CADUS goes Interschutz: Warum wir Rost und Beulen statt Hightech ausstellen
Veröffentlicht am 1. Juni 2026
von Sebastian Juenemann

Mit einer DIY-Lösung bringen wir ein Stück Realität aus dem humanitären Einsatz im Kriegsgebiet auf die internationale Fachmesse. Warum das nötig ist erläutert unser Geschäftsführer Sebastian Jünemann in diesem Beitrag.
Alle 5 Jahre findet in Hannover die “Interschutz” statt: die Weltleitmesse für Feuerwehr, Rettungswesen, Bevölkerungsschutz und Sicherheit statt. Wir sind dieses Jahr zum ersten Mal als Ausstellende mit dabei. Wohlgemerkt nicht als kommerzieller Aussteller („for-profit“), sondern als NGO auf besondere Einladung.
Wie immer wird auf der Interschutz das Neueste vom Neuen präsentiert: Shiny Hightech-Equipment in seiner vollen Pracht und alles, was sich medizinisches und technisches Einsatzpersonal in einer akuten Krise wünschen würde. Auch wir freuen uns darauf zu sehen, was derzeit das „Top-End“ des Machbaren ist.
Und was stellen wir an unserem Stand aus?
Einen verbeulten, rostigen Van, der provisorisch und innerhalb kürzester Zeit zu einer Ambulanz umgebaut wurde. Und das aus sehr gutem Grund.
Reparieren statt kaufen
Um diesen Grund zu verstehen, braucht es einen kurzen Blick in die Historie von CADUS. Schon 2016/17 begannen wir damit, einen ausgemusterten, alten THW-Allradtruck zu einem mobilen Krankenhaus für Rojava in Nordostsyrien umzubauen. Wir haben das Konzept des „Mobile Hospital“ damals nicht neu erfunden oder etwas Bahnbrechendes entwickelt. Im Gegenteil: Wir haben uns ganz pragmatisch an bestehenden Lösungen auf dem Markt orientiert.
Warum haben wir diese bestehenden Konzepte also nicht einfach gekauft?
Die Antwort ist einfach: Fabrikneue Konzepte sind unfassbar teuer. Hinzu kommt, dass kaum jemand einen komplexen, neuen LKW in einem Kriegsgebiet (einem sogenannten Low-Resource-Setting) vor Ort reparieren kann und nicht zuletzt auch, weil solche Fahrzeugkonzepte nicht lagernd vorrätig sind, sondern immer nur auf Bestellung gebaut werden. Zur mangelnden Nachhaltigkeit durch fehlende Reparaturmöglichkeiten und den Kosten kommt also eine lange Wartezeit, in der wir selbst in unserem eigenen Makerspace in Berlin längst tätig werden konnten.
Wie sich humanitäre Hilfe verändert hat
Aber gehen wir erstmal einen Schritt weiter Richtung Gegenwart in der CADUS-Historie: Mossul 2017. Dort waren wir mit unserem Mobile Hospital im Einsatz und betrieben einen sogenannten Trauma Stabilization Point. Wir haben Schwerstverwundete medizinisch so weit stabilisiert, dass sie überhaupt transportfähig für den Weg ins nächste Krankenhaus waren.
Rettungswagen waren damals absolute Mangelware. Sie wurden jedoch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit vorhandenen Fördergeldern anderswo auf der Welt gekauft, nach Mossul gebracht und dort an Organisationen verteilt. Das ist keine zehn Jahre her, und doch ist es aus heutiger Perspektive kaum noch vorstellbar, wie vergleichsweise einfach das damals funktionierte.
Wir sehen auch aktuell, etwa bei unserem Einsatz als medizinisches Notfallteam in Gaza, dass der freie Zugang für humanitäre Güter und Kraftstoff in Krisengebiete längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
Die WHO hat schon im Rahmen der Covid-Pandemie nach Konzepten für „Ambulanz Conversion“ gesucht. Aus einigen der oben bereits genannten Gründen.
Zu Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine erlebten wir dann, dass selbst die Preise für gebrauchte Rettungswagen massiv in die Höhe schossen. Aus erster Hand mussten wir damals miterleben, wie Menschen mal wieder die Möglichkeit sahen, aus dem Leid anderer Menschen ordentlich Kapital zu schlagen und versuchten, sogar marode Krankenwagen völlig überteuert in Richtung Ukraine zu verkaufen.
Mehr Katastrophen, weniger Geld
Apropos Ukraine: Da Ambulanzen für Intensivtransporte knapp (oder unverschämt teuer) wurden, während gleichzeitig eine große Zahl an Patient*innen versorgt werden musste, setzten wir 2023 ein weiteres Conversion-Projekt um. Wir bauten einen gebrauchten Reisebus zu einer mobilen Intensivstation (MICU) um, mit der vier beatmete Patient*innen gleichzeitig transportiert werden können. Die Open-Source-Dokumentation des innovativen Teils dieses Projekts findet sich hier:
https://www.appropedia.org/Tolocar/MICU_Mobile_Intensive_Care_Unit
Wir haben aber auch zwei weitere Gründe für unser Ausstellungsstück auf der Interschutz: Weltweit sind die verfügbaren Fundings für humanitäre Hilfe in den letzten Jahren dramatisch eingebrochen, während die Anzahl an Krisen und Katastrophen massiv zugenommen hat. Und wie man vielleicht weiß, sind wenig Geld bei gleichzeitig höherem Bedarf eine schwierige Kombination.
Aus den Lessons Learned in der Ukraine ergibt sich auch ein letzter Grund für unsere Ausstellung auf der Interschutz: Ambulanzen und humanitäre Helfer*innen werden zunehmend vorsätzlich zur Zielscheibe staatlicher Akteure wie Russland. Im frontnahen Gebiet können sich reguläre Rettungswagen kaum noch bewegen, ohne Gefahr zu laufen, von Drohnen angegriffen zu werden. Daher greifen Grassroots-Organisationen für Evakuierungen mittlerweile lieber auf ausgemusterte Geldtransporter statt auf gebrauchte Krankenwagen zurück, um durch die Panzerung wenigstens ein Mindestmaß an passivem Schutz zu haben.
Wenn also vom 1. bis 6. Juni Besucher*innen der Interschutz an unseren Stand kommen, soll unser Van zwischen all dem blitzblanken, bunten Metall eine klare Botschaft senden: Der „State of the Art“ der Industrie ist für einen Großteil der Menschen auf dieser Welt schlichtweg nicht verfügbar, eben weil sie jeden Tag wieder in einer existenten Katastrophe aufwachen.
Immer noch: Nie wieder!
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