
Das Feldkrankenhaus mit roten Metallrahmen im Lager al-Hol kurz nach Fertigstellung 2019. Foto: CADUS
Syrien: Ehemaliges CADUS Feldkrankenhaus in al-Hol niedergebrannt
Nach dem Rückzug der kurdischen Sicherheitskräfte aus dem Lager al-Hol, aufgrund von Gefechten mit syrischen Regierungstruppen, kam es zu gewaltsamen Unruhen innerhalb des Lagers. Ein Interview über die Situation vor Ort mit Adrian, einem Mitarbeiter der Organisation Sîler.
Die Kämpfe der letzten Wochen in Syrien, zwischen den kurdisch geprägten Syrian Democratic Forces (SDF) und den Regierungstruppen unter dem neuen Machthaber al-Sharaa, haben viele verunsichert. Beide Seiten werfen sich vor, die Situation provoziert und verschärft zu haben. Mittlerweile herrscht Waffenruhe, wie lange der Frieden hält, ist aber ungewiss.
Während der Kämpfe haben sich Truppen der SDF auch aus dem Lager al-Hol zurückgezogen, in dem unter anderem viele Familien von (ehemaligen) Kämpfern des sogenannten “Islamischen Staates” untergebracht waren und bewacht wurden.
CADUS hat dort von 2019 bis 2023 ein Feldkrankenhaus aufgebaut und betrieben, das von Sîler, einer von lokalen Mitarbeiter*innen des Krankenhauses gegründeten Organisation, übernommen wurde.

Das Feldkrankenhaus wurde komplett geplündert und in Brand gesteckt. Teile des Gebäudes sind komplett niedergebrannt. Hier ist der Wartebereich für die Triage zu sehen, die Schäden durch die Flammen sind deutlich erkennbar. Foto: Sîler
Mit den gewaltsamen Unruhen im Lager al-Hol endet die rund sechs jährige Geschichte des Feldkrankenhauses vorerst und mit ihr die einzige umfassende medizinische Versorgungsmöglichkeit der Menschen vor Ort.
Adrian, Mitarbeiter der Organisation Sîler, schildert die Ereignisse der letzten Woche und wie sie ihre humanitäre Arbeit fortsetzen wollen:
Wie geht es euren Mitarbeiter*innen?
Unsere Mitarbeiter*innen sind sicher, aber tief betroffen von der Zerstörung des Feldkrankenhauses, das sie jahrelang mit Hingabe betrieben haben. Der Verlust hat uns alle emotional getroffen, aber wir sind entschlossen, unsere Arbeit fortzusetzen.
Was genau ist in al-Hol passiert?
In Al-Hol hat die syrische Armee kürzlich die Kontrolle übernommen. Diese Machtverschiebung führte zu einem Sicherheitsvakuum, das Plünderungen und Brände begünstigte. Unser Feldkrankenhaus wurde dabei schwer beschädigt. Die Unsicherheit hat zu weiteren Vorfällen von Gewalt und Chaos geführt, und viele Bewohner des Lagers haben die Gelegenheit genutzt, um zu fliehen. Die Lage bleibt äußerst prekär.
Wie habt ihr die Entwicklungen der letzten Wochen in Syrien erlebt?
Die Entwicklungen der letzten Wochen haben Rojava an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Die Offensive der syrischen Regierung gegen die kurdisch geführten Kräfte hat die gesamte Region destabilisiert. Während Al Hol jetzt mittlerweile von Damaskus kontrolliert wird, sehen wir diese Situation auch als Teil einer größeren Krise, die das gesamte Gebiet betrifft und eine riesige humanitäre Krise verursacht. Der Zugang zu Unterstützung ist für kurdische Organisationen dabei um ein vielfaches schwieriger, als es für Organisationen im von Damaskus kontrollierten Gebiet ist, da die meisten internationalen Geldgeber sich mittlerweile auf Damaskus fokussieren und die kurdischen Gebiete fallen lassen.
Welchen Einfluss hatte das auf eure Arbeit? Wie habt ihr reagiert?
Durch die Kämpfe in Aleppo sind viele Familien aus der Stadt in Richtung Rojava geflohen. Wir haben diese Familien schnellstmöglich unter anderem mit Lebensmitteln, Decken und Windeln versorgt. Wir bereiten uns darauf vor, die Menschen auch weiterhin zu versorgen.

Mitarbeiter*innen von Sîler verteilen Hilfsgüter an Familien, die vor den Kämpfen in Aleppo geflohen sind. Foto: Sîler
Wie geht es weiter mit Sîler und eurer Arbeit in Al Hol?
Die Zerstörung des Krankenhauses hat unsere medizinischen Kapazitäten stark eingeschränkt. Wir haben schnell reagiert, um unsere Teams zu schützen und planen nun, unsere Unterstützung außerhalb des Lagers in Rojava neu zu fokussieren. Unser Engagement für die Region und die betroffenen Gemeinschaften bleibt ungebrochen. Ob und wie wir nochmals in Al Hol aktiv werden können, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar.
Was sind die größten Bedarfe gerade?
Der Bedarf an medizinischer Versorgung, sicherer Unterkunft und humanitärer Hilfe ist enorm. Die Menschen benötigen Decken, Heizer, Kleidung und Essen, um die Lücken zu füllen, die durch die jüngsten Ereignisse entstanden sind.
Wie kann man Sîler unterstützen?
Die beste Unterstützung bieten Spenden, die direkt in unsere Hilfsprojekte fließen. Ebenso wichtig ist es, Informationen über die Geschehnisse in Rojava* zu teilen, um das Bewusstsein für die Situation zu schärfen.
Möchtest du noch etwas loswerden?
Wir sind unglaublich dankbar für die Unterstützung, die wir bisher erhalten haben. In dieser schwierigen Zeit zählen wir mehr denn je auf die Solidarität und Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, um unsere Mission fortzusetzen.
Mehr Informationen zu Sîler und ihrer humanitären Arbeit in Nordostsyrien kannst du hier erfahren: siler-crisis-response.org
*Bezeichnung für die mehrheitlich kurdische Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, Anmerk. d. Redak.
by Jonas Gruenwald
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