1 Jahr Stillstand
Veröffentlicht am 10. Oktober 2026
von Jonas Grünwald

Am 10. Oktober 2025 wurde ein Waffenstillstand zwischen der israelischen Armee und der Hamas geschlossen. Ein Jahr später wird Gaza noch immer bombardiert, wenn auch weniger als zuvor. Der einzige echte Stillstand liegt in den Überlebensumständen und in der Perspektive für die Menschen in Gaza.
Titelfoto: Mattia Bidoli
Vor einem Jahr brüstete sich US-Präsident Trump, mit der Unterstützung der Türkei, Ägypten und Katars, einen Durchbruch im Gaza-Krieg erzielt zu haben: Hamas und die israelische Armee einigen sich auf ein Ende der Kämpfe. Daran geknüpft waren zahlreiche Bedingungen wie die Übergabe der israelischen Geiseln im Austausch mit palästinensischen Gefangenen, der teilweise Rückzug der israelischen Armee und der Zugang humanitärer Güter in ausreichender Menge nach Gaza.
Kein nachhaltiger Frieden
Der Waffenstillstand ist Teil der Phase 1 des von Trump vorgeschlagenen mehrstufigen Friedensplans. Bisher haben beide Kriegsparteien nur diesem Teil des Plans zugestimmt. Seither herrscht Stillstand. Über zu viele Punkte der weiteren Phasen herrscht Uneinigkeit: Allen voran über die komplette Entwaffnung der Hamas und den vollständigen Rückzug der israelischen Armee aus Gaza und wer dabei den ersten Schritt machen soll. Eine Pattsituation.
Die anfängliche Freude der Menschen in Gaza über die Waffenruhe ist schnell Ernüchterung und Resignation gewichen. Sie stecken in einer Situation fest, die ihnen keine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und keine Sicherheit bringt. Über 1400 Tote und fast 5000 Verletzte sind seit Verkündung des Kriegsendes durch israelische Luftangriffe zu verzeichnen. Das lokale Gesundheitssystem liegt, wie 82% der Gebäude in Gaza, in Trümmern. Über 18.500 Patient*innen, davon 4000 Kinder, benötigen dringend eine Behandlung im Ausland: darunter Krebstherapien, komplexe Operationen und die Behandlung chronischer Krankheiten.
Rund 65% der Familien müssen dauerhaft in Zelten leben. Foto: CADUS
Überleben im Mangel
Auch am allgegenwärtigen Mangel hat sich nichts geändert. Die Lieferungen mit humanitären Gütern reichen nicht aus, um den Bedarf zu decken. Im Median werden medizinische Geräte und Verbrauchsmaterial sowie Medikamente erst nach 74 Tagen durch die israelischen Behörden zur Einfuhr freigegeben. Lebensmittel und Baumaterial, zur Vorbereitung der Unterkünfte für den nahenden Winter, sind knapp.
Besonders schwerwiegend ist aber der fehlende Nachschub von Öl und Kraftstoffen, da Krankenhäuser, Sanitär- und Hygieneeinrichtungen, Müllbeseitigung und Trinkwasseraufbereitung auf Strom aus Generatoren angewiesen sind. Ohne Betriebsstoffe keine Versorgung der Bevölkerung.
Der Mangel an Betriebsstoffen und Ersatzteilen wie Reifen, Glühbirnen und Autobatterien legt immer mehr Rettungswagen lahm. Auch die Fahrzeuge unseres Teams in Gaza sind davon betroffen. Keine Rettungswagen bedeuten keine medizinischen Evakuierungen und das wiederum bedeutet keine lebensrettende Behandlung der Patient*innen. Das Überleben der Menschen in Gaza ist durch die Blockade der israelischen Behörden akut bedroht.
Der Mangel an Ersatzteilen erschwert zunehmend die medizinische Versorgung der Menschen in Gaza. Die schlechten Straßenverhältnisse beschädigen die Reifen, die nur notdürftig repariert werden können, bis sie völlig zerstört sind. Neue Reifen gibt es nicht. Foto: CADUS
Umfassende Lösung statt Symptombekämpfung
Peter Dischler, CADUS Einsatzleiter in Gaza, fasst die Situation zusammen: „Ein Waffenstillstand bedeutet nicht, dass die medizinische Versorgung gesichert ist. Medizinische Evakuierungen sichern das Überleben Einzelner, aber sie lösen das strukturelle Problem nicht. Erst wenn Hilfsgüter in ausreichender Menge nach Gaza eingeführt werden und die lokale Behandlungsfähigkeit wieder aufgebaut wird, können wir über eine nachhaltige Verbesserung sprechen.”
Diese scheint aber auch nach einem Jahr seit Beginn der Waffenruhe in weite Ferne gerückt. Um den Friedensplan von Trump und den eigens gegründeten sogenannten Friedensrat ist es ruhig geworden. Der einst gefeierte Durchbruch ist zu einem brüchigen Waffenstillstand und einem Sterben auf Raten für die Menschen in Gaza geworden. Die Hamas und die israelische Regierung müssen dringend weiter verhandeln, um eine politische Lösung herbeizuführen. Bis dahin wird die Bevölkerung Gazas weiter unter unbeschreiblichen Bedingungen ums Überleben kämpfen müssen.
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