Tagebuch aus dem Schutzraum
Veröffentlicht am 2. Juni 2026
von Dnipro Team

Die Menschen in der Ukraine sind der ständigen Bedrohung durch Drohnen- und Raketenangriffe
des russischen Militärs ausgesetzt. Wohngebiete und zivile Infrastruktur werden wiederholt ins Visier genommen, und es gibt regelmäßig Berichte über Tote und Verletzte. Auch unsere Teams müssen mit dieser Gefahr umgehen. In den folgenden kurzen Auszügen beschreibt eine Mitarbeiterin unseres Teams in Dnipro ihre Erfahrungen der letzten Tage.
Am Donnerstag, dem 28. Mai, tauchten auf den Telegram-Kanälen verschiedene Meldungen auf, wonach innerhalb der nächsten 72 Stunden mit hoher Wahrscheinlichkeit massive kombinierte Angriffe in der Ukraine zu erwarten seien. Die größte Gefahr wurde unter anderem für Dnipro und Kiew angekündigt. Diese Erklärung wurde auch vom Präsidenten der Ukraine veröffentlicht.
Am Samstag, dem 30. Mai, unserem einzigen freien Tag, gingen wir vorsichtig unserem Alitag nach. Wegen der hohen Bedrohungslage blieben wir am Abend im Gästehaus, für den Fall, dass es wieder Angriffe geben würde.
Am Sonntag, dem 31. Mai, wurde die Stadt Dnipro mehrfach angegriffen. Die Luftangriffswarnungen alarmierten die Bürger im Laufe des Tages neun Mal. Wir suchten um 01:11 Uhr, 04:59 Uhr, 11:02 Uhr, 13:57 Uhr und 18:26 Uhr Schutz. Einige Stunden lang wurde ich fast stündlich durch das Vibrieren meines Handys aufgrund der Warnungen geweckt, beobachtete die Lage etwa eine halbe Stunde lang, schlief ein, und dann ging es wieder von vorne los. Einige der Drohnen, die wir hören konnten, klangen für uns anders – weniger wie das laute Rumpeln eines Mopeds. In der Zwischenzeit war ein Rettungswagen-Team am Nachmittag außerhalb der Stadt im Einsatz, während eine der Drohnen über dem linken Ufer der Stadt kreiste.
Am Montag, dem 1. Juni, gab es zwei Luftangriffswarnungen, aber wir mussten keine
Schutzmaßnahmen ergreifen.

Unser Team in Dnipro ist sich der Gefahren ihrer Arbeit bewusst. Trotzdem helfen sie aus voller Überzeugung denen, die dem Krieg ausgeliefert sind und Unterstützung brauchen. Foto: CADUS
Dann kam der heutige Tag, Dienstag, der 2. Juni.
Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels um 12:30 Uhr gab es bisher erneut zwei Luftangriffswarnungen. Aber es begann schon um 01:06 Uhr, als die Luftsirene in ganz Dnipro ertönte.
Als ich durch das Vibrieren meines Handys geweckt wurde, das mich über eine Luftangriffswarnung in Dnipro (sowie in Winnyzja, wo sich zwei unserer Kollegen befanden) informierte, öffnete ich die Telegram-Kanäle, um die Gefahrensituation zu verfolgen und einschätzen zu können. In den ersten Minuten gab es Meldungen über Drohnenbedrohungen in der Region. Dann, gegen 01:09 Uhr, sah ich eine ballistische Bedrohung aus Taganrog (eine Stadt im Nordwesten am Asowschen Meer in Russland, in der Nähe von Mariupol). Mein Herz raste. Je nachdem, wo die ballistischen Raketen abgefeuert werden, brauchen sie nur 02:30 Minuten, um die Stadt Dnipro zu erreichen.
Ich war in Alarmbereitschaft, stand aus dem Bett auf, hörte Explosionen in der Ferne – möglicherweise Drohnen. Ich rief „Shelter!“, um das Team zu warnen, dann hörten wir zwei laute Explosionen in der Nähe – sie schlugen etwa 5 km vom Gästehaus entfernt ein. Wir gingen hinunter in den Keller, machten es uns dort so bequem wie möglich, und ich behielt die Lage weiterhin im Auge. Einige Minuten lang sah ich keine Bedrohung für Dnipro. Doch dann sah ich nacheinander mehrere Raketenstarts aus vier oder möglicherweise fünf verschiedenen Richtungen. All dies erinnerte uns an die Nacht vom Sonntag, den 17. auf Montag, den 18. Mai, in der wir die ganze Nacht im Schutzraum verbracht hatten. Ich habe noch nie zuvor eine Nacht im Schutzraum verbracht und dabei gebannt auf mein Handy gestarrt, um die kombinierten Drohnen- und Raketenangriffe zu beobachten, von denen in jener Nacht ein Großteil auf Dnipro zusteuerte. Heute Morgen war jedoch Kiew das Hauptziel.

In der Nacht vom 17. auf den 18. Mai versucht sich unser Team die Nacht im Schutzraum beim gemeinsamen Film schauen so angenehm wie möglich zu machen. Foto: CADUS
Laut Kyiv Independent wurden in Dnipro neun Menschen getötet, darunter ein Kind. In der Nacht wurden auf die Ukraine 656 Drohnen sowie 75 Hyperschall-, ballistische und Marschflugkörper abgefeuert.
Derzeit sind zwei Rettungswagen-Teams im Einsatz, um zwei separate Notrufe zu bearbeiten. Ein Team ist um 08:00 Uhr losgefahren, um ein Krankenhaus in Tscherniwzi nahe der rumänischen Grenze (ca. 12 Stunden Fahrt, 865 km) zu erreichen, wo es am nächsten Tag einen Patienten abholen und quer durch das Land nach Tschernihiw (weitere 11 Stunden Fahrt, 800 km) bringen soll. Am darauffolgenden Tag kehrt es dann nach Dnipro zurück.
Ja, manchmal sind wir müde von Schlafmangel und häufigen Unterbrechungen und müssen trotzdem unseren Alltag weiterführen. CADUS hat jedoch das große Glück, ein starkes, mitfühlendes und einfühlsames Team zu haben, das diese Arbeit Tag für Tag erledigt, egal was passiert. Wir sind aus einem Grund hier: um unseren Patient*innen die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen. Eine Versorgung die sie verdienen. Und genau das ist es, was uns alle im Dnipro-Team antreibt, in dieser ungewissen und manchmal belastenden Situation weiterzumachen.
Die Patient*innen überwachen, während der Himmel dich überwacht
Die medizinische Neutralität wird psychologisch gesehen immer unsicherer. Das rote Kreuz, der Rettungswagen, das Krankenhaus, die OP-Kleidung oder die Tätigkeit als medizinisches Personal stehen normalerweise für Schutz und Neutralität. Unter ständiger Überwachung mag man diese Schutzmaßnahmen zwar rational verstehen, hat aber gleichzeitig das Gefühl, dass die Identifizierbarkeit nicht unbedingt Sicherheit bedeutet.
Hitze – mehr als nur heiß
Lange Hitzeperioden werden durch den Klimawandel zunehmen. Dabei ist Hitze weit mehr als ein Wetterphänomen. Sie betrifft unser gesellschaftliches Zusammenleben, Gesundheit, Umwelt, Politik und ganz konkret auch unsere Einsätze in Krisengebieten – und wird damit zu einer Frage globaler Gerechtigkeit.
Meet our Team: Felix, Head of Finance
Hinter jedem Einsatz im Krisengebiet steht ein Team, das von Berlin aus dafür sorgt, dass alles reibungslos läuft. Einer davon ist unser Kollege Felix. Seit zwei Jahren ist er bei CADUS, seit über einem Jahr leitet er als Head of Finance unsere Finanzverwaltung. Im Interview erzählt er, wie sein Team und er das deutsche Finanzamt mit der Realität im Kriegsgebiet vereint.




