Wasser ist kein Faustpfand oder Verhandlungsmasse

Momentan ist es uns in deutschen Städten wohl mehr als sonst bewusst, wie wichtig sauberes Wasser für einen reibungslosen Alltag ist. Viele von uns kochen derzeit häufiger, als sie es sonst tun. Täglich werden wir daran erinnert, wie wichtig gründliche Handhygiene ist. Nicht zuletzt die Bilder und Nachrichten von Supermärkten, in denen das abgepackte Wasser zeitweise kaum verfügbar war, machen deutlich: gibt es Krisen im normalen Tagesgeschehen wird Wasser mehr als je geschätzt.

In der Region, in der CADUS gerade arbeitet, ist Wasser prinzipiell ein hohes Gut: die Jazeera, der Landstrich in Nordsyrien und Nordirak zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat ist die Kornkammer beider Länder. Und trotz des Namens (Jazeera bedeutet "Insel") ist der Zugang zu sauberem Wasser für den Tagesgebrauch dort keine Selbstverständlichkeit. Brauchwasser aus den Flüssen und aus Bohrungen wird zentral über Pumpstationen verteilt, einfach an jedem Ort am Fluss Wasser zu entnehmen und zu reinigen ist aufgrund der Landwirtschaft nicht möglich. Eine dieser zentralen Pumpstationen ist seit November 2019 für die Menschen im Nordosten Syriens ein Problem. Vielmehr, die neuen Verwalter dieser Station sorgen für Probleme.

Alouk - die Lebensader für eine halbe Million Menschen

Seit der türkischen Militäroperation "Friedensquellen" im Herbst letzten Jahres liegt die Wasserpumpstation Alouk im Einflussbereich türkisch kontrollierter Milizen. Bereits im Zuge der Kämpfe fiel Alouk wegen Beschädigungen mehrere Tage aus, über eine halbe Million Menschen in der Provinz Hasakeh waren plötzlich von der Wasserversorgung abgeschnitten. Nur durch den verstärkten Einsatz von Wassertankwagen und einer strengen Rationierung der Verbrauchsmenge konnte vor sechs Monaten Schlimmeres verhindert werden. Seitdem sperren Vertreter eben jener türkischen Milizen in regelmäßigen Abständen die Wasserversorgung. Der Grund: Strom für die Gebiete unter türkischer Kontrolle kommt aus einem Umspannwerk, das von der kurdisch geführten Selbstverwaltung kontrolliert wird. Diese sollen jetzt mehr Strom liefern, so die Forderung. Und mit dem Druckmittel, jederzeit einen ganzen Landesteil von der Wasserversorgung abzuschneiden, haben die türkisch geführten Milizen bisher Erfolg. Erst kürzlich wurde die Strommenge Richtung Serekaniye, welches seit Oktober besetzt ist, erhöht. Seit vier Tagen wird eine weitere Erhöhung gefordert, fast ein Viertel der Kapazität sollen jetzt nach Serekaniye gehen. Eine Forderung, die sich nicht erfüllen lässt ohen Städte wie Hasakeh, Amude und al-Hol für mehrere Stunden am Tag ohne Strom zu lassen. Ein russischer Vermittlungsversuch, der beiden Seiten den Erhalt der dringend benötigten Ressourcen zu fairen Bedingungen ermöglichen sollte, ist nachweislich gescheitert. Russland kann nicht garantieren, dass nicht kurzerhand das Wasser abgestellt wird, um mehr Strom zu erpressen. Das ist der Grund, weshalb seit Mitte März teilweise tagelang kein Wasser aus Alouk kommt. Nicht für die Städte, nicht für die Menschen in den Camps wie Areesha oder al-Hol.

Wasser, Abwasser und Hygiene - grundlegende Probleme

Was das für ein Leben unter beengten Bedingungen, mit Latrinen, unzureichenden Duschen und kaum Möglichkeit zur Isolation bedeutet, lässt sich vermutlich nur schwer erahnen. CADUS arbeitet neben der schwerpunktmäßigen Versorgung von medizinischen Fällen in al-Hol auch im Bereich WASH (Water, Sanitation and Hygiene, dt.: Wasser, Abwasser und Hygiene), wir haben daher einen kleinen, aber vermutlich guten Einblick in die Problematik.
Sauberes Wasser ist im al-Hol Camp von jeher Mangelware, täglich versorgen hunderte Wassertrucks die öffentlichen Einrichtungen und die Haushalte dort mit Wasser. Dieses ist häufig mit Keimen belastet und nicht vergleichbar mit der Trink-oder Brauchwasserqualität etwa in Europa. Das Wasser, welches wir in unserem Feldkrankenhaus nutzen, wird deswegen nochmals gesondert filtrtiert und gechlort. Anderen Wasserstationen, an denen die Bewohner*innen Brauch-und Trinkwasser entnehmen ist das nicht möglich. Werden aufgrund von unterbrochenen Leitungen aus Alouk mehr Wassertankwagen in anderen Landesteilen benötigt, um die Wasserversorgung zu sichern, fehlen diese logischerweise für das Camp. Das heißt, die Wassermenge pro Perspn muss von durchschnittlich 40 Litern pro Tag weiter reduziert werden, auf bis zuletzt 15 Liter pro Person. Kochen, Körperhygiene, Wäsche waschen; all das mit 15 Litern am Tag.
Als Vergleich: in deutschen Städten kommen zwischen 8-12 Liter aus dem voll aufgedrehtem Wasserhahn. Pro Minute! Das bedeutet, Menschen müssen ganz klar Prioritäten setzen was den Wasserverbrauch angeht. Und im Zweifel kommt Körperhygiene logischerweise nach Trinken und der Essenzubereitung. Fatal, auch ohne COVID-19! Hautkrankheiten wie Krätze, Durchfallerkrankungen durch unzureichend gefiltertes oder wiederverwendetes Wasser, all das sind Resultate eines künstlich herbeigeführten Wassermangels durch die Blockade der Wasserstation bei Alouk. Von täglich mehrmals Händewaschen kann in al-Hol nur geträumt werden.

Dass Wasser und andere Ressourcen in Syrien seit Beginn des Bürgerkriegs als Kriegswaffe missbraucht werden, ist traurigerweise keine neue Nachricht. Zugang zu überlebenswichtiger Grundversorgung wie Wasser, Nahrung, medizinischer Versorgung und Wohnraum sind der absolute Mindeststandard, den Kriegsparteien der Zivilbevölkerung zugestehen MÜSSEN. Verhandlungen darüber, wie sie zurzeit in Nordostsyrien geführt werden, zeugen von einem Tiefpunkt im Kriegs-und Völkerrecht. Im Zweifel entzieht man um die eigenen Interessen durchsetzen zu können nach Belieben hunderttausenden Menschen den Zugang zu Wasser. Das, inmitten einer Gesundheitskrise, die in ganz Syrien die Ärmsten und Schwächsten als Erstes und mit am Härtesten treffen wird, ist an grausamen Zynismus kaum zu überbieten.

Wasser ist ein Menschenrecht! Und als solches kein Faustpfand oder Verhandlungsmasse.

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