Wenn Gaza ein Kreuzfahrtschiff wäre
Veröffentlicht am 14. Mai 2026
von Jonas Gruenwald

Während der Ausbruch und die Verbreitung des Hantavirus auf einem Kreuzfahrtschiff für viel Aufsehen sorgt und einige bereits Sorge vor einer Corona-Pandemie 2.0 haben, bleiben Ausbrüche von Infektionskrankheiten andernorts weitgehend unbeachtet.
In Gaza sind diese Krankheiten allgegenwärtig und das ist auch kaum verwunderlich. Die Bedingungen unter denen die Menschen dort leben müssen, begünstigen die Ausbreitung von übertragbaren Krankheiten stark: verschmutztes Trinkwasser, schlechte hygienische Bedingungen, viele Menschen auf engem Raum, geschwächte Immunsysteme und eine Gesundheitsversorgung, die permanent kurz vor dem Kollaps steht.
Infektionskrankheiten breiten sich aus
Laut WHO stehen 19% aller ärztlichen Konsultationen in Gaza im Zusammenhang mit übertragbaren Krankheiten, wobei über die Hälfte auf Atemwegsinfektionen und 27% auf Hautkrankheiten und -parasiten und 16% auf Durchfallerkrankungen zurückzuführen sind – letztere zunehmend.
Im Feldkrankenhaus von PRCS behandelt unser Team immer wieder Patient*innen, deren Leiden auf krankmachende Lebensumstände zurückzuführen sind. Foto: CADUS
Auch unser medizinisches Team im Feldkrankenhaus vom Palästinensischen Roten Halbmond (PRCS) behandelt immer wieder Fälle von Krätze und vor allem virale Infektionen. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele dieser Infektionen durch die Übertragung von Nagetieren verursacht werden, ist hoch.
Während die Expert*innen noch Rätseln, wie und wo genau sich die Passagier*innen auf dem Schiff angesteckt haben, sind die Möglichkeiten in Gaza recht offensichtlich. Der Zusammenbruch jeglicher öffentlicher Infrastruktur, mit zerstörten Abwassersystemen und Müllbergen auf den Straßen, bietet beste Voraussetzungen für die Vermehrung von Ratten und damit potentiellen Krankheitsüberträgern.
Genaue Diagnosen fehlen
Allerdings fehlt es in Gaza an Möglichkeiten, genauere Diagnosen zu stellen: die WHO meldet, dass 87% aller benötigten Materialien für Labortests nicht mehr vorhanden sind. Ohne Labortests ist es aber kaum möglich festzustellen, ob es sich z.B. um das Hantavirus handelt, da es besonders in frühen Stadien kaum von anderen Infektionen zu unterscheiden ist.
Müllberge sind allgegenwärtig in den Straßen von Gaza, eine funktionierende Müllverwertung gibt es hier nicht mehr. Häufig werden die Müllberge nach etwas brauchbarem durchsucht, die Gefahr sich hier zu infizieren ist hoch. Foto: Mattia Bidoli
Was also auf einem Kreuzfahrtschiff für internationale Aufmerksamkeit und entschiedene Reaktionen von Behörden sorgt, ist in Gaza vermutlich Alltag, bleibt aber unentdeckt und international gesehen weitgehend folgenlos.
Weniger Platz, mehr Übertragung
Statt es möglich zu machen, der Situation mit erweitertem Zugang für humanitäre Hilfe und Lieferungen zu begegnen, werden die Bedingungen durch das israelische Militär zusätzlich verschärft. Nur wenige Tage nach Ende der Waffenruhe erweitert es seine Sicherheitszonen und zwingt damit wiedermal die Menschen in Gaza zur Flucht.
Viele Palästinenser*innen wurden bereits vertrieben müssen in Zelten leben, die wenig Schutz und keine ausreichende sanitäre Versrogung bieten. Mit mehr Personen auf immer weniger Raum werden sich die Zustände noch verschlimmern. Foto: CADUS
Auf nur noch knapp 35% des ehemaligen Gazastreifens müssen die über zwei Millionen Einwohner*innen jetzt leben; die Gefahr der Ausbreitung von Infektionskrankheiten steigt damit weiter an. Auch werden die Bombardierungen fortgesetzt, die sowohl mehr Todesopfer fordern als auch weiteren Wohnraum und Infrastruktur zerstören und damit die Lebensbedingungen weiter verschlechtern.
Bombardierungen sind eine allgegenwärtige Bedrohung in Gaza. Foto: CADUS
Mangel, Mangel, Mangel
Weiterhin bleibt der Mangel in der medizinischen Versorgung allgegenwärtig: 47% der essentiellen Medikamente für sind nicht mehr verfügbar, genauso wie 59% des medizinischen Verbrauchsmaterials wie Spritzen und Verbandszeug. Selbst einfachste Behandlungen und Diagnosen sind so kaum mehr durchführbar, ganz zu schweigen von Dialysen, Herz-, Nieren- und Krebsbehandlungen, Augenoperationen und vielen weiteren.
Trotzdem unterstützen unsere Teams vor Ort weiterhin mit medizinischen Trainings, medizinischen Evakuierungen (MedEvacs) und im Feldkrankenhaus von PRCS. So konnten wir seit Anfang Mai bereits 250 Patient*innen behandeln, 10 Patient*innen evakuieren und in zwei Trainings 30 Personen medizinisch fortbilden.
Auch kleine Eingriffe verbrauchen medizinisches Material, dessen Nachschub nicht gesichert ist, während die Bestände kontinuierlich sinken. Foto: CADUS
Am strukturellen Mangel ändert das aber leider nur wenig. Hier braucht es öffentlichen und politischen Druck auf die israelische Regierung, den Zugang für humanitäre Hilfe in großem Maße zu ermöglichen.
Keine Gefahr – kein Interesse?
Anders als die Passagiere des Schiffes werden die Patient*innen in Gaza, selbst wenn sie es wollten, den Streifen auf absehbare Zeit nicht verlassen können. Damit stellen sie kein Gesundheitsrisiko für den Rest der Welt dar und bleiben sich weitgehend selbst überlassen.
Es ist wichtig und richtig, den Ausbruch von Infektionskrankheiten zu untersuchen und die Patient*innen bestmöglich zu behandeln. Dabei sollte es aber keine Rolle spielen, ob es Menschen auf einem Kreuzfahrtschiff oder in Gaza betrifft.
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