
Zwei Jahre Nothilfe in Gaza
Im Februar 2024 haben wir unseren bisher herausforderndsten Einsatz begonnen: Seit mittlerweile zwei Jahren unterstützen wir mit einem medizinischen Team die Menschen in Gaza. Trotz aller Widrigkeiten.
Nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 07. Oktober 2023 und dem anschließenden Großangriff durch das israelische Militär, entsandten wir im Februar 2024 unser erstes Team nach Gaza. Die Herausforderungen für die Logistik waren aufgrund der strikten Einfuhrregeln enorm, der Einsatz eines großen Teils unseres Standardequipments war aufgrund der Dual-Use Regelungen* gar nicht möglich. Hinzu kam die äußerst angespannte Sicherheitslage, der wir bis heute mit engmaschigem Monitoring und genauester Koordinierung mit der UN und anderen Organisationen begegnen.
Medizinische Unterstützung
Mitte Februar begann unser medizinisches Team, die Notaufnahme im European Gaza Hospital zu unterstützen. Kurz darauf folgte die Zusammenarbeit mit dem Palästinensischen Roten Halbmond (PRCS) in dessen Trauma Stabilisation Point (TSP). Durch die Angriffe wurden die Krankenhäuser regelmäßig schlagartig mit dutzenden schwerverletzten Patient*innen geflutet – eine überwältigende Aufgabe für jedes Krankenhaus weltweit und besonders für eines in einem Kriegsgebiet mit begrenzten Ressourcen.

Leere Blutkonserven, Infusionen und Latex-Handschuhe zeugen von der dramatischen Lage in den Krankenhäusern in Gaza, in denen die Verletzten nach Angriffen der israelischen Armee Hilfe suchen. Foto: Mattia Bidoli
Wir waren schockiert von der schieren Zahl der Verletzten und Toten, darunter viele Kinder und Jugendliche. Von Anfang an befanden sich die Palästinenser*innen in einer ausweglosen Situation. Eine Flucht über die geschlossenen Grenzen war nicht möglich, mehrfach wurden die Menschen innerhalb von Gaza durch Anweisungen der israelischen Armee vertrieben und überall und zu jeder Zeit konnte bombardiert werden.
Rettungskräfte in Gefahr
Bereits im März 2024 übernahmen wir die MedEvacs, also den Transport von schwerkranken und -verletzten Patient*innen, innerhalb Gazas von PRCS, da die Sicherheit unserer palästinensischen Kolleg*innen nicht mehr gewährleistet werden konnte.
Trotz enger Absprache mit den israelischen Behörden über die WHO wurden auch unsere Teams während genehmigter MedEvacs immer wieder von der israelischen Armee blockiert, bedroht und beschossen.

Nur mit Helm und Schutzweste können unsere Mitarbeiter*innen arbeiten – das Risiko von Beschuss und Schrapnellen besteht überall in Gaza. Foto: CADUS
Leider waren das keine Einzelfälle: Gaza ist für humanitäre Helfer*innen der bisher tödlichste Konflikt der jüngeren Geschichte. Auch wenn immer wieder internationale Helfer*innen getötet wurden, sind es hauptsächlich palästinensische Rettungskräfte, die entgegen international geltendem Recht erschossen und bombardiert werden.
MedEvacs
Im Mai 2024 begann die israelische Armee ihre Offensive in Rafah und der Grenzübergang nach Gaza wurde endgültig geschlossen. Währenddessen wurden immer mehr Krankenhäuser zwangsgeräumt oder zerstört, sodass immer weniger Patient*innen innerhalb von Gaza behandelt werden konnten. Im August begannen wir in Zusammenarbeit mit der WHO und PRCS die internationalen MedEvacs. Schon damals benötigten tausende Patient*innen eine Behandlung im Ausland wegen fehlender Möglichkeiten innerhalb von Gaza. Seither ist die Zahl auf derzeit ca. 18.500 gestiegen.
Häufig finden die MedEvacs in langen Konvois, quer durch die zerstörten Städte Gazas, statt. Foto: CADUS
Wir freuten uns über jeden erfolgreichen MedEvac, besonders für die Patient*innen, die wir an die Grenzen von Gaza transportierten: sie hatten die Erlaubnis für eine Ausreise und eine Behandlung im Ausland erhalten. Gleichzeitig war uns bewusst, dass wir mit all dem Aufwand und dem Risiko nur einen Tropfen auf den heißen Stein darstellen konnten. Lebenswichtig für den Einzelnen, kaum ein Unterschied für die Masse.
Leid und Mangel
In der Zwischenzeit begannen wir damit, medizinische Trainings für lokale Kolleg*innen zu geben und die Einsätze von UN- und anderen Organisationen medizinisch abzusichern. Das Ausmaß der Zerstörung und des Leids, dass uns während unserer Arbeit in den vergangenen zwei Jahren begegnete war beispiellos und auch für kriegserfahrene Kolleg*innen nur schwer ertragbar.
Während der Begleitung eines UN-Einsatzes macht ein Mann auf sich aufmerksam. Er hat keine Beine mehr, sitzt seit Tagen in den Ruinsen seines zerstörten Hauses fest und ist stark dehydriert. Unser Team kann ihn ins nächste Krankenhaus bringen, wo er behandelt wird. Foto: Mattia Bidoli
Der allgemeine Mangel war damals und ist immer noch allgegenwärtig. Preise für Lebensmittel, Treibstoff und Babynahrung schnellten in die Höhe, Medikamente gingen zur Neige. Mit dem Waffenstillstand von Januar bis März 2025 stellte sich eine leichte Verbesserung ein, hunderte LKW am Tag erreichten Gaza, leise Hoffnung auf ein Ende des Krieges war spürbar. Beinahe täglich führten wir in dieser Zeit MedEvacs durch.
Waffenstillstand?
Mit Beendigung des Waffenstillstand Mitte März 2025 zerschlugen sich die Hoffnungen und die israelische Armee bombardierte den Norden Gazas heftiger als je zuvor. Auch für unsere Teams wurde es gefährlicher, nachdem ehemals etablierte Wege um Bewegungen und Standorte unserer Teams mit der israelischen Armee zu teilen, plötzlich nicht mehr vorhanden waren.
Für die Menschen in Gaza gibt es keinen sicheren Ort. Zehntausende wurden mehrfach innerhalb des Küstenstreifens vertrieben, es mangelt an Unterkünften, sanitären Einrichtungen, Lebensmitteln. Viele werden wohl nie wieder in ihre Häuser zurückkehren können – nur Schuttberge sind von ihnen übrig geblieben. Foto: Mattia Bidoli
In den darauffolgenden Monaten wurde für Teile Gazas eine Hungersnot ausgerufen und die von der israelischen und amerikanischen Regierung eingesetzte Gaza Humanitarian Foundation (GHF) scheiterte mit Toten und Verletzten, verursacht durch die GHF, an der Verteilung von Hilfsgütern. Die Hamas und die israelische Regierung nahmen ihre Verhandlungen wieder auf, in deren Folge ein weiterer (brüchiger) Waffenstillstand vereinbart, alle Geiseln und Leichen an Israel übergeben und der Grenzübergang in Rafah geöffnet wurde. Seither stockt die Umsetzung des sogenannten Friedensplans.
Nothilfe trotz Gegenwind
Derweil wird der Bewegungsspielraum für die lebensnotwendige humanitäre Hilfe immer enger, wie die jetzt durch die israelische Regierung in Kraft gesetzte Registrierungspflicht für in Gaza arbeitende Organisationen zeigt. Die trotz aller Bemühungen ohnehin kaum ausreichende Unterstützung für die Menschen in Gaza droht komplett zusammenzubrechen.

Wir sind fest entschlossen auch in Zukunft die Menschen in Gaza zu unterstützen – mit Solidarität, Hingabe und der Hoffnung auf einen baldigen, gerechten Frieden. Foto: Ruben Neugebauer/CADUS
Auch die Pläne des sogenannten Board of Peace unter der Führung von Donald Trump und ohne Beteiligung palästinensischer Vertreter*innen, lässt die Menschen in Gaza unsicher in die Zukunft blicken. Nach zwei Jahren Krieg hat auch die teilweise Grenzöffnung in Rafah bisher keinen nennenswerten Wandel der Situation vor Ort bewirkt.
Allen Widerständen und Unsicherheiten zum Trotz setzen wir unsere humanitäre Nothilfe so lange wie möglich fort und arbeiten daran, sie sogar noch auszuweiten. Hoffen wir, dass sie bald nicht mehr nötig sein wird.
*Dual-Use: Material, das neben ziviler Anwendung auch militärisch, in diesem Fall also durch die Hamas, genutzt werden könnte (z.B. Generatoren, Solarmodule, Werkzeug, etc.).
by Jonas Gruenwald
CADUS Statement Ereignisse Gaza 08.06.24
Vier befreite Geiseln und hunderte Tote und Verletzte - das ist die bisherige Bilanz des heutigen Tages in Gaza. Zwei CADUS-Teams unterstützen bei der Versorgung der Patient*innen in Gaza im Al-Aqsa und Al-Awda Krankenhaus. Wir sind schockiert von der
Einsatzübung für den Ernstfall: CADUS trainiert in fiktiver Volksrepublik Rhinepfals
Zum zweiten Mal sind Ende Mai 2024 die verschiedenen Emergency Medical Teams (EMTs) aus Deutschland zusammengekommen, um gemeinsam für den Ernstfall einer humanitären Katastrophe zu trainieren. Von Ronja Heinemann. Teilgenommen haben außer CADUS die Teams von Humedica, den Johannitern und
Gaza: 1000 Patient*innen und kein Ende
Vor wenigen Tagen hat unser Team in Rafah, Gaza den tausendsten Patienten im Trauma Stabilisation Point (TSP, also ein Versorgungspunkt für Schwerverletzte) vom Palästinensischen Roten Halbmond (PRCS) versorgt. Fast ein Drittel unserer Patient*innen ist dabei unter 18 Jahre alt.
Newsletter Anmeldung
Bleibe informiert über unsere Einsätze, Veranstaltungen und Themen aus der Humanitären Nothilfe – mit unserem Newsletter!
Ich möchte mich vom Newsletter abmelden.



