Medizinische Versorgungslage in Rojava

Die medizinische Versorgung im Kanton Cizire der Region Rojava weist aktuell zwei parallel existierende Strukturen auf, die nur partiell miteinander verwoben sind.

Zum einen existieren noch Einrichtungen der Gesundheitsversorgung für die Zivilbevölkerung, die von der syrischen Regierung unterhalten werden und in Quamishlo und Derik jeweils ein Zentralkrankenhaus finanzieren. Diese Finanzierung beschränkt sich jedoch auf die Gehälter der dort angestellten Ärzt*innen. Im Klinikum in Derik (Al-Maliki) wurden zum letzten Mal vor einem Jahr Medikamente von der Regierung geliefert.

Den weitaus größeren Anteil der medizinischen Versorgung übernimmt seit Beginn der Bewegung für eine demokratische Gesellschaft (Tevgera Civaka Demokratik, TEV-DEM) im Jahr 2012 die regionale Autonomieverwaltung sowie die Hilfsorganisation Heyva Sor a Kurd (Kurdischer Roter Halbmond) und die mit ihr kooperierenden Ärzt*innen. Dabei wird das Ziel verfolgt, Gesundheitsversorgung kostenfrei oder, wenn überhaupt, nur zu geringen Kosten zu gewährleisten. Derzeit arbeiten noch ca. 100 Ärzt*innen in den drei Kantonen Rojavas um ca. 2,5 Millionen Menschen zu versorgen. Heyva Sor a Kurd setzt sich aus 190 Freiwilligen zusammen, die ausschließlich ehrenamtlich arbeiten. In enger Abstimmung mit der Regionalverwaltung übernehmen sie die zentralen Aufgaben der Gesundheitsversorgung, sowohl der Zivilbevölkerung, als auch der Volksverteidigungseinheiten (YPG/YPJ). Über eine medizinische Ausbildung verfügen die wenigsten dieser Freiwilligen.

Der seit über vier Jahren tobende Bürgerkrieg und das Embargo der Region stellen das basisdemokratisch organisierte Gesundheitssystem vor schier unlösbare Aufgaben. Neben der Aufrechterhaltung der Regelversorgung für die Bevölkerung hinterlassen die Angriffe des IS zahllose Verwundete. Nach Aussagen des Wirtschaftsministers der Autonomieverwaltung setzt sich der regionale Haushalt zu 80% aus militärischen und zu 20% aus zivilen Ausgaben zusammen. Die Aufwendungen für die Gesundheitsversorgung dürften sowohl im finanziellen, wie auch im personellen Bereich ähnlichen Verteilungsmustern folgen.

Medikamente sind entweder gar nicht oder nur zu überteuerten Preisen erhältlich, und müssen zum größten Teil in die Region geschmuggelt werden. Darüber hinaus mangelt es an Fachpersonal und medizinischem Equipment. Viele Ärzt*innen wurden systematisch ermordet, die meisten anderen haben deswegen in den vergangenen Jahren das Land verlassen. Von ursprünglich 700 Mediziner*innen in den drei Kantonen Rojavas sind nur noch ca. 100 übrig geblieben. Viele medizinische Disziplinen sind in der Region nicht mehr vertreten. So gibt es beispielsweise keine Neurolog*innen oder Neurochirurg*innen mehr, die jedoch dringend zur Behandlung der zahllosen durch Schusswunden gelähmten Patient*innen benötigt werden. Ebenso fehlen Unfallchirurg*innen, Orthopäd*innen und Kardiochirurg*innen. Die chirurgische Versorgung wird ausnahmslos von Allgemeinchirurg*innen geleistet, die in der aktuellen Situation Außergewöhnliches leisten.

Zur Versorgung der Krankenhäuser mit Medikamenten und Verbrauchsmaterialien sind die Strukturen vor Ort auf Spenden aus dem Ausland angewiesen. Zwar wird noch ein Teil der Medikamente überteuert in den lokalen Apotheken eingekauft. Was dort aber nicht erhältlich ist, fehlt schlichtweg und ist nur verfügbar, wenn es ein Hilfstransport geschafft hat, die Grenzen der Türkei oder des Irak zu passieren, ohne vorher geplündert zu werden. Es fehlt an vielen dringend benötigten Dingen; die Liste reicht von simplen Sachen wie kristalloiden Infusionslösungen bis zu spezialisierten Medikamenten, wie intravenöse Antibiosen und Analgetika. Eine Blutbank existiert in ganz Rojava nicht. Die Kühlschränke der Krankenhäuser sind leer, und wenn die Gefechte Verletzte fordern, wird die Bevölkerung über Lautsprecher- und Radiodurchsagen zur Warmblutspende aufgefordert.

Ähnlich ist es um das technische Equipment der Krankenhäuser bestellt. Der Großteil des medizinischen Equipments ist in den Jahren des Bürgerkriegs entweder geplündert oder zerstört worden. Da es auch an technischem Fachpersonal mangelt, kann das Equipment, das noch existiert, weder gewartet noch repariert werden. Vieles, was für uns zur Standarddiagnostik gehört, gibt es nicht. So fehlt es an Dopplerecho, CT- oder MRT-Diagnostik. Labordiagnostik ist allerorts auf ein Minimum beschränkt. Das Krankenhaus in Qamishlo ist das einzige, das über zwei Bettenplätze für eine intensivmedizinische Überwachung verfügt. Allerdings gibt es keine Möglichkeiten zur künstlichen Beatmung. Zwar gäbe es drei Beatmungsmaschinen, keine davon ist jedoch funktionsfähig. Selbst wenn die Geräte funktionsfähig wären, würde es allerdings an Spezialist*innen fehlen, die eine differenzierte Beatmungstherapie durchführen können.

Von ursprünglich 50 Rettungswägen sind zurzeit noch knapp 30 einsatzbereit – eine Zahl die ständig sinkt. Krankenwägen werden häufig durch Beschuss zerstört, andere fallen schlicht durch technischen Defekt aus, der in Ermangelung spezialisierter Ersatzteile nicht behoben werden kann. Auch hier sind die Hilfskräfte auf Spenden angewiesen. Die meisten Rettungswägen verfügen nicht über Equipment, das über eine Trage hinausgeht. Monitor-Überwachung und Sauerstoffgabe sind auf dem Weg ins Krankenhaus folglich nicht möglich. Das liegt, so wurde uns berichtet, nicht zuletzt daran, dass bei gespendeten Fahrzeugen, die Rojava über den Landweg durch die Türkei erreichen, das meiste Gerät von türkischen Sicherheitskräften beschlagnahmt wird. Probleme bereitet auch die mangelnde Geländegängigkeit der Rettungswägen, die mit den Anforderungen des nordsyrischen Terrains überfordert sind, was ebenfalls zu vielen Ausfällen geführt hat. Dort, wo derzeit keine Rettungswägen zur Verfügung stehen, übernehmen gewöhnliche Kleintransporter den Transport in die Krankenhäuser.

Aktuell wartet Heyva Sor a Kurd seit mehr als einer Woche darauf, dass ein Rettungswagen die türkisch-syrische Grenze in Qamishlo überqueren darf.

In Verwundetenhäusern findet die postoperative Rehabilitation bei Kampfhandlungen Verletzter statt. Leider ist eine physiotherapeutische Behandlung in Ermangelung von Fachkräften nur eingeschränkt möglich. Da Wasser in Rojava teurer ist als Benzin, sind Schwimmbecken nicht gefüllt und einfachstes Aufbautraining nicht möglich. Unter dem Strich dienen die Verwundetenhäuser somit weniger einer echten Rehabilitation als vielmehr der Erholung der Verwundeten an einem geschützten Ort. Da die zentralen Gesundheits-Einrichtungen immer wieder Ziel militärischer Angriffe sind, findet der Hauptteil der Gesundheitsversorgung unter improvisierten Rahmenbedingungen statt. Das Krankenhaus in Serekaniye wurde vor zwei Jahren bei einem Luftangriff durch Regierungstruppen größtenteils zerstört. Den Rest erledigten Mörserattacken. Die oberen Stockwerke dienten Scharfschützen der dschihadistischen Nusra-Front als Nester, bis Serekaniye schließlich im Juli 2013 durch Einheiten der YPG/YPJ befreit werden konnte. In einem Flachbau hinter dem eigentlichen Krankenhausgebäude, der früher die Zahnklinik beherbergte, ist heute die Gesamtversorgung für die 70.000 Bewohner*innen der Region Serekaniye untergebracht. Zwar sind in den letzten vier Jahren zwei Drittel der Einwohner*innen Serekaniyes geflohen, jedoch haben sich ebenso viele, auf der Flucht vor dem IS aus den umliegenden Dörfern, in der Stadt angesiedelt. Der Flachbau, der erst vor einem Monat wieder in Betrieb genommen wurde, bietet derzeit einen OP, einen Kreißsaal, eine rudimentär ausgestattete Notaufnahme, eine Radiologie, die über ein Röntgengerät verfügt und ein Labor. Die Radiologie wird von einem jungen Mann betrieben, der vor dem Bürgerkrieg sieben Jahre im Rettungsdienst gearbeitet hat, sich den Umgang mit der Röntgentechnik selber beigebracht hat und in einem kleinen Labor die Röntgenfilme eigenhändig entwickelt. Heute ist er der Einzige, der die Technik bedienen kann. Der vorhandene Röntgenapparat ist jedoch nur in der Lage, Röntgenaufnahmen der Extremitäten anzufertigen. Ein Gerät zur Anfertigung von Aufnahmen des Thorax und der Wirbelsäule existiert leider nicht. Insgesamt arbeiten im Krankenhaus sechs Ärzt*innen und ca. 20 Pflegekräfte, die sich die Versorgung rund um die Uhr teilen. Bis vor einem Monat war die Klinik noch in einer ausgedienten Phosphorfabrik untergebracht. Der Umzug in die ehemalige Zahnklinik ist ein großer Schritt vorwärts. In den anderen Städten Cizires ist die Situation vergleichbar.

Unterstützt wird die zivile Gesundheitsversorgung durch Polikliniken, die ebenfalls durch die TEV-DEM verwaltet werden. Davon existieren in Qamishlo noch zehn, in Serekaniye und Derik jeweils zwei. In Amude wurde gerade erst ein Krankenhaus einem privaten Betreiber abgekauft und soll demnächst der Bevölkerung zur Verfügung stehen, bislang gibt es dort keine Kliniken, die von der Regionalverwaltung unterhalten werden. In akuten Notfällen müssen die Patient*innen in das nächstgelegene Krankenhaus in Qamishlo transportiert werden. In Al-Hasekeh ist das Regime noch in der Hälfte der Stadt präsent und betreibt dort ein Gesundheitszentrum, in dem auch Impfungen vorgenommen werden können. Impfungen sind aber kostenpflichtig und Impfsera Mangelware.

Etwas außerhalb der Stadt Derik liegt das Flüchtlingscamp Newroz, das durch den massiven Zustrom Yezidischer Flüchtlinge aus dem Sinjar Gebirge Anfang August traurige Berühmtheit erlangte. Das Camp wird ebenfalls von der Regionalverwaltung betrieben und die medizinische Versorgung durch Heyva Sor a Kurd gewährleistet. Aktuell leben noch ungefähr 6000 Menschen in 800 Zelten. Heyva Sor steht ein Zelt zur Verfügung, in dem rund um die Uhr Helfer*innen präsent sind. Tagsüber arbeiten dort eine Ärzt*in und zwei Helfer*innen, die Pflege- und administrative Tätigkeiten übernehmen.

In den ersten Tagen nach dem Angriff des IS auf die Yeziden im Sindschar schwoll die Zahl der Flüchtlinge im Camp auf über 100.000 an. Damals waren die Helfer*innen mit über 350 Akutfällen pro Tag konfrontiert. Die meisten Patient*innen litten an Dehydratation und Mangelernährung durch den tagelangen Aufenthalt in den Bergen ohne Wasser und Lebensmittel. Aber auch Schlangen- und Skorpionbisse waren an der Tagesordnung.

Mittlerweile sind die meisten weiter gezogen, zumeist in die Türkei oder das Gebiet des Kurdistan Regional Governments (KRG) im Nordirak. Einige sind jedoch auch wieder zurück zu ihren Angehörigen im Sindschar gegangen. Wie viele Menschen sich dort noch aufhalten ist nicht sicher. Schätzungen gehen von bis zu 1500 Familien aus. Bis vor einer Woche gab es regelmäßige Hilfsfahrten durch Mitarbeiter von Heyva Sor. Insgesamt 200 Zelte und 29 LKW-Ladungen mit Lebensmitteln haben die freiwilligen Helfer*innen von Heyva Sor, teilweise auf Maultieren, ins Gebirge gebracht und dort eine provisorische Sprechstunde abgehalten. Im Moment finden keine Fahrten ins Gebirge statt. Der IS greift das Gebirge erneut an und in der letzten Woche wurde der LKW von Heyva Sor beinahe zum Opfer einer Mörserattacke.

Durchschnittlich 90 Patient*innen finden sich heute an einem durchschnittlichen Tag im Zelt von Heyva Sor ein, die meisten, um sich Medikamente zur Behandlung ihrer chronischen Krankheiten geben zu lassen. Die Medikamente werden im Sinne einer solidarischen Gesundheitsversorgung kostenfrei ausgegeben. Das Krankheitsspektrum umfasst vor allem chronische Krankheiten wie Hypertonus, Herz- und Niereninsuffizienzen und Diabetes. Die Medikamente zur Behandlung chronischer Krankheiten sind ebenfalls rar, Antihypertensiva sind aktuell knapp und können für maximal eine Woche ausgegeben werden. Für die Zukunft hofft Heyva Sor, dass weitere Medikamentenspenden das Camp erreichen. Neben chronischen Krankheiten stellen viele Infektionskrankheiten die Helfer*innen auf die Probe. Nicht nur Kinderkrankheiten häufen sich, in letzter Zeit mehren sich Fälle von Scabies und die knappen Vorräte an Benzylbenzoat sind fast erschöpft. Eine Möglichkeit, die Wäsche bei mindestens 60°C zu waschen und damit der Ausbreitung der Krätzemilben entgegen zu wirken, gibt es im Camp nicht.

Unser Fazit fällt ambivalent aus. Auf der einen Seite ist es erschreckend, welches Ausmaß an humanitärer Katastrophe der Krieg gegen die Bewegung für eine demokratische Gesellschaft und das Embargo gegen die Regionalverwaltung nach sich ziehen. Gleichzeitig muss man denjenigen, die sich für eine solidarische Gesundheitsversorgung in Rojava engagieren, tiefsten Respekt und Hochachtung zollen, unter widrigsten Umständen das nahezu Unmögliche möglich zu machen. Während die Kantone Rojavas bereits zu Zeiten des Assad-Regimes strukturell unterversorgt waren und eine medizinische Versorgung sich weitgehend auf wohlhabende Teile der Bevölkerung und regimetreue Personen beschränkte, etabliert sich heute nach und nach ein solidarisches, kostenfreies Medizinsystem, in dem Versorgung unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder Einkommen gewährleistet wird. Ein System, das unsere Unterstützung verdient.

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