{"id":9235,"date":"2017-06-22T20:57:00","date_gmt":"2017-06-22T20:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/cadus.madways.de\/unkategorisiert\/zur-situation-auf-der-gefluechtetenroute-durch-europa\/"},"modified":"2017-06-22T20:57:00","modified_gmt":"2017-06-22T20:57:00","slug":"zur-situation-auf-der-gefluechtetenroute-durch-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/artikel\/zur-situation-auf-der-gefluechtetenroute-durch-europa\/","title":{"rendered":"Zur Situation auf der Gefl\u00fcchtetenroute durch Europa"},"content":{"rendered":"<div class=\"ce_text block\">\n<p>So besinnlich die Feiertage und der Jahreswechsel bei uns auch gewesen sein m\u00f6gen, an den Au\u00dfengrenzen Europas herrschen nach wie vor Ausgrenzung, Hunger und K\u00e4lte. Jeden Tag kamen und kommen 1000 bis 3000 Gefl\u00fcchtete auf den griechischen Inseln wie Lesbos, Chios oder Samos an. 3735 Menschen starben 2015 beim Versuch das Mittelmeer zu \u00fcberqueren. Hier der Versuch einer (unvollst\u00e4ndigen) Zusammenfassung der Situation auf der Fl\u00fcchtlingsroute der letzten Wochen:<\/p>\n<h4>Griechenland<\/h4>\n<p>Mehrere unabh\u00e4ngige Organisationen und Personen berichten \u00fcbereinstimmend von den untragbaren Zust\u00e4nden auf Lesbos. \u00dcber die Feiertage warteten um die 5000 Menschen auf eine Registrierung und mit jedem neuen Boot kommen mehr Menschen, die sich in die Warteschlange einreihen m\u00fcssen. Die Gefl\u00fcchteten werden weiterhin nach Nationalit\u00e4ten getrennt und damit in \u201egute\u201c und \u201eschlechte\u201c Fl\u00fcchtlinge unterteilt. W\u00e4hrend sogenannte SIA-Fl\u00fcchtlinge, also Syrer, Afghanen und Iraker, bevorzugt behandelt werden, wurden Marokkaner, Algerier und Tunesier zeitweilig offiziell durch die Beh\u00f6rden im Camp Moria gar nicht mehr registriert. Nach Protesten der rund 500 Betroffenen nahm die griechische Regierung die Registrierung wieder auf. Allerdings ist die Situation mehr als un\u00fcbersichtlich und viele Nordafrikaner*innen werden weiterhin nicht in die Listen aufgenommen und sind der beh\u00f6rdlichen Willk\u00fcr ausgeliefert. Dasselbe gilt f\u00fcr die Registrierungen in Athen.<\/p>\n<p>Viele Menschen haben weiterhin keine \u00fcberdachten, beheizten Unterk\u00fcnfte und m\u00fcssen bei n\u00e4chtlichen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt drau\u00dfen auf dem Boden schlafen. In den wenigen bewohnbaren R\u00e4umem mangelt es an Hygiene, nutzbaren Matratzen und funktionst\u00fcchtigen Sanit\u00e4ranlagen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die griechische Regierung und die EU die menschenw\u00fcrdige Unterbringung der Gefl\u00fcchteten nicht bereitstellen k\u00f6nnen oder wollen, werden unabh\u00e4ngige Initiativen und DIY-Strukturen an ihrer Arbeit gehindert. Am 22.12 wurde die selbstorganisierte Struktur von Platanos in Skala Sikamineas von der \u00f6rtlichen Polizei kontrolliert und mit der R\u00e4umung des Camps gedroht, wenn nicht alle Holzbauten demontiert w\u00fcrden. Des Weiteren drohten sie den dort Anwesenden mit weiteren Repressalien und strafrechtlicher Verfolgung.<\/p>\n<h4>Auf der \u201eBalkan-Route\u201c<\/h4>\n<p>Auch auf ihrem Weg auf der sogenannten \u201eBalkan-Route\u201c m\u00fcssen die Gefl\u00fcchteten mit Schikanierungen rechnen. Besonders ohne g\u00fcltige Papiere der griechischen Beh\u00f6rden, die Gefl\u00fcchtete aus Nicht-SIA Staaten gar nicht erst bekommen, ist eine Weiterreise so gut wie unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Es gibt Berichte \u00fcber verletzte Nicht-SIA-Fl\u00fcchtlinge, die an der mazedonischen Grenze abgewiesen und nach ihrer R\u00fcckkehr von der griechischen Polizei am Zutritt zum Camp von Idomeni gehindert wurden. Im Camp von Idomeni sind freiwillige Helfer nicht erlaubt und werden aktiv von der Polizei behindert. Auch werden beheizte Zelte nicht als Unterkunft f\u00fcr Gefl\u00fcchtete ge\u00f6ffnet und deren Erkrankung billigend in Kauf genommen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt scheint es f\u00fcr Nicht-SIA-Fl\u00fcchtlinge keine sichere Route \u00fcber die mazedonische Grenze zu geben. Es kommt zu zahlreichen \u00dcbergriffen der mazedonischen Polizei und viele Menschen wurden in illegalen Push-Back Aktionen nach Idomeni abgeschoben. Ein durch die mazedonische Regierung verursachter Taxistreik zwingt die reisenden Gefl\u00fcchteten mit den Z\u00fcgen von Gevgelija\u202c nach Tabanovce zu fahren. Diese sind meist unbeheizt, \u00fcberf\u00fcllt und fahren nur im vier bis sechs Stundentakt. Auf Erlass der Regierung wurden die Preise f\u00fcr Zugtickets f\u00fcr Gefl\u00fcchtete von 5\u20ac auf 25\u20ac pro Person angehoben, w\u00e4hren Einheimische weiter f\u00fcr den alten Preis fahren d\u00fcrfen. Diskriminierung in Aktion! Bis die Taxifahrer sich mit der Regierung geeinigt haben, werden die Refugees weiter am Bahnhof in der K\u00e4lte ausharren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nicht besser sieht es in Bulgarien aus. Auch dort gibt es zahlreiche F\u00e4lle von Polizeigewalt gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten. Viele werden verpr\u00fcgelt, ausgeraubt und m\u00fcssen ihre Reise ohne Geld fortsetzen. \u00c4hnliches spielt sich in Serbien ab. Kroatien und Slowenien scheinen die Situation besser im Griff zu haben, die Camps sind in einem besseren Zustand und die Versorgungslage scheint stabil zu sein. Auch gibt es keine uns bekannten Berichte \u00fcber gewaltt\u00e4tiges Verhalten der Sicherheitskr\u00e4fte. Allerdings erschwert Slowenien die Einreise Gefl\u00fcchteter per Zug in den letzten Tagen und fordert Listen mit Namen und Herkunftsland der Reisenden von seinen Nachbarstaaten. Au\u00dferdem werden nur noch vier Z\u00fcge am Tag mit jeweils 940 Personen \u00fcber die Grenze gelassen, sodass mehr Gefl\u00fcchtete an einer Weiterreise gehindert werden.<\/p>\n<h4>Mittel- und Nordeuropa<\/h4>\n<p>Im Rest von Europa sieht es auch nicht rosiger aus. D\u00e4nemark hat Grenzkontrollen zu Schweden und Deutschland wieder eingef\u00fchrt. Beide skandinavischen L\u00e4nder nehmen keine Fl\u00fcchtlinge mehr auf. Auch die Kontrollen an der deutsch-\u00f6sterreichischen Grenze bestehen nach wie vor. Gefl\u00fcchtete, die bei ihrer Ankunft in Deutschland als Zielort Schweden oder D\u00e4nemark angeben, werden wieder nach \u00d6sterreich abgeschoben. In Frankreich wurde das Camp von Calais mehrfach ohne Anlass durch die Polizei mit Tr\u00e4nengas und Gummigeschossen angegriffen. Das Camp in Dunkirk befindet sich in einem miserablen Zustand und von Lebensmitteln, \u00fcber Unterk\u00fcnften, warmer Kleidung und Sanit\u00e4ranlagen bis zu medizinischer Versorgung fehlt es an allem. Auch h\u00e4ufen sich Angriffe von Rechten in Frankreich.<\/p>\n<p>Der Winter setzt den Gefl\u00fcchteten \u00fcberall zu und erschwert die Weiterreise erheblich. Lange Wartezeiten in der K\u00e4lte, Fu\u00dfm\u00e4rsche mit unzureichender Kleidung und \u00dcbernachtungen unter freiem Himmel oder unbeheizten Zelten sind leider an der Tagesordnung. Erste Todesopfer sind zu beklagen. Auch wenn die Bedingungen f\u00fcr weitere \u00dcberfahrten \u00fcber die t\u00fcrkisch-griechischen Gew\u00e4sser immer schlechter werden, landen t\u00e4glich Boote an den Inseln.Die Freiwilligen vor Ort leisten gro\u00dfartige Arbeit, die Anstrengungen der staatlichen Akteure beschr\u00e4nken sich leider meist darauf die Grenzkontrollen zu versch\u00e4rfen und unb\u00fcrokratische Hilfe zu erschweren. Wie sich die k\u00fcrzlich durch die griechische Polizei angek\u00fcndigte ID-Behandlung der freiwilligen Helfer auf die Arbeit dieser auswirken wird, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"info\">Ver\u00f6ffentlicht: <time datetime=\"2016-01-09T15:51:00+01:00\">09.01.2016<\/time><br \/>Verfasser*in: von Jonas Gr\u00fcnwald <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So besinnlich die Feiertage und der Jahreswechsel bei uns auch gewesen sein m\u00f6gen, an den Au\u00dfengrenzen Europas herrschen nach wie vor Ausgrenzung, Hunger und K\u00e4lte.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":9233,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"categories":[80,82],"tags":[],"class_list":["post-9235","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-blog"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9235","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9235"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9235\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9233"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9235"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9235"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cadus.org\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9235"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}