Viele Pläne haben wir 2023 in die Tat umgesetzt, 2024 werden wir das genauso fortsetzen! Foto: CADUS

CADUS Jahresrückblick 2023

Luftalarm die ganze Nacht – Team in Sicherheit, allen geht es gut!“ einer der häufigsten Sätze den wir von unserem Team 2023 aus der Ukraine gelesen haben. Auch dieses Jahr stand bei uns fast vollständig im Schatten des dortigen Krieges. Mehr dazu und was noch bei uns 2023 los war in unserem Jahresrückblick.

Wie auch in diesem Winter verschärfte sich zu Beginn des Jahres 2023 die humanitäre Lage in der Ukraine durch die einsetzende Kälte. Besonders für den häufig allein zurückgebliebenen alten Anteil der Bevölkerung in ländlichen Gebieten im Osten des Landes kam die eisige Kälte zu der angespannten Versorgungslage mit Medikamenten und ärztlicher Versorgung hinzu.

Mobile Arztversorgung auf dem Land

Von der lokalen Organisation BASE UA wurde uns der Bedarf an mobiler medizinischer Grundversorgung gemeldet. Deshalb verwarfen wir unsere Pläne einen zweiten Reisebus zu einer Intensivstation umzubauen zu Gunsten einer mobilen Arztpraxis. Der Plan: ein Allrad-Fahrzeug zur Basisgesundheitsversorgung wie beim Hausarzt auszustatten um damit die abgeschiedene Bevölkerung medizinisch versorgen zu können.

Nach dem mehrwöchigen intensiven Umbau eines ehemaligen Polizeifahrzeuges in unserem Makerspace in Berlin konnten wir am 05. Februar die mobile Arztpraxis vor der deutschen Botschaft in Kiew im Beisein der Botschafterin und eines ukrainischen Vertreters an unsere Partner übergeben. Seither hat das Fahrzeug dutzende Orte angefahren an denen das medizinische Angebot von hunderten Patient*innen genutzt wurde. Mehr auf der Seite von BASE UA: https://baseua.org/de/medizinische-grundversorgung-die-geschichte-einer-erfolgreichen-mission/

Die Sprechstunden der mobile Arztpraxis sind gut besucht, der Bedarf in den Dörfern ist groß. Zusätzlich zu den Ärzt:innen vor Ort können Fachkräfte aus aller Welt per Video zugeschaltet werden. Foto: BASE UA

MedEvac in der Ukraine

Aber auch unser eigenes Team war das ganze Jahr hindurch unermüdlich vor Ort im Einsatz: mit bis zu sechs Rettungsfahrzeugen haben wir 719 Patient:innen in sogenannten MedEvac-Einsätzen, also Transporten von Verletzten und Kranken, in diesem Jahr in Sicherheit gebracht. Außerdem konnten wir 23 Ambulanzen sowie zahlreiches Equipment und Geräte, darunter bisher 90 Beatmungsgeräte, 16 Defibrillatoren, acht Ultraschallgeräte und zwei Sauerstoffgeneratoren, an lokale Rettungsorganisationen übergeben.

Bei medizinischen ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Organisationen, Krankenhäusern und Behörden unerlässlich, damit die Rettungskette zum Wohle der Patient:innen reibungslos abläuft. Foto: Chris Grodotzki/CADUS

Mit unserer Einsatzbasis folgten wir dem Kriegsgeschehen, und damit dem Bedarf an medizinischer Unterstützung, und verlagerten unsere Aktivitäten weiter gen Osten nach Dnipro und Kramatorsk. So steht der Großteil unserer Einsätze im direkten Zusammenhang mit Kriegsverletzungen. Durch unsere erst kürzlich geschlossene Kooperation mit der belgischen Abteilung von Ärzte ohne Grenzen können wir eine Versorgungslücke bei intensivmedizinischen Transporten in Pokrovsk und Umgebung schließen.

1. Hilfe gegen den Krieg

Auch unsere Trainingsaktivitäten in der Ukraine sind geprägt von Kooperationen. Dabei wird in unseren mittlerweile acht verschiedenen Kursen weit mehr als nur Erste Hilfe für Laien vermittelt. Medizinische Fachkräfte können sich Wissen in Gebieten wie zum Beispiel der Versorgung nach Explosionsverletzungen oder der Patientenbeatmung aneignen.

Praktische Übungen sind neben der Theroie wichtiger Bestandteil der unserer Kurse. Besonders in eine Land, in dem die Übung schnell Realität werden kann. Foto: CADUS

Neben unseren eigenen 123 abgehaltenen Trainings mit über 1895 Teilnehmer:innen hat auch unser Team an gemeinsamen Trainings mit anderen Rettungsorganisationen teilgenommen um Sicherzustellen, dass die Rettungskette im Notfall reibungslos funktioniert.
Im Oktober konnten wir mit Stolz eine Kooperation mit der Universität in Ternopil, einer der größten medizinischen Ausbildungsinstitute der Ukraine, verkünden. Für uns eine weitere Bestätigung darin, wie wichtig unser Trainingsprogramm ist und ein weiterer Schritt dahin, das Programm mittelfristig in die Hände unserer ukrainischen Partner zu übergeben.

Get Ready for EMT

Auch bei CADUS insgesamt waren Trainings und Professionalisierung wichtiger Bestandteil des Jahres 2023. Mit unserer Trainingsreihe „Get Ready!“ die monatlich im Makerspace stattfand, konnten wir uns, interessierten Supporter:innen und Ehrenamtliche, die zukünftig für uns in den Einsatz gehen möchten, wichtige Grundlagen zu humanitären Themen und der Einsatzrealität vermitteln.

Ein Teil unseres Teams beim Übungsaufbau unserer Einsatzzelte in Berlin. Foto: CADUS

Nicht zuletzt sind diese Art Trainings Voraussetzung für die von uns angestrebte Zertifizierung als Emergency Medical Team (EMT) der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zukünftig werden wir unsere Trainings vermutlich in anderer Form fortführen. Sicher ist aber, dass wir uns konstant auf verschiedene Einsatzszenarien vorbereiten – auch wenn es in der Realität manchmal ganz anders kommt.

Panzer, Bomben und Wasser?

Während zerstörerische Raketenangriffe und blutige Gefechte in der öffentlichen Wahrnehmung leider immer mehr zum kaum beachteten Alltag werden, rüttelte ein Ereignis am 06. Juni auch den abgestumpftesten Beobachter nochmal wach. Die Sprengung des Kachowka-Staudammes nahe der Stadt Cherson durch russische Truppen führte ein weiteres Mal die Härte und Unbarmherzigkeit vor Augen mit der dieser Krieg, vor allem von russischer Seite, geführt wird. So wurde neben Panzern und Bomben auch Wasser zur Waffe – ein klares Kriegsverbrechen, unter dem vor allem die einfache Bevölkerung der Region leiden musste. Und noch lange leiden wird – denn die Folgeschäden, vor allem für Umwelt und Landwirtschaft, sind kaum absehbar oder zu beziffern. Einen von uns erwogenen Einsatz in der Region zur Wasseraufbereitung ließ die Sicherheitslage nicht zu, ist die Region doch übersät von durch die Flut verschwemmter Minen und liegt unter konstantem russischem Artilleriefeuer.

Erdbeben im Krisengebiet

Dieser menschengemachten Tragödie ging eine Tragödie natürlichem Ursprungs voraus: durch das Erdbeben in der Türkei und Syrien am 06. Februar starben über 56.000 Menschen in dem Gebiet, womit es das tödlichste Erdbeben seit Haiti 2010 darstellt. Obwohl das Erdbeben in Nordwestsyrien weit weniger Zerstörung anrichtete und deutlich weniger Opfer zu beklagen waren als in der Türkei, traf es die dortige Bevölkerung besonders hart.

Der Hilfsgüter-Konvoi von KRC konnte nach 1,5 Wochen Wartezeit an einem Checkpoint am 21. Februar 2023 seinen Weg in das Erdbebengebiet nach Aleppo fortsetzen. Das syrische Regime blockierte die humanitäre Lieferung und ließ damit absichtlich wertvolle Zeit verstreichen. Foto: KRC

In der vom (Bürger)-Krieg schwer gezeichneten Region gibt es kaum Rettungsstrukturen oder Mittel zur Unterstützung der Betroffenen. Internationale Hilfe wurde durch das syrische Regime und die Türkei so gut wie verunmöglicht. Trotzdem konnten wir unseren langjährigen Partner KRC, den Kurdischen Roten Halbmond, mit über 190.000 € unterstützen. Ein Einsatz kam auch hier für uns leider nicht in Frage, angesichts der untereinander konkurrierenden Milizen, syrischen und türkischen Truppen in der Region. Unser größter Respekt gilt daher unseren Kolleg:innen von KRC, die trotz der Gefahren einen Konvoi zusammenstellten und entgegen dem Widerstand des syrischen Regimes Hilfsgüter in den Nordwesten liefern konnten.

Ende und Anfang in Nordostsyrien

Unser größter Respekt gilt ebenfalls unseren ehemaligen Mitarbeiter:innen, die im Zuge unseres Rückzugs aus Nordostsyrien im Sommer 2023 eine eigene Organisation gründeten und seither unser Krankenhaus im al-Hol Flüchtlingscamp in Eigenregie weiterführen.

Das Logo von SCR ziert seit Mitte vergangenen Jahres unser ehemaliges Krankenhaus in al-Hol.

Nach 4,5 Jahren zogen wir uns zurück um uns wieder mehr unserer Kernkompetenz, der Nothilfe, zuwenden zu können. Wir freuen uns, dass Șîlêr Crisis Response, kurz SCR, seither die ganztägige medizinische Versorgung der mehr als 50.000 Bewohner:innen des Camps fortführt. Angesichts der Lage vor Ort eine absolute Herausforderung. Wir werden SCR, KRC und die Menschen in der Region auch in Zukunft unterstützen, besonders angesichts der jüngsten Angriffe durch die Türkei.

Alter Konflikt mit neuen Flammen

Als wäre das alles für 2023 nicht schon mehr als genug, erschütterte ein Großangriff der Hamas auf Israel am 07. Oktober die Welt. Die darauf folgenden Ereignisse bestimmen seither die Nachrichten: über 1.200 Tote in Israel und mittlerweile fast 20.000 Tote in den palästinensischen Gebieten* sind neben der immensen Zerstörung im Gazastreifen und den vermutlich unerreichbaren Frieden auf lange Zeit die Bilanz dieses jüngsten Konfliktes in der langen Geschichte des Krieges in der Region.

Unser Material für einen Einsatz zur Unterstützung der Menschen in den palästinensischen Gebieten sind, auch zur Freude von Mike unserem medizinischen Leiter, bereits gepackt. Foto: CADUS

Wir haben der EMT-Struktur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits Einsatzbereitschaft gemeldet und stehen in den Startlöchern. Bis dahin sind noch einige logistische und sicherheitstechnische Hürden zu überwinden und auch der Zugang über die Nachbarländer gestaltet sich noch schwierig. Wir stehen weiter im Austausch mit dem EMT-Netzwerk und hoffen auf einen schnellstmöglichen Einsatzbeginn.

Ausblick 2024

Noch viel mehr hoffen wir allerdings auf ein Ende der Konflikte in Syrien, der Ukraine, in Israel und den palästinensischen Gebieten und weltweit. Dafür müssen politische Lösungen gefunden werden. Und so schlimm es ist, dass es gesagt werden muss: