Meet our Team: Dr. Corinna Schäfer
Veröffentlicht am 2. Juni 2026
von Jonas Gruenwald

Wer an humanitäre Nothilfe denkt, hat meist Bilder von Ärzt*innen im Kopf, die in improvisierten Zelten Leben retten. Doch die Realität heutiger Kriseneinsätze beinhaltet mehr als das. Sie besteht zu einem großen Teil aus Logistik, Infrastruktur und auch immer häufiger digitaler Sicherheit. Unsere Kollegin Dr. Corinna Schäfer ist Mitgründerin von CADUS und leitet heute die IT-Abteilung. Im Gespräch erzählt sie uns, was sie antreibt und wie sie zu CADUS gekommen ist.
Wie stellst du dich und deine Rolle jemandem vor, der mit deiner Arbeit nicht vertraut ist?
Ich leite die IT-Abteilung bei CADUS. Wir stellen sicher, dass in den Einsätzen genügend funktionierende Kommunikationsmittel vorhanden sind und unsere Leute vor Ort wissen, wie sie sie benutzen.
Dazu gehört auch der Datenschutz. Als humanitäre Organisation tragen wir hier eine ganz besondere ethische Verantwortung: Wenn sensible Daten über unsere lokalen Kolleg*innen vor Ort in die falschen Hände geraten, kann das lebensgefährlich sein. Und zu guter Letzt schlägt mein Herz noch für ein ganz praktisches Thema: Wasser. Ich bin immer mal wieder für WASH-Projekte (Water, Sanitation, Hygiene) im Einsatz, zuletzt im Sudan.
Marktrecherche in einem Laden für Sanitärbedarf in Port Sudan im Sudan, 2025. Foto: CADUS
Wie sah dein Weg zur humanitären Nothilfe aus?
Vor CADUS habe ich erst Pflege gelernt, dann Soziale Arbeit studiert und später in Media and Cultural Studies über den deutschen Kolonialismus promoviert. Ich habe mich schon relativ früh während meines Studiums für die humanitäre Hilfe interessiert. Zu der Zeit wurde dort aber leider viel mit rassistischen Stereotypen gearbeitet und White Saviourism* bedient. Also haben wir CADUS ins Leben gerufen, um einen Beitrag dagegen zu leisten. Was mich auch angesprochen hat und bis heute auch noch tut, ist der innovative Lösungsansatz bei unserer täglichen Arbeit.
Wie hat sich deine Arbeit bei CADUS über die Jahre hinweg verändert?
In den Anfangstagen gab es keine festen Abteilungen, da haben einfach alle alles gemacht. Zunächst war ich für die Zusammenstellung der Einsatzteams zuständig, habe mich dann vermehrt um Research und Innovation gekümmert und war schließlich eine Weile in der Geschäftsführung.
Doch der Wunsch, wieder mehr im „Hands-on“-Bereich zu arbeiten und Zeit für tiefergehende Themen zu haben, führte mich zurück zu den konkreten Projekten. Als der damalige IT-Verantwortliche die Organisation verließ, übernahm ich den Aufgabenbereich. Seither sind die Anforderungen so massiv gewachsen, dass daraus eine eigene Abteilung entstanden ist.
Du warst für CADUS schon häufig im Einsatz. Kannst du einen Moment mit uns teilen, in dem du dachtest: „Genau deshalb bin ich hier“?
Ich habe viele solcher Momente erlebt, da ist es schwierig, sich einen einzigen auszusuchen. Aber zutiefst beeindruckt hat mich mein Einsatz in Gaza Anfang 2024. Wir als internationales Team hatten viele Privilegien. Ein festes Ausreisedatum, eine koordinierte Unterkunft. Die Kolleg*innen vor Ort haben das alles nicht. Sie leben mitten in dieser Kriegssituation ohne Enddatum und haben keine andere Wahl, als jeden Tag weiterzumachen.
Corinna mit dem CADUS-Team im Trauma Stabilization Point vom Palsätinensichen Roten Halbmond in Gaza, 2024. Foto: CADUS
Was hat dich diese Arbeit über dich selbst gelehrt, dass du vor deiner Zeit bei CADUS noch nicht wusstest?
Ich habe herausgefunden, dass ich in wirklichen Gefahrensituationen sehr ruhig bleiben kann und sehr konzentriert reagiere. Wer mich privat kennt, weiß, dass ich im Alltag bei Problemen auch mal gestresst bin. Aber im Einsatz funktioniert der Fokus. Ich habe gelernt, dass ich mich in brenzligen Situationen auf mein eigenes Handeln verlassen und mich schnell auf neue Dynamiken einstellen kann.
Gibt es bei all dem, was auf der Welt passiert, etwas, das dir Hoffnung gibt?
Mir gibt Hoffnung, dass ich immer wieder Menschen erlebe, die in den schwierigsten Situationen stecken und sich dennoch nicht unterkriegen lassen, sondern die Kraft finden, ihre Welt zu verändern.
Und es gibt mir Hoffnung, dass wir nicht alleine sind. Es gibt so viele verschiedene Gruppen, Initiativen und Verbände, die bedingungslose Solidarität leben. Denen es nicht darum geht, was sie dafür zurückbekommen, sondern einfach darum, ein besseres Leben für alle zu schaffen und anderen Menschen in der Not zur Seite zu stehen.
*White Saviourism: engl. weiße*r Retter*in, wird eine weiße Person genannt, die nicht-weißen Menschen auf eigennützige Weise Hilfe leistet, um sich selbst aufzuwerten. Ein*e White Savior ist somit von einem*einer Ally zu unterscheiden. Die oft unbeabsichtigte, aber reale Folge ist eine Abwertung armer, nicht-weißer Menschen. Beispielhaft dafür sind Fotos oder Reiseberichte von Weißen und ihren Begegnungen mit Kindern in Armut. White Saviorism wird häufig bei internationalen Charity-Projekten kritisiert. Quelle: NdM
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