Ceuta und die von der EU verdrängten Fluchtursachen
Veröffentlicht am 6. August 2026
von Simon Strutwolf

Im Kommentar-Format „Off the Record“ bieten wir unseren Mitarbeiter*innen und Volunteers den Raum ihre Erfahrungen aus Einsätzen und der Arbeit von und mit CADUS, Gedanken zu humanitärer Hilfe, Politik und Gesellschaft zu teilen. Dabei müssen die Äußerungen nicht zwingend die Meinung der Organisation CADUS wiedergeben.
Warum die aktuelle Debatte an Zäunen und Kontrollverlust hängen bleibt, statt koloniale Geschichte und globale Ungleichheit als eigentliche Fluchtursachen zu benennen.
Innerhalb weniger Tage haben nach Angaben der spanischen Zentralregierung in Ceuta rund 50.000 bis 60.000 Menschen versucht, die spanische Exklave in Nordafrika zu erreichen. Aktuell wird von 70 Personen ausgegangen, die diesen Versuch mit ihrem Leben bezahlt haben. Sie sind ertrunken oder im Gedränge am Zaun ums Leben gekommen, die höchste Zahl an Toten seit der tödlichen Grenzoperation durch die spanische Polizei in Tarajal 2014.Und schon wieder beginnt derselbe Reflex:
In den Medien ist von einer „Flüchtlingswelle nach Spanien” die Rede, die suggeriert, Zehntausende hätten das europäische Festland erreicht. Eine Behauptung mit Methode, eine perfide Berichterstattung, um rechte Narrative zu befeuern.
Ceuta ist nicht das europäische Festland, sondern eine nordafrikanische Enklave, ausgewiesen als EU-Gebiet, aber explizit kein Teil des Schengen-Raums, und trotzdem reicht es, um in Brüssel, Berlin und europaweit für einen Aufschrei zu sorgen und die immer gleiche Forderung auszulösen: schärfere Migrationspolitik, mehr Abschottung, mehr Grenzschutz. Die Symptome werden bekämpft. Die Ursachen bleiben unberührt.
Ceuta, eine Stadt von vielen, mit ähnlicher Geschichte, ein Überbleibsel europäischer Expansion auf afrikanischem Boden, eine spanische Verwaltungseinheit mitten in Marokko, die es nur gibt, weil eine Kolonialmacht sich vor Jahrhunderten Territorium aneignete und diese Aneignung bis heute nicht rückgängig gemacht hat. Das ist kein historisches Detail, das man als Randnotiz abtun kann, sondern die Fortsetzung eines strukturellen Unrechts: Ein europäischer Staat hält ein Gebiet auf einem anderen Kontinent, gegen den erklärten Willen des Nachbarlandes und der seit jeher dort ansässigen Bevölkerung.
Dass ausgerechnet an diesem Ort jetzt über „Kontrollverlust” und „Eindringen illegaler Menschengruppen” diskutiert wird, ist an Zynismus kaum zu überbieten. Es ist ein Muster, das aus anderen Regionen der Erde vertraut ist, in denen koloniale Grenzziehungen bis heute andauernde Kriege und Konflikte befeuern.
Fluchtgründe sind vielfältig und können nicht verallgemeinert werden, aber sie haben meist eines gemein: Sie entstehen aus dem Antrieb eines Menschen heraus, aus den Strukturen zu entkommen, in denen er überleben muss, und aus der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Genau an diesem Punkt geht die Debatte, die jetzt wieder losgeht, komplett am Kern vorbei. Es wird über Zäune, Militär, Rückführungen und Kontrollverlust gesprochen. Nicht darüber, warum Menschen überhaupt bereit sind, ihr Leben zu riskieren und sich aus ihrem Geburtsland aufzumachen in der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Fluchtbewegungen haben eine Ursache und sie entstehen nicht grundlos. Sie sind adressierbar, und sie liegen näher an Europa, als es der öffentlichen Debatte lieb ist.
Sie liegen in kolonialen Grenzziehungen, die Europa bis heute nicht als eigene Geschichte begreifen will.
Sie liegen in einer Klimakrise, die in Teilen West- und Nordafrikas Dürren und Wasserknappheit verschärft, verursacht überwiegend von jenen Staaten, die heute am lautesten nach dichteren Grenzen rufen.
Sie liegen in Waffenexporten und geopolitischen Stellvertreterkonflikten, an denen europäische Staaten mitverdienen, während sie Menschen abweisen, die vor genau diesen Kriegen fliehen.
Sie liegen in EU-Migrationsabkommen mit autoritären Regimen, bei denen Grenzschutz ausgelagert und mit Geld und diplomatischem Wegsehen bezahlt wird, wodurch Migration selbst als politische Waffe missbraucht wird.
Sie liegen in einer globalen Wirtschaftsordnung, die Profit und Wachstum über alles andere stellt.
Ein System, das eigentlich den Menschen dienen soll, sie aber ignoriert, sobald sie diesem Zweck im Weg stehen. Und das genau dadurch zu einer ewig hungrigen Maschine wird, die nur auf den eigenen Erhalt aus ist. Es ist ein System, das Menschen in Klassen unterteilt, ihnen Rechte zu- oder abspricht, je nachdem, auf welcher Seite des Zauns sie geboren wurden.
Nichts davon wird durch mehr Zäune, mehr Militär oder schärfere Asylgesetze auch nur berührt. Es wird höchstens verschoben – an den nächsten Zaun, die nächste Küste, an die nächste Grenze, an denen Menschen abgewiesen werden oder ihr Leben lassen. In der westlichen Welt gerade mal eine Schlagzeile, ein Instrument für rechte Hetze, das zum Spinnen neuer Narrative führt, die für noch mehr Hass und Abgrenzung sorgen, ein weiterer Grund, um sich den eigentlichen Ursachen nicht stellen zu müssen und stattdessen Menschen auf der Flucht zu kriminalisieren.
Genau deshalb: Fuck Charity, Love Solidarity.
Charity ist die Geste, die sich um Symptome kümmert, ohne die Ursachen je infrage zu stellen. Retten, helfen, spenden – notwendig, ja, solange das System läuft, wie es läuft, und solange niemand bereit ist, an den fundamentalen Problemen etwas zu ändern. Aber Charity bleibt genau dort stehen: Sie tut das Notwendige und geht danach zur Tagesordnung über, ohne zu fragen, warum die Rettung überhaupt nötig war. Charity ist ein Freikaufen von Verantwortung, ohne sich mit ihr auseinandersetzen zu müssen, eine Geste, die genau dann endet, wo sie unbequem wird – wo sie die eigene Position infrage stellen, das eigene Verhalten ändern müsste. Es ist ein Akt der Gnade, und Gnade kann nur gewähren, wer sich in einer privilegierten Position befindet: wer genug hat, um zu geben, ohne selbst etwas riskieren oder aufgeben zu müssen.
Solidarity heißt, genau diese Frage zu stellen, unbequem zu bleiben und die Verantwortung dort zu suchen, wo sie liegt: in kolonialer Herrschaft, die bis heute nicht beendet ist, in geopolitischer und wirtschaftlicher Ausbeutung, und in einer Politik, die lieber Mauern baut, als die Ursachen von Flucht zu bekämpfen. Anders als Charity, geschieht Solidarity auf Augenhöhe, sie versucht, Probleme miteinander zu lösen, nicht für jemanden oder an jemandem vorbei. Sie ist radikal im ursprünglichen Sinne des Wortes: Sie geht ein Problem an seiner Wurzel an, statt es zu verwalten. Solange Menschen auf der Flucht kriminalisiert werden, anstatt das Fluchtursachen angegangen werden, wird sich an dieser geführten Debatte und ihrem gesellschaftlichen Umgang damit auch nichts ändern – es wird nur verlagert an den Ort, an dem der nächste Zaun steht.
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Gesundheit und Demokratie
Um das Gesundheitssystem in Deutschland steht es nicht zum Besten. Doch nicht nur wegen der Gesundheit sollten wir uns dafür stark machen.
Update Venezuela
Wir stehen in den Startlöchern für einen Einsatz zur Unterstützung der medizinischen Versorgung in Venezuela in Folge des verheerenden Erdbebens. Eine Zwischenstandsmeldung.



