in der Umgebung.<\/p>\n<p>Ich stehe fr\u00fch auf und sehe zu, wie die Sonne \u00fcber der Stadt aufgeht und wundere mich \u00fcber die Sch\u00f6nheit des Moments. Der Schutt und der M\u00fcll sind in ein goldenes Licht getaucht und die Kulisse bekommt einen merkw\u00fcrdigen Charme. Ein kurzer and\u00e4chtiger Moment.<br \/>Fr\u00fch schon werden die ersten Verletzten hergebracht. F\u00fcr mich ist das neu, eigentlich kann ich kein Blut sehen. Ob sich das \u00e4ndern wird, oder in Stresssituationen einfach anders ist? Mittlerweile habe ich so viel Blut gesehen wie in meinem ganzen vorherigen Leben nicht. Das haut mich nicht um. Aber es gibt Momente, in denen mein Kreislauf nicht mehr mitmacht, in denen die Situation mich schwach werden l\u00e4sst. Der Moment, wenn die Menschen sterben, wenn mir klar wird, dass die Hilfe zu sp\u00e4t kam und der K\u00f6rper der da liegt, pl\u00f6tzlich leblos wird. Dann geht alles ganz schnell. Der Leichensack wird auf den Boden gelegt und alle helfen mit, die oft gro\u00dfen schweren K\u00f6rper vom Tisch zu heben. Manchmal noch ein Moment des Schweigens, ein kurzes Gebet, oft aber auch nicht, der Rei\u00dfverschluss wird zugezogen, ein Zettel draufgeklebt und weg. Wohin? Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/in-gedanken-bin-ich-noch-immer-in-mossul-KAR_81165B15D.jpg\" alt=\"\" width=\"4928\" height=\"3280\"\/><em>Besprechung vor dem TSP. Foto: Kenny Karpov<br \/><\/em><\/p>\n<p>Einmal wird ein Junge zu uns gebracht. Vielleicht acht Jahre alt, vielleicht \u00e4lter, die Kinder sind hier klein und schmal, die Ern\u00e4hrung schlecht. Er ist beim spielen in eine Mine getreten und hat zahlreiche Wunden am ganzen K\u00f6rper. Sein Bruder hat ihn zu uns gebracht, nachdem er eine halbe Stunde herumirrte, um Hilfe zu suchen. Eine halbe Stunde zu viel. Verzweifelt versuchen wir, ihn zu retten, ihn zu reanimieren. Sein Bruder geht vor der T\u00fcr auf und ab, reckt die H\u00e4nde zum Himmel. Irgendwann geben wir auf. Er hat zu viel Blut verloren. <br \/>In diesem Moment h\u00f6rt alles auf. <br \/>Die Welt steht f\u00fcr einen Moment still. <br \/>Tiefe Trauer bei uns allen.<br \/>Er h\u00e4tte \u00fcberlebt, wenn die Hilfe schneller gekommen w\u00e4re. Dieser kleine Tote lastet schwer auf unseren Gem\u00fctern. Er wird nicht der letzte sein.<\/p>\n<p>Die Gesichter sind dann ernst, jeder ist mit sich und seinen Gedanken allein in solchen Momenten. Oft reden wir sp\u00e4ter nochmal dar\u00fcber, was uns bewegt, besch\u00e4ftigt, bedr\u00fcckt. Nicht immer. Manchmal ist mir nicht nach reden zumute, manchmal will ich einfach nur alleine sein, die Tr\u00e4nen laufen lassen und nichts erkl\u00e4ren, aber daf\u00fcr ist hier kein Platz. Also suche ich mir irgendeine Ecke, h\u00f6re Musik und sage, dass ich allein sein will.<br \/>Keine Privatsph\u00e4re. Nirgends und nie. Hier ist es wichtig, sich gegenseitig in Ruhe zu lassen. Ziemlich bald merke ich, dass die st\u00e4ndige Fragerei, ob es mir gut geht, ob alles in Ordnung ist, mir auf die Nerven geht. Ja, es ist wichtig aufeinander zu achten, sich gegenseitig zu signalisieren, dass man f\u00fcreinander da ist, Gespr\u00e4che zu f\u00fchren. Aber in dieser Enge brauche ich auch meinen Raum. Manchmal ist es gar nicht so einfach, richtig zu reagieren, der Grat zwischen N\u00e4he und Distanz ist ziemlich schmal. Im Gro\u00dfen und Ganzen schaffen wir es aber ganz gut, den Mittelweg zu finden.<\/p>\n<p>Irgendwann entwickelt sich hier so etwas wie Alltag. Unsere Crew ver\u00e4ndert sich mit einer gewissen Regelm\u00e4\u00dfigkeit, und auch unsere Wachen und die Sanit\u00e4ter im TSP, bei den Milit\u00e4rs hei\u00dft das CCP &#8211; Casualty Collection Point. Verwundeten-Sammelstelle.<br \/>Die Rettungsstation teilen wir uns mit der 9. Division von der Irakischen Armee. Ohne Milit\u00e4r ist es hier leider unm\u00f6glich zu arbeiten. Zu unsicher. Unsere Guards haben sich im zerst\u00f6rten Hammam nebenan eingerichtet. Einst ein wundersch\u00f6nes Geb\u00e4ude, das k\u00f6nnen wir noch erkennen. Heute nur noch eine Ruine, voller M\u00fcll und leerer Patronenh\u00fclsen. Manchmal gehen wir hier auf das Dach und schauen Richtung Altstadt. Dichte Rauchschwaden steigen dort auf. Die Stadt wird dem Erdboden gleich gemacht, obwohl da immer noch Menschen leben.<\/p>\n<p>Was ich \u00fcber Soldaten, die Armee und Milit\u00e4r denke, vergesse ich hier am besten ganz schnell. Wir leben und arbeiten hier so eng zusammen, dass es unm\u00f6glich ist, sich aus dem Weg zu gehen. Wir essen miteinander, scherzen miteinander und ich beginne bald, die Menschen hinter den Uniformen zu sehen. Alles ganz liebe Leute, aber so ganz kann ich doch nicht ausblenden, welches Gesicht das Milit\u00e4r eigentlich f\u00fcr mich hat und was ich diesen netten Jungs noch so alles zutraue. Einer der Gener\u00e4le, den wir in einem anderen Krankenhaus besucht haben, um unsere Hilfe anzubieten, sagt, dieser Krieg sei so unglaublich, weil sie gezwungen seien, ihre eigene Stadt zu beschie\u00dfen, ihr Land zu zerst\u00f6ren, ihre Leute.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/in-gedanken-bin-ich-noch-immer-in-mossul-KAR_98645B15D.jpg\" alt=\"\" width=\"4928\" height=\"3280\"\/><em>Die Sicherheitslage erfodert den Schutz des irakischen Milit\u00e4rs. Dabei wird auch mal zusammen gegessen. Foto: Kenny Karpov<br \/><\/em><\/p>\n<p>Den Krieg hat sich hier niemand ausgesucht. Die Menschen versuchen, sich zu befreien. Aber was wird hier am Ende noch \u00fcbrig sein? Was bewirkt dieser Krieg in den Menschen, die hier leben? Was machen all diese Bilder von Grausamkeit und Zerst\u00f6rung mit ihnen? Wie lange wird es dauern, bis das alles repariert und wiederaufgebaut ist?<br \/>Und damit meine ich nicht nur die H\u00e4user und Stra\u00dfen\u2026<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zu unserem Alltag. Die N\u00e4chte verlaufen einigerma\u00dfen ruhig. Die Tage wechselhaft. An manchen Tagen machen wir kaum eine Pause. Die Verletzten werden meist mit Humvees, den gepanzerten Fahrzeugen der Armee angeliefert. Oft werden sie irgendwo auf der Stra\u00dfe aufgelesen, oder aus den Tr\u00fcmmern ihrer eingest\u00fcrzten H\u00e4user hervorgezogen. Soldaten und Zivilisten. Frauen, M\u00e4nner, Kinder, Greise. Der Krieg macht da keine Unterschiede. Wir helfen allen. Viele Verletzungen sind frisch, manche sind schon einige Tage alt und nur notd\u00fcrftig versorgt. Hier gibt es Verbrennungen, Schuss- und Schrappnellverletzungen, Br\u00fcche, Quetschungen. Manche, die zu uns gebracht werden, sind regelrecht zerfetzt. Einigen fehlen die Beine, manchen nur ein Finger. Schmerzen haben sie alle. K\u00f6rperliche und seelische. Und alle werden sie ein Leben lang gezeichnet sein. Alle haben schreckliche Verluste erlebt, ich m\u00f6chte mir kaum vorstellen, was diese Menschen mitgemacht haben, das Ma\u00df an innerer Zerst\u00f6rung muss grenzenlos sein.<br \/>Dann gibt es wieder Tage, an denen kaum Trauma-Patienten bei uns ankommen. Nur die zahlreichen Menschen, die hier morgens Schlange stehen, um medizinische Grundversorgung zu erhalten.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck st\u00f6\u00dft irgendwann der italienische Kinderarzt zu uns. Er hat viel zu tun und er tut es mit Hingabe. Das ist schon sein siebter Krieg, sagt er. Er macht seine Arbeit gut und ist unerm\u00fcdlich. Und er macht gute Spaghetti. Bis er kam, habe ich schlecht gegessen, seit er da ist, \u00e4ndert sich das wenigstens ein bisschen.<br \/>Mein Alltag besteht au\u00dferdem darin, den Laden in Schuss zu halten. Wasser auff\u00fcllen, alles M\u00f6gliche reparieren, einkaufen, den \u00dcberblick behalten, wissen, wo was ist, saubermachen. Nein, das ist eigentlich Aufgabe aller, ich mache es trotzdem, besonders, wenn es im TSP brennt. Immer wieder erreiche uns Nachrichten von Selbstmordanschl\u00e4gen. Wir sollten den Markt meiden. Aber wo sollen wir sonst einkaufen? Also fahren wir trotzdem hin. Au\u00dferdem helfe ich im TSP. Tue was ich kann &#8211; viel ist es nicht und oft f\u00fchle ich mich nutzlos und hilflos. Aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen und mache weiter. F\u00fclle die Schr\u00e4nke wieder auf, werfe die blutigen Unterlagen weg, reiche Dinge an und \u00fcbernehme die Dokumentation. <br \/>Die ist einerseits wichtig f\u00fcr das Krankenhaus, denn hier werden Verletzungen, Vitalwerte, Behandlung und Medikation aufgeschrieben. Andererseits auch f\u00fcr eine Statistik der WHO. Wir erfragen au\u00dferdem Namen und Alter der Patienten, auch die Ursache ihrer Verletzungen. Das \u00fcbernimmt Tiger, unser \u00dcbersetzer. Er war jahrelang \u00dcbersetzer bei der Armee, jetzt arbeitet er als Englischlehrer. Und er hat lange auf dem Bau gearbeitet, sp\u00e4ter Eisbl\u00f6cke verkauft, ich wei\u00df nicht, was noch alles. Hier lebt er mit uns zusammen. Er hat drei Kinder und eine Frau, sie leben zwischen Mossul und Erbil, manchmal f\u00e4hrt er sie f\u00fcr ein paar Tage besuchen, dann steht er uns wieder rund um die Uhr zur Verf\u00fcgung. Er ist immer dabei, sieht all das Leid mit an. Einmal sagt er mir, dass er bei jedem Verletzten und bei jedem Toten, bei jeder Trag\u00f6die, die sich vor unseren Augen und unter unseren H\u00e4nden abspielt, innerlich weint. Ich sehe ihm diese Tr\u00e4nen an und f\u00fchle mich ihm verbunden. Mir geht es \u00e4hnlich.<br \/>Aber wir lachen auch viel, tauschen uns aus \u00fcber alles M\u00f6gliche. Tiger kann wunderbar Geschichten erz\u00e4hlen. In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort stelle ich ihn mir als Geschichtenerz\u00e4hler in einem Kaffeehaus vor. Durch ihn bekomme ich eine Ahnung von der Sch\u00f6nheit der arabischen Sprache\u2026<\/p>\n<p>Mittlerweile leben wir hier. Es gab zwischenzeitlich Situationen, wo \u00fcber Flucht und Evakuierung nachgedacht wurde, wo sich die Sicherheitslage versch\u00e4rft hat. Soweit, dass wir fl\u00fcchten m\u00fcssen, kommt es nicht. Einige k\u00fcndigen an, dass sie in jedem Fall hierbleiben w\u00fcrden. Ich frage mich, ob es \u00fcberhaupt jemand von uns fertigbr\u00e4chte, abzuhauen, w\u00e4hrend hier Menschen schwer verwundet eintreffen. Irgendwie ist der Gedanke, hier abzureisen, wenn es brenzlig wird, auch absurd f\u00fcr mich. Hier sitzen hunderttausende Menschen fest und haben nicht die M\u00f6glichkeit \u00fcberhaupt irgendwo hinzugehen. Da sollen wir einfach fahren, weil uns der Krieg nun doch zu nahekommt?<br \/>Trotzdem, der Crewwechsel steht an und ich bin ziemlich reif f\u00fcr eine Pause. Ich brauche Abstand ich brauche Raum f\u00fcr mich. Einfach mal wieder durchatmen, das Geschehene und Gesehene verarbeiten. Am letzten Tag bin ich schon ziemlich wacklig auf den Beinen und m\u00f6chte eigentlich nur noch schlafen.<br \/>Die Abl\u00f6sung ist schon da, ich packe meinen Rucksack, ich bin froh, werde mich ausruhen k\u00f6nnen, gleichzeitig bin ich auch traurig. Trotz all der Anstrengung und des Schreckens, war ich gerne hier, und ich bin mir sicher, dass ich wiederkomme. Aber dar\u00fcber werde ich erst in ein paar Tagen nachdenken\u2026<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/in-gedanken-bin-ich-noch-immer-in-mossul-KAR_91455B15D.jpg\" alt=\"\" width=\"4928\" height=\"3280\"\/><em>Tobi bei der Versorgung einer Fu\u00dfwunde. Foto: Kenny Karpov<br \/><\/em><\/p>\n<p>Jetzt bin ich seit drei Tagen wieder zuhause und bin endlich ausgeschlafen.<br \/>Aber, was ich in den letzten Wochen gesehen habe, l\u00e4sst mich nicht los. In Gedanken bin ich noch immer in Mossul. Noch immer oder schon wieder. Sicherlich hat sich in mir etwas ver\u00e4ndert und sicherlich habe ich einen Teil meiner Unbeschwertheit verloren. Und ich denke, das ist auch gut so. Tobi, der nicht zum ersten mal humanit\u00e4re Hilfe im Kriegsgebiet leistet, sagt, dass das, was in uns zerbricht, angesichts dieser grausigen Erfahrungen, vielleicht auch nur die Illusion einer sch\u00f6nen Welt ist, die an der Realit\u00e4t zerschellt.<br \/>Er hat bestimmt recht, aber ich will nicht aufh\u00f6ren auch an das Sch\u00f6ne zu glauben.<br \/>Es gibt so viele Tr\u00e4nen, die zu weinen sind. Und es gibt noch so viel zu tun!&#34;<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"info\">Ver\u00f6ffentlicht: <time datetime=\"2017-07-06T20:55:00+02:00\">06.07.2017<\/time><br \/>Verfasser*in: von Jonas Gr\u00fcnwald <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Miri war drei Wochen f\u00fcr uns als Technikerin im Einsatz. Sie berichtet mit ihrem ganz pers\u00f6nlichen Blick auf die Situation und ihren Alltag im TSP, zwischen Verwundeten, den Schatten des Kriegs und der Notwendigkeit humanit\u00e4rer Hilfe &#8211; auch \u00fcber die eigenen Belastungsgrenzen hinweg. 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