„Die Arbeit im Sudan erfordert ständige Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.“
Veröffentlicht am 4. August 2026
von Parastu Sherafatian

Hisham (Mitte) während eines Trainings im Al-Tamayouz Krankenhaus in Khartoum. Foto: CADUS
Jahrelange Konflikte haben das Gesundheitssystem im Sudan an den Rand des Zusammenbruchs getrieben. In Khartum prägen Versorgungsengpässe, ein Mangel an medizinischem Personal und eine beschädigte Infrastruktur den Alltag. Um dem entgegenzuwirken, engagiert sich CADUS vor Ort zur Unterstützung der medizinischen Notfallversorgung. Im Interview berichtet unser Kollege Dr. Hisham Abdulaziz von den Herausforderungen der Arbeit in einem instabilen Umfeld und erklärt, warum die Widerstandsfähigkeit der lokalen Gesundheitsfachkräfte die Grundlage jeder humanitären Hilfe bildet.
Übersetzt aus dem Englischen.
Kannst du einen kurzen Überblick über die aktuelle humanitäre und gesundheitliche Lage in Khartum geben?
Die humanitäre Lage in Khartum ist nach wie vor äußerst schwierig; ein Großteil der medizinischen Infrastruktur der Stadt wurde entweder beschädigt oder vollständig zerstört. Derzeit sind nur wenige Krankenhäuser in Betrieb, viele davon nur mit Unterstützung internationaler humanitärer Organisationen. Infolgedessen sind diese Einrichtungen mit der großen Zahl von Patienten, die medizinische Versorgung suchen, überlastet.
Das medizinische Personal hat durch häufige Stromausfälle und die hohen Kosten für den Treibstoff, der zum Betrieb der Notstromaggregate benötigt wird, Schwierigkeiten, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Zudem herrscht ein extremer Mangel an qualifiziertem medizinischem Personal, da viele Ärzt*innen, Pflegekräfte und weitere Fachkräfte während des Konflikts aus dem Land geflohen sind. Das verbleibende Personal arbeitet weiterhin unter enormem Druck und mit begrenzten Ressourcen.
Das geschwächte Gesundheitssystem ist zudem äußerst anfällig für Krankheitsausbrüche. Die Überwachungs- und Meldesysteme sind stark beeinträchtigt, was es erschwert, Epidemien oder andere Notfälle im Bereich der öffentlichen Gesundheit wie Ebola oder Cholera rechtzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren.
Was hat CADUS bisher im Sudan unternommen?
CADUS hat sich darauf konzentriert, die Kapazitäten der Notfallversorgung in Khartum wiederherzustellen und gleichzeitig die Kompetenzen des lokalen Gesundheitspersonals zu stärken.
Unsere wichtigste Maßnahme war die Unterstützung der Notaufnahme des Altamayouz-Krankenhauses. Wir haben die Abteilung saniert, ein strukturiertes Triage-System eingerichtet, den Reanimationsbereich in Betrieb genommen, Reanimationswagen und Traumawagen ausgestattet, die Sauerstoffversorgungssysteme verbessert und standardisierte Verfahren zur Patientendokumentation und -übergabe eingeführt, um die Qualität und Kontinuität der Notfallversorgung zu verbessern.
Neben unseren internationalen Ärzt*innen und Pflegekräften haben wir eng mit dem sudanesischen Gesundheitspersonal zusammengearbeitet, indem wir Mentoring am Krankenbett und kontinuierliche klinische Fortbildungen angeboten haben. Außerdem haben wir wichtige Medikamente, medizinisches Verbrauchsmaterial und Notfallausrüstung bereitgestellt sowie eine Solaranlage installiert, um sicherzustellen, dass die Notaufnahme trotz häufiger Stromausfälle weiter funktionieren kann. Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, hat CADUS mehr als 100 Mitarbeiter*innen des Gesundheitsministeriums – darunter Ärzt*innen, Pflegekräfte, Apotheker*innen, Laborpersonal, Reinigungskräfte und anderes unverzichtbares Personal durch finanzielle Zuschüsse unterstützt.
Seit ihrer Inbetriebnahme wurden in der Notaufnahme 5.750 Notfallkonsultationen durchgeführt und dabei 3.069 Frauen und 3.197 Männer unter extrem schwierigen Bedingungen behandelt.
Hisham verschafft sich einen Überblick über die Laborkapazitäten des Krankenhauses. Foto: CADUS
Der Aufbau lokaler Kapazitäten war eine weitere Priorität. CADUS führte 79 Schulungen durch, mit insgesamt mehr als als 600 Teilnehmer*innen. Die Themen umfassten Notfallmedizin, Basic Life Support, Triage, Infektionsprävention und -kontrolle, Dokumentation, EKG-Auswertung, WASH (Water, Sanitation and Hygiene) sowie Notfallsimulationen.
Über die Unterstützung von Krankenhäusern hinaus spendete CADUS 40 COM-W-Wasseraufbereitungsanlagen und schulte die Empfänger in deren Bedienung und Wartung. Diese Systeme werden an NGO-Partner, das Gesundheitsministerium und Gesundheitseinrichtungen in Khartum und im Bundesstaat Rotes Meer verteilt und tragen dazu bei, Patient*innen, Gesundheitspersonal und die umliegenden Gemeinden mit sicherem Trinkwasser zu versorgen. Der Zugang zu sauberem Wasser verringert das Risiko wasserbedingter Krankheiten, stärkt die Maßnahmen zur Infektionsprävention und verbessert die Widerstandsfähigkeit von Gesundheitseinrichtungen, die unter extrem schwierigen Bedingungen arbeiten.
Gab es in letzter Zeit Veränderungen in der Konfliktdynamik, die sich direkt auf den humanitären Zugang auswirken?
Der Konflikt entwickelt sich weiter und schafft ein unvorhersehbares Einsatzumfeld. Während sich der Zugang an einigen Orten verbessert hat, bleiben andere Gebiete aufgrund anhaltender Kämpfe und unsicherer Lage weiterhin unzugänglich.
Die Frontlinien verschieben sich ständig, was humanitäre Organisationen dazu zwingt, Sicherheitsrisiken kontinuierlich neu zu bewerten und ihre Einsätze anzupassen. Diese Unsicherheit erschwert die langfristige Planung und kann zu plötzlichen Unterbrechungen humanitärer Aktivitäten oder zur Verlegung von Teams führen.
Bewegungsbeschränkungen und bürokratische Verzögerungen beeinträchtigen zudem weiterhin die rechtzeitige Entsendung von Personal, Medikamenten und humanitären Hilfsgütern in das Land. Diese Faktoren führen insgesamt zu einer Verlangsamung und Effizienzminderung der humanitären Hilfe, obwohl der Bedarf wächst.
Was sind derzeit die dringendsten Bedarfe?
Der Bedarf ist nach wie vor enorm und erstreckt sich auf nahezu alle Bereiche des Gesundheitswesens.
Zu den höchsten Prioritäten zählen die Wiederherstellung weiterer Krankenhäuser und Einrichtungen der medizinischen Grundversorgung, die Sicherstellung einer zuverlässigen Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten und medizinischem Verbrauchsmaterial sowie die Anwerbung und Bindung qualifizierter Fachkräfte im Gesundheitswesen. Eine zuverlässige Stromversorgung ist nach wie vor unverzichtbar, weshalb Investitionen in nachhaltige Energielösungen wie Solarenergie zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Einer der dringendsten, aber oft übersehenen Bedürfnisse ist die Stärkung der Rettungsdienste und der präklinischen Versorgung. Das Überweisungssystem wurde durch den Konflikt stark beeinträchtigt. Die Rettungsdienste sind äußerst begrenzt, viele Fahrzeuge sind nicht mehr einsatzfähig, und Unsicherheit, beschädigte Straßen sowie Treibstoffknappheit verzögern oder verhindern häufig den Patiententransport. Infolgedessen kommen schwerkranke und -verletzte Patient*innen oft zu spät in den Krankenhäusern an oder ohne, dass sie vor der Einlieferung ins Krankenhaus stabilisiert wurden.
Ambulanzfahrzeuge stehen im Hof des Al-Tamayouz Krankenhauses. Früher wurde mit ihnen Patient*innen geholfen, heute können sie nichtmal mehr aus eigener Kraft fahren. Foto: CADUS
Der Aufbau eines funktionsfähigen Rettungsdienstes, das geschultes Personal, gut ausgestattete Rettungswagen, zuverlässige Einsatzleit- und Kommunikationssysteme sowie standardisierte Überweisungswege zwischen den Gesundheitseinrichtungen umfasst, würde die Überlebensraten bei Traumata, geburtshilflichen Notfällen und anderen zeitkritischen medizinischen Zuständen erheblich verbessern. Eine Stärkung der präklinischen Versorgung würde zudem dazu beitragen, die Notaufnahmen zu entlasten, indem sichergestellt wird, dass Patient*innen bereits vor ihrer Ankunft im Krankenhaus rechtzeitig und angemessen versorgt werden.
Zudem besteht ein erheblicher Bedarf an einer Stärkung der Notfallvorsorge, der Krankheitsüberwachung, der Infektionsprävention und -kontrolle sowie der Personalschulung, um die Fähigkeit des Landes zur Erkennung und Bewältigung von Krankheitsausbrüchen und anderen Notfällen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu verbessern.
Ebenso wichtig sind die fortgesetzte Unterstützung für sichere Wasserversorgungssysteme in Gesundheitseinrichtungen, psychologische Betreuung sowohl für Patient*innen als auch für das Gesundheitspersonal sowie nachhaltige Investitionen in lokale Kapazitäten, damit die Versorgung auch unter anhaltenden Krisenbedingungen aufrechterhalten werden kann.
Was sind aus deiner Sicht die größten operativen Herausforderungen vor Ort für CADUS?
Die Arbeit im Sudan erfordert ständige Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.
Die Einfuhr von Medikamenten, medizinischer Ausrüstung und humanitären Hilfsgütern kann aufgrund von Verwaltungsabläufen und logistischen Einschränkungen langwierig sein. Auch die Rekrutierung von internationalem Personal und die Gewährleistung eines sicheren Zugangs zu den Projektstandorten erfordern einen erheblichen Koordinationsaufwand.
Mit einer eigenen Solaranlage ist die unabhängige Energieversorgung der Notaufnahme gesichert. Foto: CADUS
Eine weitere große operative Herausforderung ist das Fehlen eines koordinierten Systems für die präklinische Überweisung. Patienten werden häufig von Familienangehörigen oder mit privaten Fahrzeugen ins Krankenhaus gebracht, da Rettungsdienste entweder nicht verfügbar sind oder die Patient*innen nicht sicher erreichen können. Dies verzögert nicht nur lebensrettende Behandlungen, sondern erschwert auch die Kommunikation zwischen den Gesundheitseinrichtungen und beeinträchtigt die Kontinuität der Versorgung. Die Unterstützung des Rettungsdienstes und die Stärkung der Überweisungsmechanismen würden eine der größten Lücken im sudanesischen Notfallversorgungssystem schließen und die bereits in den Krankenhäusern geleistete Arbeit ergänzen.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Gesundheitsversorgung innerhalb eines ohnehin schon überlasteten Gesundheitssystems aufrechtzuerhalten. Selbst nach der Instandsetzung der Einrichtungen steigt die Zahl der Patient*innen weiter an, da nur noch sehr wenige Krankenhäuser funktionsfähig sind. Die Unterstützung des lokalen Gesundheitspersonals durch Zuschüsse, Schulungen, Betreuung und die Bereitstellung lebenswichtiger Hilfsgüter war daher entscheidend für die Aufrechterhaltung der Versorgung.
Trotz dieser Herausforderungen haben das Engagement des sudanesischen Gesundheitspersonals und die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden es ermöglicht, weiterhin lebensrettende Notfallversorgung zu leisten.
Gab es einen bestimmten Moment oder eine bestimmte Situation, die einen starken Eindruck bei Ihnen hinterlassen hat?
Ein Moment, der mir in Erinnerung bleiben wird, war der Gang durch die Notaufnahme des Altamayouz-Krankenhauses, nachdem diese vollständig saniert worden war, und zu sehen, wie sie wieder funktionierte.
Noch kurz zuvor war die Abteilung nicht in der Lage gewesen, das Maß an Versorgung zu gewährleisten, das die Patient*innen so dringend benötigten. Nach der Sanierung herrschte dort reges Treiben: Patient*innen wurden behandelt, das Personal wandte souverän das Triage-System an, Ärzt*innen und Pflegekräfte arbeiteten Hand in Hand, und die Angehörigen fanden wieder einen Ort, an dem sie Notfallversorgung in Anspruch nehmen konnten.
Die Schränke und Regale der Notaufnahme konnten wir wieder mit medizinischem Material auffüllen. Eine Versorgung der Patient*innen ist so wieder möglich. Foto: CADUS
Inmitten eines weitgehend zusammengebrochenen Gesundheitssystems war der Anblick einer voll funktionsfähigen Notaufnahme, die lebensrettende Behandlungen durchführte, eine eindrucksvolle Erinnerung daran, warum humanitäre Arbeit so wichtig ist. Er zeigte, dass selbst in einer der schwersten Krisen der Welt gezielte Unterstützung lebenswichtige Dienste wiederherstellen, lokale Kapazitäten stärken und den Gemeinschaften Hoffnung geben kann.
Ein ebenso inspirierendes Erlebnis war es, das Engagement der sudanesischen Gesundheitsfachkräfte mitzuerleben. Obwohl sie unter außerordentlichem Druck standen, oft mit begrenzten Ressourcen und unter persönlichen Entbehrungen, kümmerten sie sich weiterhin mit bemerkenswerter Professionalität und Widerstandsfähigkeit um ihre Patient*innen. Ihr Engagement war die Grundlage für alles, was wir gemeinsam erreichen konnten, und es stimmt mich optimistisch, dass sich das sudanesische Gesundheitssystem mit anhaltender Unterstützung allmählich erholen kann.
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