Hitze – mehr als nur heiß
Veröffentlicht am 26. August 2026
von Maja Kleene

Eine Windhose wirbelt Staub auf, Nordostsyrien 2018. Foto: Christoph Löffler
Im Format „Unter dem Pflaster“ wenden wir uns den größeren Zusammenhängen und Verknüpfungen von globaler Gesundheit zu, die über die akute Krise und die humanitäre Hilfe als Antwort darauf hinausgehen.
Lange Hitzeperioden werden durch den Klimawandel zunehmen. Dabei ist Hitze weit mehr als ein Wetterphänomen. Sie betrifft unser gesellschaftliches Zusammenleben, Gesundheit, Umwelt, Politik und ganz konkret auch unsere Einsätze in Krisengebieten – und wird damit zu einer Frage globaler Gerechtigkeit.
Hitze betrifft uns alle, aber nicht alle gleichermaßen.
Was für die einen ein schöner Sommertag ist, kann für andere bereits lebensgefährlich werden. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, wie schnell extreme Temperaturen zur Belastungsprobe werden. In Deutschland sind nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts bereits rund 12.500 Menschen an den Folgen hoher Temperaturen gestorben. Damit liegt die Zahl der hitzebedingten Sterbefälle schon jetzt über dem Wert jedes vollständigen Jahres seit 2016. (Q1, Stand 02.08.2026)
Gesundheit ist nicht neutral
Dehydrierung, Kreislaufprobleme, Erschöpfung oder auch ein Hitzschlag sind bei warmen Temperaturen keine Seltenheit. Doch Hitze ist nicht nur ein gesundheitliches Risiko für den einzelnen Menschen, sondern auch ein Ausdruck sozialer Ungleichheit. Wer schlechtere Lebensbedingungen, weniger soziale Absicherung oder einen eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung hat, ist ihr oft früher und stärker ausgesetzt. Besonders betroffen sind ältere Menschen, Kinder, Schwangere, chronisch Erkrankte und alle, die körperlich arbeiten oder keinen kühlen Rückzugsort haben. (Q2)
Ökofeminismus: Wie Hitze Ungleichheiten sichtbar macht
Frauen tragen in vielen Gesellschaften auf unterschiedliche Weise zum Klimaschutz bei. Sie essen durchschnittlich weniger Fleisch, fahren weniger Auto, trennen Müll gewissenhafter und leugnen Klimawandel seltener als Männer. In Katastrophenfällen sind sie jedoch häufiger und extremer betroffen, da soziale Rollen, Armut und ungleiche Machtverhältnisse ihre Handlungsspielräume einschränken. (Q3)
Als besonders gefährdete Gruppen gelten Schwangere und ältere Frauen. Studien weisen darauf hin, dass Hitze und Feinstaubbelastung während der Schwangerschaft mit ungünstigen Geburtsergebnissen wie Frühgeburt oder niedrigem Geburtsgewicht zusammenhängen können. Bei Hitzewellen und Waldbränden kann es demnach häufiger zu Schwangerschaftskomplikationen kommen. Ein anderer Risikofaktor ist, dass durch extreme Klimaverhältnisse auch die Gewalt an Frauen zunimmt. Ältere Frauen sind häufiger allein und haben seltener Klimaanlagen, weil sie stärker von Armut betroffen sind. Alleinerziehende Mütter tragen eine zusätzliche Last, wenn Kitas und Schulen hitzebedingt schließen. Hinzu kommt, dass Frauen häufig einen großen Teil der Care-Arbeit übernehmen. Wer Kinder, ältere Angehörige oder kranke Menschen versorgt, hat bei extremer Hitze oft weniger Möglichkeiten, auszuweichen oder sich selbst zu entlasten. (Q3)
Hitze wirkt also nicht geschlechtsneutral. Ökofeminismus stellt deshalb auch die Frage danach, wer die Last der Krise trägt und wer Lösungen mitgestaltet. Mehr weibliche Repräsentatinnen in Parlamenten werden in Studien mit ambitionierterer Klimapolitik in Verbindung gebracht. Das zeigt, dass politische Entscheidungen immer auch eine Frage von Macht, Teilhabe und Gendergerechtigkeit sind. (Q3)
Ein sich selbst verstärkendes Problem
Humanitäre Einsätze finden oft unter ohnehin schwierigen Bedingungen statt. Wenn extreme Temperaturen hinzukommen, werden Versorgung, Logistik, Unterbringung und die Arbeit unserer Teams vor neue Herausforderungen gestellt. Hitze wirkt in Krisengebieten wie ein Verstärker der Problematik: Je extremer die Bedingungen, desto höher der Bedarf an Unterstützung und desto schwieriger wird es gleichzeitig, diese Hilfe sicher und wirksam zu leisten. Das betrifft nicht nur die Menschen vor Ort, sondern auch unsere Einsatzteams selbst, die unter Hitze, Erschöpfung und zunehmend knappen Ressourcen an ihre Grenzen gehen.
Folgen für unsere Umwelt
Die Folgen von Hitze machen nicht an Ländergrenzen halt. Der Klimawandel begünstigt eine Veränderung ökologischer Bedingungen und damit auch die Lebensräume von Pflanzen, Tieren und Krankheitserregern. Steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster können dazu beitragen, dass sich Mücken, Zecken und andere Überträger von Infektionskrankheiten in neue Regionen ausbreiten oder häufiger werden. Das heißt nicht, dass jede Hitzewelle automatisch neue Krankheitsausbrüche verursacht. Aber sie kann das Risiko dafür erhöhen und bestehende Schwachstellen verstärken. Besonders dort, wo Gesundheitssysteme, Frühwarnsysteme und Infrastruktur ohnehin unter Druck stehen, werden solche Veränderungen schnell zu einem ernsthaften Problem. (Q4)
Die immer heißeren und längeren Hitzeperioden werden uns zukünftig weltweit vor enorme Herausforderungen stellen. Foto: CADUS
Hitzige Debatten
Wenn sich die Umwelt verändert, bleibt das auch politisch nicht folgenlos. Hitzewellen, Dürren und andere klimabedingte Ereignisse können Lebensgrundlagen destabilisieren, Versorgung erschweren und Mobilität beeinflussen. Migration ist dabei kein alleinstehendes Ergebnis des Klimawandels, sondern entsteht meist aus dem Zusammenspiel von ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Faktoren. (Q5)
Die Hauptursachen der Erderwärmung liegen historisch vor allem in den Industrieländern, die über Jahrzehnte besonders hohe Emissionen verursacht haben. Gleichzeitig spüren viele Länder im Globalen Süden die weitreichenden Folgen schon heute deutlich. Genau darin liegt die doppelte Ungerechtigkeit: Wer am wenigsten zur Krise beigetragen hat, ist häufig am stärksten betroffen und hat zugleich oft weniger Ressourcen für Schutz, Anpassung und Versorgung. Deshalb ist Klimawandel nicht nur eine Umwelt- oder Gesundheitsfrage, sondern auch eine Frage globaler Verantwortung, Solidarität und humanitärer Pflicht. (Q6)
Die Rechnung der Untätigkeit
Die Kosten der Hitze zeigen sich vor allem dort, wo sonst gern über Leistungsfähigkeit und Fehlzeiten gesprochen wird. Eine aktuelle Analyse der AOK zeigt, dass bereits ein einzelner Hitzetag mit Temperaturen über 30 Grad mit rund 3,5% mehr Krankmeldungen verbunden ist. Besonders betroffen sind unter anderem Beschäftigte in der Landwirtschaft, im Transport und in der Baubranche, eben die diejenigen, die für Versorgung, Infrastruktur und Schutzmaßnahmen unverzichtbar sind. (Q7) Gleichzeitig werden Krankmeldungen so behandelt, als seien sie vor allem ein individuelles oder wirtschaftliches Problem. Menschen werden nicht krank, weil sie sich der Verantwortung entziehen, sondern weil extreme Hitze reale gesundheitliche Grenzen setzt. Dabei stellt sich eine grundlegendere Frage: Wie viel Leistungsfähigkeit kann von Menschen erwartet werden, wenn die Arbeits- und Lebensbedingungen immer häufiger gesundheitsgefährdend sind?
Iss deinen Teller leer, sonst scheint morgen die Sonne nicht..
.. ist in diesem Zusammenhang gar ironisch. Extreme Hitze und anhaltende Trockenheit setzen die Landwirtschaft in Deutschland zunehmend unter Druck. Nach Angaben des Deutschen Raiffeisenverbands wurden seit Mitte Juni bereits mehrere Millionen Tonnen Getreide und Raps verloren. Insgesamt werden Einnahmeverluste von etwa 600 Millionen Euro erwartet. (Q8, Q9) Zwar ist die Lebensmittelversorgung dadurch nicht automatisch gefährdet, allerdings können Ernteausfälle Preise erhöhen, landwirtschaftliche Betriebe wirtschaftlich belasten und die Abhängigkeit von Importen verstärken. Wenn sich solche Extremwetterereignisse künftig häufen, wird die Frage, was auf unseren Tellern landet und ob sich alle Menschen ausgewogene Lebensmittel leisten können, immer stärker von den klimatischen Bedingungen abhängen. (Q8) Und eins ist dabei klar: die Rechnung zahlen nicht diejenigen, die das Meiste gegessen haben.
Wenn Temperaturen selbst den Verkehr aus dem Takt bringen
In Leipzig wurde in den vergangenen Wochen eine ungewöhnliche Folge der anhaltenden Hitze sichtbar, mit der in erster Linie wohl niemand gerechnet hat. Der Straßenbahnverkehr musste zeitweise vollständig eingestellt werden, weil sich bei Temperaturen bis zu 40 Grad das Fugenmaterial im Schienennetz verflüssigte, Weichen blockierte und den sicheren Betrieb verhinderte. (Q10)
Dieses Beispiel lässt nur erahnen, wie abstrakt und verflochten die Folgen fehlenden Hitzeschutzes künftig sein werden. Wer heute nicht ausreichend in Klimaanpassung und Gesundheitsschutz investiert, wird morgen mehr für Krankheitsfälle, Ernteausfälle, Reparaturen, Arbeitsausfälle und humanitäre Hilfe bezahlen müssen.
Fazit
Hitze trifft Menschen nicht zufällig, sondern entlang bestehender Ungleichheiten und macht dabei sichtbar, wie eng unser Klima, Wirtschaft, Gesundheit und humanitäre Arbeit miteinander vernetzt sind. Genau deshalb braucht es Aufklärung, neue Schutzkonzepte und eine Politik, die Gesundheit konsequent mitdenkt.
Wir von CADUS wollen keine Angst schüren, sondern Zusammenhänge verständlich machen und den Blick auf Verantwortung richten. Entscheident ist dabei der kollektive Wille nicht nur auf Krisen zu reagieren, sondern ihnen frühzeitig vorzubeugen.
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