Ein Patient wird von unserem medizinischen Team behandelt. ©Selene Magnolia
Jeden Tag war unser Team mehrere Stunden im Einsatz um alle Patient*innen in unserer mobilen Klinik zu behandeln. ©Selene Magnolia

Vier Monate Emergency Response Balkan – Ein Abschlussbericht

Unsere Emergency Response in Sarajevo, Bosnien ist nach vier Monaten beendet. Unser Projektkoordinator fasst die Situation, die Herausforderungen und unseren Einsatz vor Ort noch einmal zusammen.

Liebe Unterstützer*innen,

vier Monate lang war unser Team in Sarajevo aktiv. Mittlerweile sind alle wieder zu Hause und es gilt, den Einsatz zu analysieren.

Als wir im Oktober mit einem kleinen Assessment-Team vor Ort waren, wussten wir noch nicht, was uns erwartet und in welche Richtung sich das Projekt entwickeln sollte. Sehr schnell haben sich aber zwei „Hot-spots“ herauskristallisiert.
Zum einen war das das Gebiet von Bihac bis nach Velika Kladusa im Norden, zum anderen Sarajevo, die Hauptstadt von Bosnien. An beiden Orten gab es viele Geflüchtete, welche nur beschränkten Zugriff auf medizinische Versorgung hatten. Sarajevo war in dieser Zeit ein klassischer „Transit-Ort“ wo 100 bis 150 Menschen pro Tag ankamen, aber die meisten nach ein, zwei Tagen wieder weiterreisten.

Im Norden sah die Situation wegen der geschlossenen Grenzen zur EU ganz anders aus.
So waren in Bihac etwa 1000 Menschen in einem Lager und in Velika Kladusa haben etwa 400 Menschen in Zelten auf einem Feld gecampt. Uns war klar, dass wir auf Grund der schnell wechselnden Situation ein mobiles Team brauchen würden, welches auch ohne Probleme an einem anderen Ort aktiv werden könnte, sollten sich die Gegebenheiten ändern.

Einsatzstart in Bosnien
Nach einigen Problemen mit einem Fahrzeug, welches eigentlich für diesen Einsatz geplant war, hieß es schnell nach einem Ersatz suchen. In kürzester Zeit hat dann eine sehr motivierte Umbau-Crew den neuen Transporter ausgebaut und in einen mobilen Untersuchungs- und Behandlungsplatz verwandelt. Gleichzeitig wurde nach Absprache mit anderen medizinischen Organisationen vor Ort auch klar, dass wir uns auf Sarajevo und Umgebung konzentrieren werden.

Vom kalten Gerippe zum warmen Behandlungsplatz. Ein Transporter wird zur mobilen Klinik. @Christoph Löffler

Viele Hände haben uns tatkräftig beim Umbau geholfen. Ohne diese Unterstützung könnten wir unsere Projekte nicht umsetzen. ©Christoph Löffler.

Mitte November war es dann so weit und unser Team wurde in Sarajevo aktiv. Dank der tatkräftigen Unterstützung der dortigen Organisationen konnten wir sehr schnell Fuss fassen und effizient arbeiten. Leider stellte sich bald heraus, dass unser geplantes „Referral-System“ mit den örtlichen Krankenhäusern, also die Überweisung von Patient*innen, deren Behandlung unsere Kapazitäten übersteigt, nicht wirklich funktioniert. Für diese Spezialfälle mussten wir also jedesmal individuelle Lösungen suchen. Wie durch ein Wunder haben wir aber in jedem Fall schlussendlich die notwendige Behandlung organisieren können.

Zähne, Brillen und psychologische Betreuung
Während wir uns ursprünglich nur um eine medizinische Grundversorgung kümmern wollten, haben wir unser Angebot bald ausgebaut. Mit der Hilfe eines bosnischen Zahnarztes und seinen Sonderkonditionen für uns konnten wir auch bald eine zahnmedizinische Versorgung anbieten.

Doch nicht nur Zähne waren ein Problem, mit welchem wir uns in der Projektplanung nicht ausreichend auseinandergesetzt haben. Die Repression mit der sich die Geflüchteten auf der Balkanroute immer wieder konfrontiert sehen, äußert sich in Schlägen und Erniedrigungen, aber auch in der Zerstörung von Eigentum wie Handys und Brillen. Zumindest für die Brillen fand sich glücklicherweise eine Lösung, auch hier wieder aus der Bevölkerung Sarajevos. Diesmal war es ein Optiker, der zu sehr guten Preisen Sehtests durchführte und neue Brillen ausgab.

Die schlechten Umständen, unter denen viele Geflüchtete gezwungen sind zu wohnen, können auch kleine Wunden unbehandelt schnell zu einem ernsthaften Problem werden lassen. ©Selene Magnolia

Besonders die Füße werden auf dem langen Weg nach und durch Europa stark beansprucht. Wunden und Erfrierungen waren alltäglicher Anblick für unsere Teams. ©Selene Magnolia

Schon während des Assessments im Oktober wurde uns bewusst, dass gerade auch psychologische Probleme weit verbreitet sind. Während uns selber die Kapazitäten fehlten uns diesem Problem ebenfalls anzunehmen, war sich zum Glück Ärzte ohne Grenzen (MSF) des Problems bewusst. In enger Koordination mit den Psycholog*innen und Psychiater*innen von MSF war unser Team dann in der Lage sich auch um psychologische Fälle zu kümmern.

Über 2600 Behandlungen trotzt widriger Umstände
Die Flexibilität und Mobilität hat sich schlussendlich ausgezahlt, obwohl wir nur in Sarajevo und einigen umliegenden Gemeinden aktiv waren. Das ständig wechselnde politische Umfeld und die Sicherheitslage haben einige Male dazu geführt, dass wir unseren Behandlungsort geändert haben. Die für uns wohl größte Änderung kam im Januar, als wir angefangen haben beim Community Center von AidBrigade zu arbeiten. Der grösste Vorteil für unsere Patient*innen lag darin, dass sie nicht mehr draußen warten mussten, sondern ein beheizter Warteraum verfügbar war.

Bis Ende des Projektes Mitte März haben unsere Teams 2625 Behandlungen durchgeführt. Neben den Menschen auf der Straße und in den Squats konnten wir uns auch noch um Familien mit Kindern kümmern, welche in einem gesonderten Haus untergebracht sind.

Hausbesuch bei geflüchteten Familien, die in einem gesonderten Haus in Sarajevo untergebracht sind. ©Christian Vagt

Unsere Patient*innen hatten oftmals Probleme mit den Atemwegen, doch vor allem die Pflege entzündeter Wunden gehörten zur täglichen Arbeit. In einigen Fällen half aber auch nur noch ein schnelles Überführen in das Uniklinikum in Sarajevo. Wir haben mit unserem Einsatz sicher geholfen, dass es in Sarajevo diesen Winter nicht zu Schlimmerem gekommen ist, angesichts dessen, dass im Schnitt wohl etwa 250 Menschen diese Zeit ohne sichere, beheizte Unterkunft verbracht haben.

Eine dauerhafte Lösung muss geschaffen werden
Während wir ursprünglich gehofft haben, dass sich während unseres dreimonatigen Einsatzes dauerhafte Lösungen finden und alle Menschen uneingeschränkten Zugriff auf medizinische Versorgung haben, hat sich diese Hoffnung leider auch nach vier Monaten nicht erfüllt.
Weiterhin suchen internationale Organisationen und bosnische Behörden nach Lösungsansätzen, doch ein Ende der Probleme scheint nicht in Sicht zu sein. Gerade im Norden spitzt sich die Situation immer weiter zu und internationale NGOs werden an ihrer Arbeit gehindert oder müssen sogar das Land verlassen, während der lokalen Bevölkerung unverhohlen gedroht wird, sollten sie Menschen auf der Flucht helfen.

Umso dankbarer sind wir, dass sich eine andere Organisation auf unsere Anfrage hin entschlossen hat, unsere Arbeit fortzusetzen und die medizinische Grundversorgung für die Menschen auf den Straßen Sarajevos sicherzustellen. Nichts desto trotz fordern wir die bosnischen Behörden dazu auf, die Grundlagen für eine effiziente Hilfe zu schaffen. Die internationalen Organisationen und vor allem die EU fordern wir auf, Bosnien jegliche Unterstützung zu geben, welche benötigt wird diesen Menschen zu helfen. Den Menschen, die wegen der europäischen Grenzpolitik überhaupt erst in Bosnien stranden!

Wir danken allen Spender- und Unterstützer*innen, die die Arbeit unserer Emergency Response in den letzten Monaten möglich gemacht haben und hoffen für unsere zukünftigen Projekte weiterhin auf eurer Engagement.

Liebe Grüße,
Adrian
Cadus-Projektkoordinator ER Balkan

Veröffentlicht:
Verfasser*in: Adrian Knöpfel

by CadusPR

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