LKW und Transporter stehen auf einem unbefestigten Parkplatz.
Der Konvoi wartet an einem Checkpoint auf dem Weg nach Aleppo. Foto: Ahmed Ibrahim – KRC Communications Officer/ Photographer

Erdbeben-Nothilfe in Syrien: Durchhalten!

Der Kurdische Rote Halbmond leistet lebensrettende Hilfe – und wird darin immer wieder behindert.

Am Dienstag den 21. Februar 2023 war es endlich soweit: Der Hilfskonvoi des Kurdish Red Crescent (KRC), auch Heyva Sor A Kurd genannt, konnte den Checkpoint des Syrischen Regimes passieren und seine humanitären Güter an ihr Ziel in Aleppo bringen. Eineinhalb Wochen lang saßen die Helfer:innen von KRC bei eisiger Kälte mit ihren Ambulanzen und voll bepackten LKWs dort fest, während fünfzig Kilometer weiter die Menschen nach dem Erdbeben am 6. Februar auf Rettung warteten. Der Grund für die Blockade: KRC sollte einen Großteil seiner Güter und Ambulanzen entweder direkt an das Syrische Regime abgeben, oder dem damit kooperierenden Syrian Arab Red Crescent (SARC) überlassen. Da aber die Erfahrung gezeigt hat, dass Umlenkung von Hilfsgütern gang und gäbe ist und es dann keinen Nachweis mehr gibt, wo sie hin geliefert und wie sie eingesetzt werden, kam das nicht in Frage.

KRC hat durchgehalten: nach zähen Verhandlungen, und mit internationaler Unterstützung, konnte der gesamte Konvoi endlich seine Fahrt fortsetzen. Die in Aleppo angekommenen NFIs (Non-Food Items wie Matratzen, Decken, Winterkleidung, Zelte und Diesel zum Heizen), und Medikamente und Verbandsmaterialien für die Notversorgung, wurden von dort aus weiter verteilt. Vor allem die bereits vom Krieg stark gezeichneten Stadtteile Sheikh Maqsood und Ashrafia benötigen hier Unterstützung. Ein Teil der Hilfsgüter fuhr in einer der Ambulanzen weiter in die Region Shahbah, wo bereits vor dem Erdbeben ein Team von KRC arbeitete.

Der KRC Konvoi setzt seine Fahrt fortNach intensiven Verhandlungen kann der KRC Konvoi am 21. Februar seinen Weg fortsetzen. Foto: Ahmed Ibrahim – KRC Communications Officer/ Photographer

Die Camps von Shahbah mit bis zu 20.000 Menschen, die vor dem Krieg aus Afrin geflüchtet sind, wuchsen nach dem Erdbeben um weitere Tausende an. Die Versorgungslage war schon vorher kritisch. Denn das Gebiet ist zwischen Syrischem Regime und Türkischer Besatzung eingekesselt, und beide Parteien lassen dort kaum Hilfe zu. Nun kümmert sich KRC vorrangig um die Versorgung der neuen Geflüchteten aus Aleppo, sowie um die infrastrukturelle Erweiterung der Camps. Es ist geplant, die Teams vor Ort massiv aufzustocken mit medizinischem Personal, Expert:innen aus dem Bereich WASH (Wasser, Sanitär und Hygiene), und Ingenieur:innen. Hilfstransporte von Außen sind weiterhin mehr als schwierig; die Organisation kauft alles notwendige vor Ort ein. Geldspenden sind derzeit das beste Mittel, um die essentielle Arbeit von KRC zu unterstützen.

CADUS setzt mit der Spendenkampagne für die Erdbeben-Nothilfe genau dort an. Da wir eine internationale, mit der AANES (Autonomous Administration of North and East Syria) registrierte NGO sind, können wir selbst nur im Nord-Osten Syriens arbeiten und haben weder Zugang zu den vom Syrischen Regime, noch den vom Türkischen Regime kontrollierten Gebieten. Ein Versuch von CADUS, in die vom Erdbeben am meisten betroffenen Regionen zu gelangen, würde von diesen Regimen als ein krimineller Akt gewertet. Auf dem Weg dorthin wären wir außerdem der akuten Gefahr von türkischen Luftschlägen und Drohnenangriffen, sowie Gefechten des seit fast 13 Jahren tobenden Bürgerkriegs und der Bedrohung durch verschiedene bewaffnete Gruppen ausgesetzt. Zwar sind auch von AANES und SDF (Syrian Democratic Forces) kontrollierte, weiter im Westen liegende Gebiete stark vom Erdbeben betroffen, doch der Weg dorthin führt durch für uns unpassierbare Regime-Gebiete. Der Kurdische Rote Halbmond ist, im Gegensatz zu CADUS, bereits dort vor Ort mit Teams vertreten.

Die dringend benötigten Hilfsgüter werden in Aleppo entladen. Foto: Ahmed Ibrahim – KRC Communications Officer/ Photographer

Am Tag des Erdbebens konnten die Helfer:innen von KRC daher sofort an einigen der am stärksten betroffenen Orte helfen. Neben medizinischer Nothilfe stellten sie beheizte Zelte als Notunterkünfte, Decken und warme Getränke bereit. Essentiell wichtig ist außerdem die Aufklärungsarbeit, wie sich im Falle eines Erdbebens verhalten werden sollte. Viele Verletzungen kamen durch Panik-Reaktionen zustande. Da die Region immer wieder von starken Nachbeben erschüttert wird, könnte der Bedarf an entsprechender Information kaum aktueller sein. Und auch bei den psychosozialen Auswirkungen des Erdbebens setzt KRC an. Denn die Katastrophe hat ein Land getroffen, dessen Bevölkerung seit Jahren einen schweren Schlag nach dem anderen erleidet. Allein in den letzten Monaten kamen zu den Angriffen durch die Türkei Anschläge vom sogenannten Islamischen Staat (IS), eine Cholera und eine Grippe-Epidemie, eklatanter Wasser- und Strom-Mangel, stetiger wirtschaftlicher Abschwung und eine rasende Inflation hinzu.

Als Organisation, die seit Jahren in Nordost-Syrien arbeitet, fragen wir uns, wie die Menschen es dort schaffen, immer wieder von vorne anzufangen und Strukturen neu aufzubauen. Die Geschichte von KRC ist ein beeindruckendes Beispiel: 2012 wurde die Rettungsorganisation als Antwort auf die Konflikte in der Region gegründet. Nur zwei Jahre älter als CADUS, hat sich KRC von einem Zusammenschluss von Freiwilligen mittlerweile zu einer regional breit agierenden, unabhängigen und professionellen Hilfsorganisation entwickelt, die streng den humanitären Prinzipien folgt und sich dem Code of Conduct der International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies verpflichtet hat . KRC betreibt derzeit 44 Kliniken der medizinischen Grundversorgung, 64 Ambulanzen, und ist im WASH-Bereich aktiv. Die Organisation ist sowohl für die akute Nothilfe schnell einsatzbereit, als auch mit der langfristigen Versorgung von Menschen innerhalb der vielen Camps beschäftigt.

Über seine neuesten Aktivitäten informiert KRC regelmäßig auf Facebook

Veröffentlicht:
Verfasser*in: von Corinna Schäfer

by CadusPR