Eine Patientin wird auf einer Trage liegend beatmet und von zwei Personen behandelt.
Eine Patientin wird beatmet. Symbolbild. ©CADUS

Arbeiten im Zeichen der Krise(n)

Seit nunmehr zwei Wochen kennt das Tagesgeschehen neben der Gesundheitskrise, ausgelöst durch die Krankheit COVID-19, und die sich dramatisch verschlechternde Weltwirtschaftslage, gleicher Auslöser, andere Ursache, kaum noch andere Nachrichten. Clubsterben, Einzelhandel, Rettungsschirme, Reise- und Kontaktbeschränkungen, all das steht in einem Zusammenhang mit der gegenwärtigen Pandemie.

Auch wir sind als Individuen und humanitäre Nichtregierungsorganisation natürlich in dieses System eingebunden, von dessen banalen und manchmal gravierenden Zwängen betroffen und in unserer Arbeit beeinflusst. Dieser Text zum Beispiel entsteht gerade im Home Office statt in unserem Büro. Statt kurzer Nachfragen zu Inhalten über den Tisch bedarf es jetzt Telefonate, ist unkompliziert aber trotzdem ein anderes Arbeiten.

Für unsere Arbeit in Irak und Nordostsyrien haben die Entwicklungen seit Ende Februar die Arbeit noch einmal deutlich schwieriger werden lassen. Zur verabschiedeten Sicherheitsratresolution, die den Zugang in diesem Landesteil verunmöglicht, haben wir bereits Stellung bezogen.

Zahlreiche, notwendige Maßnahmen zur Eindämmung des Virus' sowohl in Irak als auch Syrien betreffen uns und andere Hilfsorganisationen zudem schwer. Das Aussetzen des weltweiten Flugverkehrs verhindert beispielsweise, dass medizinisches Personal in die Region entsandt werden kann. Wo kein Flugzeug geht, ist auch eine Ausnahmegenehmigung zur Einreise nichts wert. Irak und Nordostsyrien versuchen momentan alles was in ihrer Macht steht, um eine Eindämmung zu ermöglichen. Einen vollen Ausbruch einer COVID-19 Epidemie, das wäre für die eh schon angeschlagene medizinische Infrastruktur vor Ort eine Mammutaufgabe. Deswegen sind früher als in vergleichsweise besser aufgestellten europäischen Staaten Grenzen geschlossen und Ausgangssperren verhängt worden.

Weitermachen - jetzt erst Recht!


Die schockierenden Bedingungen in Moria haben zu Recht letzte Woche für massive Kritik am Krisenmanagement der EU gesorg
t. Während wir uns richtigerweise die Hände waschen und Kontakte meiden, haben Menschen weltweit in Flüchtlingslagern diese Möglichkeit schlichtweg nicht. Sie sind zudem zusätzlich durch Mangelernährung und häufig auch durch Vorerkrankungen besonders anfällig für schwerwiegende Verläufe von Krankehieten. So sieht es auch in al-Hol aus, wo wir im Feldkrankenhaus glücklicherweise bereits seit Monaten isolierte Betten für infektöse Patient*innen etabliert haben. Auch die Möglichkeit Lungen zu röntgen wird in den nächsten Wochen den Unterschied machen, ob schwerwiegende Lungenentzündungen erkannt werden oder aus Unkenntnis unbehandelt bleiben müssen. Unsere eigenen Isolationskapazitäten im Feldkrankenhaus sind aber noch begrenzt, wir wollen nicht ein wenigen Tagen entscheiden müssen, ob Patient*innen mit Tuberkolose, Meningitis oder COVID-19 abgeschirmt behandelt werden. Für jede dieser sehr ansteckenden Krankheiten ist eine weitgehende Isolation notwendig, um eine Ausbreitung effektiv einzudämmen. Daher arbeiten wir gemeinsam mit anderen medizinischen Akteuren an der Errichtung einer weiteren Station, nur für an COVID-19 Erkrankte. Ehrlicheweise müssen wir aber feststellen, das in der Kürze der Zeit dafür kaum finanzielle Mittel bereitstehen, noch zusätzliches Schutzmaterial (Masken, Kittel, Schutzbrillen, Handschuhe) in Nordostsyrien einfach bestellt werden kann. Wenn schon in Deutschland und der Schweiz diese Materialen knapp sind, lässt sich erahnen wie es in anderen Regionen der Welt darum bestellt ist.

Der überwiegende Teil unserer Patient*innen sind nach wie vor Notfälle, unsere Isolationstation zum gegenwärtigen Zeitpunkt zum Glück gerade leer. Alle im Krankenhaus und im Lager selbst rechnen aber damit, dass neben den schon grassierenden Atemwegserkrankungen auch bald die ersten COVID-19-Fälle auftreten werden. Deswegen wurden die Desinfektionsmaßnahmen von Seite der Selbstverwaltung nochmals verschärft, während wir wichtige Medikamente so gut es geht auf Vorrat einlagern. Unsere Fallzahlen neben momentan leicht zu, dies hat bisher aber vor allem mit einer leichten Zunahme an notwendigen Operationen und üblicher Atemwegserkrankungen zu tun. Allein die Konsultationen für Operationen und Röntgen nehmen mit 137 Fällen ziemlich genau die Hälfte unserer gesamten behandelten Fälle ein, 11 Fälle mussten aufgrund von Infektionskrankheiten letzte Woche behandelt werden, aber nicht auf die Isolationsstation.

Auch wenn die geschlossenen Grenzen bedeuten, dass internationales medizinisches Personal bis auf Weiteres nicht in unseren Projekten arbeiten kann - gemeinsam mit unserem lokalen Personal unterstützen wir in der tagtäglichen medizinschen Arbeit das Gesundheitssystem, so gut es in dieser komplizierten Lage möglich ist.

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