Gesundheit und Demokratie
Veröffentlicht am 13. Juli 2026
von Jonas Gruenwald

Im Kommentar-Format „Off the Record“ bieten wir unseren Mitarbeiter*innen und Volunteers den Raum ihre Erfahrungen aus Einsätzen und der Arbeit von und mit CADUS, Gedanken zu humanitärer Hilfe, Politik und Gesellschaft zu teilen. Dabei müssen die Äußerungen nicht zwingend die Meinung der Organisation CADUS wiedergeben.
Um das Gesundheitssystem in Deutschland steht es nicht zum Besten. Doch nicht nur wegen der Gesundheit sollten wir uns dafür stark machen.
Pflegenotstand, unterbezahltes und überarbeitetes Personal im Krankenhaus und im Rettungswesen, Schließungen von Krankenhäusern und Apotheken – die Liste der Probleme im deutschen Gesundheitssystem ist lang. Die aktuelle Regierung scheint dem wenig entgegenzusetzen zu haben (oder zu wollen). Vielmehr verstärkt sie das Problem mit Kürzungen wie bei der Psychotherapie oder fragwürdigen Änderungen bei Krankmeldungen. Eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen von medizinischen Personal als auch der Patient*innenversorgung ist zu befürchten.
Keine Selbstverständlichkeit
Seit über 10 Jahren bin ich Teil von CADUS. Was mir immer wieder während unserer Einsätze, ob in Syrien, Irak, Gaza, Sudan oder anderen Ländern, vor Augen geführt wird: eine funktionierende Notfallrettung und umfassende Krankenversorgung ist keine Selbstverständlichkeit. Nur die wenigsten Länder verfügen über ein System, wie wir es in Deutschland haben. Ein Luxus. Aber einer, den wir als Gesellschaft unbedingt erhalten müssen.
Schützenswertes Fundament der Gesellschaft
Die Grundidee eines Gesundheitssystems, in dem jedem Menschen geholfen wird, unabhängig von vorhandenen oder zugeschriebenen Merkmalen und bei dem die Kosten von der Allgemeinheit getragen werden, ist ein Grundpfeiler einer sozial gerechten und demokratischen Gesellschaft.
Die Idee, Patient*innen allein aufgrund der medizinischen Notwendigkeit zu behandeln, ist auch Basis der humanitären Nothilfe. Die Frage, ob sich jemand Hilfe leisten kann, sollte nicht einmal aufkommen. Vor dem Gesundheitssystem sind wir alle gleich – gelebte Utopie.
Erhalten und Verbessern
Diesen Idealzustand gab es natürlich nie. Auch die jetzigen Probleme bestehen teilweise schon seit Jahrzehnten. Immer wieder wurde u.a. von Verbänden, Patient*innenorganisationen und Gewerkschaften darauf hingewiesen. Besonders im ländlichen Raum werden Kliniken geschlossen und die Notfallrettung hat zunehmend Schwierigkeiten ihre Dienste anbieten zu können (Stichwort: Ambulance Desert). Erste Landkreise legen die Kosten mittlerweile auf die Patient*innen um. Aus Angst vor Kosten könnten zukünftig vor allem ärmere Menschen zögern, den Notruf zu wählen. Noch mehr als sonst könnte der eigene Geldbeutel bald über die eigene grundlegende medizinische Versorgung entscheiden.
Dennoch: Wir haben bereits ein System, auf dem, bei allen Problemen, aufgebaut werden kann. Wir sollten als Gesellschaft wertschätzen, was wir an diesem hohen Standard der Gesundheitsversorgung haben und es nicht nur als finanzielle Belastung behandeln, die beseitigt werden muss. Ziel muss es sein, gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen zu finden und das System weiter zu verbessern, als es Stück für Stück abzubauen.
Medizin wirkt – auch auf die Gesellschaft
Denn zusätzlich zu einer schlechteren medizinischen Versorgung, käme der Schaden in das Vertrauen in funktionierende Institutionen und eine Gesellschaft, die alle Bedürfnisse und Lebensrealitäten miteinbezieht. Gesundheit ist eine Voraussetzung für Teilhabe an einer Gesellschaft, deren demokratischer Prozesse und einem friedlichen Zusammenleben. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der die nächste Krankheit automatisch den persönlichen Ruin bedeuten kann.
In unseren Einsätzen unterstützen wir auch deshalb lokale Gesundheitsakteure mit Trainings, Fahrzeugen, Equipment und Strukturaufbau. Nicht nur weil es den Menschen ganz direkt hilft, sondern weil es Gesellschaften stärkt, den Zusammenhalt fördert und eine Gesellschaft resilienter macht. Hier wird dann auch ein eklatanter Widerspruch zu sonstigen Forderungen der Politik sichtbar, dass Deutschland wieder resilienter werden müsse. Warum dann nicht bei Gesundheitsversorgung und sozialem Zusammenhalt anfangen?
Wer sich keine Gedanken darum machen muss, ob ihm bei einem medizinischen Notfall geholfen werden kann, hat weniger Sorgen. Und gleichzeitig mehr Kapazitäten, sich anderweitig um Familie, Freund*innen und Nachbar*innen zu kümmern. Es lebt sich freier, mit dem Wissen um bedingungslose Hilfe im Notfall.
So eine solidarische Freiheit sollte doch das Ziel einer emanzipierten Gesellschaft sein. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, statt zu kürzen und zu spalten.
Über den Autor:
Jonas ist seit 2015 Teil von CADUS und hat seitdem von Vorstand bis Logistik schon viele Positionen in der Organisation bekleidet. Seit einigen Jahren ist er vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit und im WASH-Bereich tätig. Über die humanitäre Hilfe hinaus ist er interessiert an politischen und gesellschaftlichen Themen und bringt sich auch ganz praktisch für eine solidarischere Gesellschaft ein.
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