Vom Scheitern

Einmal musste es ja auch uns treffen. Bislang fragten uns Vertreter*innen der wenigen anderen Hilfsorganisationen, die in Nordsyrien arbeiten, warum wir so einfach über die Grenze Türkei/Syrien kämen.

Woher diese Frage kam, musste unser letztes Team selbst erleben. Angekommen in Suruc sollte der Weg wie immer sein. Zur regionalen Verwaltung, den Übertritt im Rahmen der humanitären Hilfe beantragen, ein wenig warten, eine Menge Tee mit den Beamt*innen vor Ort trinken. Aber dann eben über die Grenze gehen.

Doch die Situation hat sich verändert. Unglücklich, dass der Teamtermin einen Tag nach dem schrecklichen Attentat von Ankara lag. Schlimm, dass im Südosten der Türkei insgesamt ein Klima der Angst herrscht. Schlimm, dass viele Menschen, die sich vorher der Hilfe für Flüchtlinge aus Syrien und für die Menschen, die in Syrien bleiben wollen, eingesetzt haben, verhaftet oder verschwunden sind.

Folge für unser Team: diesmal hieß es warten. Lange warten. Und eine Ablehnung der türkischen Behörden bekommen.

Die gleichen Behörden, die die staatlichen Flüchtlingslager so restriktiv verwalten, dass die Menschen lieber wieder über die Grenze nach Kobane gehen, als in der Türkei zu bleiben.

Kurzum, das Einschalten des Auswärtigen Amtes, der deutschen Botschaft in Ankara, der Support durch Mitglieder des deutschen Bundestages, nichts hat geholfen. Dabei bediente man sich einer altbekannten Methode. Man fordert erst eine Menge Papiere und Kontakte ein. Dann, wenn es alles vorliegt, und wir schon mit einer positiven Entscheidung rechnen, verschiebt man die Entscheidung einfach an eine nächsthöhere Stelle. Dieses Spiel haben wir einige Tage mitmachen dürfen. Entnervend und aufreibend für das Team vor Ort, die wissen, dass auf der anderen Seite der Grenze sich Menschen auf ihre Fortbildung freuen. Entnervend für das Back-Up in Deutschland, weil es wirklich besseres zu tun gäbe grade, als einer türkischen Verwaltungsstelle nach der nächsten hinterherzulaufen.

Das Ende vom Lied: Die oberste regionale Instanz verschiebt die Entscheidung an den regionalen Koordinator der UN-OCHA (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs). Heimspiel, denken wir uns. Das ist ja derjenige, dem daran gelegen sein muss, dass wir unsere Arbeit in Syrien fortsetzen können. Jedoch weit gefehlt. Weder die Intervention der Büros von Bundestagsabgeordneten, noch die der Botschaft, noch die unseres Kooperationspartners in Syrien konnte etwas ausrichten. Aussage des UN-Koordinators: Er kenne uns nicht, da würde nun so eine Prüfung seinerseits zwar nicht direkt Monate, aber zumindest Wochen in Anspruch nehmen.

Eines unseres Probleme: wir würden ja nicht an den Cluster-Meetings in Gaziantep teilnehmen. Zu dieser Geschichte in einem Extra-Blogeintrag nochmal mehr.

Nach 8 Tagen musste das Team leider erfolglos abbrechen.

Aber fassen wir zusammen: Der Staat, der grad Milliarden von der EU erhält, damit die Flüchtlinge bloß nicht aus ihm herauskommen, behandelt viele Flüchtlinge so schlecht, dass sie lieber wieder ins Kriegsgebiet gehen, als dort zu bleiben. Derselbe Staat lässt andere, die helfen wollen, nicht zu den Menschen, die Hilfe benötigen.

Und abschließend versperrt einem DIE Organisation den Weg vollends, die eigentlich nur für die Koordination von verschiedenen Hilfsansätzen geschaffen wurde. Und da soll man nicht zynisch werden.

Aber Zynismus hin oder her, wir werden uns in unserer Arbeit dadurch nicht aufhalten lassen. Und auch wenn sich manche von uns viel lieber um effektive Hilfsprogramme als um bürokratische Hürden schon auf dem Hinweg zur Arbeit kümmern würden, so werden wir trotzdem weiter unsere Energie darein stecken, die Menschen vor Ort nicht allein zu lassen.

Refugees welcome – Fluchtgründe bekämpfen... auch wenn es einem grade noch schwerer gemacht wird.

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