CADUS auf Lesbos – ein Drahtseilakt auf der roten Linie

Vor einigen Wochen hatten wir angekündigt im Rahmen unserer Emergency Response Balkan auch auf Lesbos arbeiten zu wollen. Nachdem unser Team die Situation vor Ort einige Tage beobachtet hatte war aber klar, dass wir als Organisation unter den dortigen Umständen nicht arbeiten wollen. Die Gründe für diese Entscheidung findest du hier in unserer ausführlichen Stellungnahme.

Vor ca. drei Wochen sind zwei Mitarbeiterinnen von CADUS auf Lesbos angekommen um im Norden der Insel unseren permanenten Posten einzurichten. Dort landen regelmäßig Boote mit flüchtenden Menschen, die von der nahegelegenen Küste der Türkei aus starten. Verschiedene NGOs bieten während der Landungen und in dem nahe gelegenen Lager Unterstützung, und wir hatten vor, in Zusammenarbeit mit ihnen den medizinischen Teil der Versorgung zu stellen. Nachdem wir uns eine Woche lang mit der Situation vor Ort vertraut gemacht haben, hat sich CADUS nun dazu entschieden, sich vorerst zurückzuziehen und den eigenen Ansatz zu überdenken. Wir verlassen Lesbos mit der Frage, in welcher Weise wir in dieser Situation arbeiten können, ohne unsere eigenen wie auch humanitäre Prinzipien zu verletzen. Dies ist die Geschichte eines Drahtseilakts auf der roten Linie, und ihr Ende ist noch ungewiss.

Als vor einigen Jahren immer mehr Boote mit flüchtenden Menschen an der Küste von Lesbos landeten, verhielten sich viele der Bewohner*innen des kleinen Dorfes Skala Sikamineas solidarisch. Einige der Cafés öffneten ihre Türen für die Flüchtenden und wurden gewissermaßen über Nacht in eine Klinik verwandelt. Eine dauerhaft unterstützende Struktur entwickelte sich und NGOs kümmern sich bis heute um die Landungen der Geflüchteten. Obwohl die Zahl der ankommenden Boote insgesamt zurückgegangen ist, ist diese Unterstützung, genau wie die medizinsche Versorgung, immer noch absolut notwendig. Da dem Norden von Lesbos allgemein eine medizinische Infrastruktur fehlt, besteht die Aufgabe darin, nicht nur für die Flüchtenden, sondern auch für die medizinischen Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung und der Ehrenamtlichen verschiedener Organisationen ansprechbar zu sein.

Nach der Unterstützung während der Landungen musste die nächste Frage geklärt werden: wo sollten die Menschen die gerade angekommen waren als nächstes hin? Mytilini, die Hafenstadt von Lesbos, die die besten Verbindungen für eine Weiterreise auf das europäische Festland bietet, ist 50 km weit weg. Um den Geflüchteten die Möglichkeit zu geben, zu ruhen und sich zu erholen und um zu vermeiden, dass sie den ganzen Weg nach Mytilini laufen müssen, hat der UNHCR ein Kurzzeitlager mit dem Namen Stage 2 eingerichtet. Die gerade Angekommenen werden vom UNHCR von der Küste zum Lager gefahren und am nächsten Tag weiter in Richtung Mytilini. Zwar wird das Lager offiziell vom UNHCR geleitet, jedoch sind es tatsächlich die verschiedenen NGOs welche in Skala Sikamineas aktiv sind, die das Lager am Laufen halten und sich um die Flüchtenden kümmern die über Nacht dort bleiben.

Vom Hafen von Skala Sikamineas aus ist die Küste der Türkei immer in Sicht. Foto: Cadus


So weit – so gut. Warum hat CADUS dann entschieden, dass dies keine akzeptablen Verhältnisse sind in denen wir arbeiten können? Die Konditionen wie wir sie vor Ort vorgefunden haben bringen für uns moralische Fragen mit sich und auch Probleme bezüglich humanitärer Prinzipien, wie das der Neutralität.

CADUS kritisiert, dass ein Großteil der Flüchtenden (mit Ausnahme von besonders Schutzbedürftigen, welche von Freiwilligen identifiziert werden und besonderen Schutz vor den Umständen des offiziellen Asylprozesses erhalten) die in Stage 2 ankommen von hier nach einem kurzen Aufenthalt direkt nach Moria transportiert werden. Stage 2 unterscheidet sich hier zu Moria, da es keinen komplett geschlossenen Teil hat. Jedoch ist es komplett von einem Zaun umgeben und die ankommenden Menschen werden kaum oder gar nicht darüber informiert, was der „offizielle Asylprozess“ bedeutet. Dieser beinhaltet, dass falls die Flüchtenden das Lager nicht heimlich verlassen, sie mit Bussen direkt nach Moria gefahren werden. Moria ist ein Lager kurz vor Mytilini, das eine fragwürdige Berühmtheit erlangt hat durch die schrecklichen Verhältnisse die dort herrschen, in denen sogar Kinder versuchen, sich das Leben zu nehmen.1 In Moria angekommen, werden die Flüchtenden offiziell registriert und erst danach können sie sich wieder frei bewegen und das Lager verlassen. In Skala Sikamineas wird von den NGOs verlangt mit den Behörden zu kooperieren. Dies führt zu unangenehmen Situationen, wie solchen, in denen ein Bewaffneter der griechischen Küstenwache sich unter die Ehrenamtlichen mischt die während der Landungen helfen. Unser Team erlebte, dass kritische Bemerkungen unsererseits bezüglich der Grenzschutzagentur Frontex auf negatives Feedback stieß und wir explizit darauf hingewiesen wurden, wie wichtig es sei mit den Autoritäten zu kooperieren und Konfrontationen zu vermeiden seien.

Wir sehen hierin folgendes Problem: Die humanitären Prinzipien, denen CADUS sich verschrieben hat, beinhalten unter anderem das Prinzip der Neutralität von politischen Interessen, die verschiedene Akteure in dem Einsatzgebiet haben mögen.2 Im Falle von Lesbos heißt dies, dass wir die Behörden nicht dabei unterstützen dürfen, ihr Interesse der Kontrolle und dem Festhalten von Flüchtenden durchzusetzen. Wir müssen außerdem darauf achten, dass die Prinzipien der Humanität und des Schutzes von Leben und Gesundheit unsere Aktivitäten leiten. Diese Prinzipien sehen wir gefährdet, wenn die Flüchtenden nach Moria gebracht werden. Zusätzlich wollen wir gewährleisten, dass sich unser Team jederzeit solidarisch mit Geflüchteten stellen und offen politische Umstände und Institutionen kritisieren darf, welche maßgeblich an der humanitären Krise an der europäischen Außengrenze beteiligt sind.

Die Klinik im Lager Stage 2, die von CADUS übernommen werden sollte. Foto: Cadus


CADUS ist nicht die einzige Organisation, die offen sowohl die Verhältnisse als auch die politischen und rechtlichen Vorgaben auf Lesbos und im weiteren europäischen Kontext kritisieren. Schon 2016 haben MSF aufgehört, direkt in Moria zu arbeiten und stattdessen ihre Station gegenüber dem Lager errichtet. Sie taten dies um unabhängig arbeiten zu können und um sich nicht für Politik und Vorgehen instrumentalisieren zu lassen, die den humanitären Prinzipien entgegenstehen.3 Es ist immer schwierig eine rote Linie und deren Überschreiten zu bestimmen. CADUS akzeptiert, dass verschiedene Organisationen diese Frage für sich auf unterschiedliche Weise beantwortet haben. Zugang zu bekommen zu den Menschen die humanitäre Hilfe brauchen ist eine wesentliche Voraussetzung, um diese Hilfe leisten zu können. Für uns ist es wichtig, die Verhältnisse vor Ort öffentlich zu diskutieren, und zu hinterfragen, welche Kompromisse eingegangen werden müssen um Einsätze durchführen zu können. Wir von CADUS möchten unsere Stimme dazu nutzen, um unseren Bemühungen Nachhaltigkeit zu verleihen und auch um zukünftiges menschliches Leid zu verhindern.

Unser Rückzug wirft die Frage nach der Verantwortung gegenüber den Flüchtenden auf, die innerhalb dieses Spannungsfeldes die Schutzbedürftigsten sind. Wir sind uns bewusst, dass medizinische Hilfe im Norden von Lesbos dringend benötigt wird. Um die Menschen nicht ohne Zugang zu medizinischer Versorgung zu lassen, haben wir uns dazu entschieden, die Arbeit einer lokalen Krankenpflegerin zu unterstützen. Sie hat bereits in den letzten Monaten die Landungen und das Lager betreut und kann diese Arbeit nun einen weiteren Monat lang fortführen. Hierdurch wollen wir sicherstellen, dass die Menschen im Norden der Insel für die Übergangszeit nicht ohne jegliche medizinische Versorgung sind.

Gleichzeitig möchten wir andere medizinische Organisationen ermutigen, vor allem während der Landungen in Skala Sikamineas Unterstützung anzubieten. Es ist notwendig, sich über die Verhältnisse vor Ort im Klaren zu sein, aber wir teilen gerne unser Wissen, damit den ankommenden Geflüchteten die medizinische Hilfe geboten werden kann die sie benötigen.

Wir von CADUS hoffen, dass es uns möglich sein wird, nach Lesbos zurückzukehren um die notwendige medizinische Unterstützung zu bieten. Im Moment jedoch müssen wir unseren Ansatz überdenken und einen Plan entwickeln, wie wir in diesen schwierigen Verhältnissen arbeiten können.

Unsere Arbeit in Bosnien wird durch diese Entscheidung nicht beeinflusst. Ihr könnt uns bei Nachfragen gerne unter info@cadus.org erreichen.

1.) https://www.dw.com/en/children-contemplating-suicide-in-greeces-moria-refugee-camp/a-45597294
2.) Die humanitären Prinzipien im Wortlaut von UNOCHA: https://www.unocha.org/sites/dms/Documents/OOM-humanitarianprinciples_eng_June12.pdf
3.)
Siehe Hierzu eine Stellungnahme von MSF: https://www.msf.org.uk/article/why-is-msf-closing-its-moria-project-on-lesvos

Veröffentlicht:
Verfasser*in: Corinna Schäfer

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