Eine Straßenszene in Rakka im Dezember 2018
Rakka, ehemalige Hauptstadt des sogenannten Islamischen Staates, erholt sich langsam von über 5 Jahren Terrorherrschaft. ©CADUS

Rakka - ein Abschlusswort

Die letzten zwei Jahre war die Klinik in Rakka unser kleines Erfolgsprojekt, was viel zu wenig Aufmerksamkeit bekam. Genauso still, wie es seinen Anfang fand, hat es auch sein Ende gefunden.

Als wir im Frühling 2018 angefragt wurden, ob wir uns eine Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt der Stadt und unserer Partnerorganisation Heyva Sor vorstellen könnten, war Rakka noch schwer gezeichnet von den Luftschlägen der Anti-ISIS-Koalition. Ein halbes Jahr, nachdem der ISIS in einer der massivsten Bombenkampagnen im urbanen Raum nach dem Zweiten Weltkrieg aus Rakka vertrieben wurde, standen wir vor der Entscheidung. Von uns geplant waren Einsätze mit mobilen Krankenhäusern im ländlichen Raum, gebraucht wurden stationäre Gesundheitseinrichtungen in der Stadt. Wir entschieden uns damals, das mobile Krankenhaus an den Kurdischen Roten Halbmond zu übergeben und mit lokalem Personal eine Klinik in Rakka zu starten. Die Stadt füllte sich trotz der extremen Zerstörung im Innenstadtbereich zunehmend wieder mit Menschen, diese neben unzureichender Wasser- und Stromversorgung auch noch ohne grundlegende medizinische Versorgung zu lassen war die größte Sorge der lokalen Verwaltung.

Rakka gibt nicht auf

Wiederaufbauhilfe, obwohl von internationaler Seite mehrfach versprochen, kommt bis heute wenn überhaupt dann nur in geringem Maße vor Ort an. Ein Ort der Versorgung von Zivilist*innen war für das lokale Team und uns auch ein Zeichen der Resilienz der Rakkawis*. Trotz ISIS, trotz Vertreibung und Zerstörung, Rakka und seine Bewohner*innen werden leben.

Zwei Jahre medizinische Versorgung

In den zwei Jahren in denen wir das Projekt gemeinsam betrieben, wurde die Klinik zu einem wichtigen Anlaufpunkt für die allgemeinmedizinische sowie pädiatrische und später auch gynäkologische Versorgung in Rakka. Bereits im ersten halben Jahr wurden über 17.000 Menschen versorgt, fast immer waren 50-60% unserer Patient*innen Kinder. 2019 wurden im Jahresverlauf über 40.000 Menschen in der Klinik behandelt, einige mit schweren Verletzungen überwiegend aber ganz alltägliche Fälle, von Kinderkrankheiten über Diabetes, Bluthochdruck und Erkältungskrankheiten war alles dabei.

Das klingt weniger aufregend als Traumaversorgung entlang von Kampflinien, ist aber der Alltag in Krisen- und Konfliktgebieten. An chronischer Unterversorgung sterben langristig mehr Menschen als durch direkte Konflikthandlungen, auch deswegen ist die fahrlässige oder zielgerichtete Zerstörung von medizinischer Infrastruktur so grausam. Ein langsamer Tod aufgrund einer verschleppten Infektion ist nicht weniger dramatisch als der Tod durch einen Granatsplitter. Wir sind deswegen sehr froh, dass sich die Klinik in Rakka in der Nachbarschaft etablieren konnte, Familien das Angebot schätzen und darauf vertrauen können, dass sie professionelle medizinische Versorgung erhalten.

Teile der Stadt zwischen Zerstörung und Leben
Die Rakkawis haben schon viel erleben müssen und werden es auch zukünftig alles andere als leicht haben. ©CADUS


Internationale Hilfe verunmöglicht

Umso trauriger sind wir, dass wir nun das Ende der gemeinsamen Arbeit in Rakka verkünden müssen. Die im Januar verabschiedete veränderte Resolution zum grenzübergreifendem humanitären Mandat in Syrien erschwert die Finanzierung, logistische und personelle Unterstützung und Aufrechterhaltung wichtiger humanitärer Projekte in den Teilen Syriens, die nicht unter der Kontrolle der syrischen Regierung stehen. Im Falle des Projekts in Rakka bedeutet "erschwert": unmöglich gemacht.

Schweren Herzens aber voller Zuversicht in die lokalen Gesundheitsstrukturen ist das Projekt daher an die örtliche Stadtverwaltung abgegeben worden, die es gemeinsam mit unserem langjährigem Projektpartner Heyva Sor a Kurd weiter betreiben wird. Aufgrund der angesprochenen fehlenden finanziellen Mittel ist leider schon jetzt absehbar, dass bei gleichbleibender Qualität der Versorgung nur ein spürbar geringerer Umfang angeboten werden kann. Das heißt wie so häufig, dass internationale Entscheidungen direkte negative Auswirkungen auf eine Zivilbevölkerung haben, die nach neun Jahren militärischem Konflikt inmitten einer globalen Gesundheitskrise nun versuchen muss, irgendwie zurechtzukommen.

*Name für Einwohner*innen Rakkas

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