CADUS HEAT

Veröffentlicht am 17. Juli 2026

von Jonas Gruenwald

Ein Hostile Environment Awareness Training (HEAT) ist bei vielen Organisationen Teil der Vorbereitungen auf humanitäre Einsätze in Kriegs- und Krisengebieten. Wie diese Trainings bei CADUS ablaufen, was die Teilnehmer*innen dabei lernen und was ein HEAT überhaupt leisten kann, erfahrt ihr im Interview mit unserem Trainings-Team.

Im Interview:
Elene: Mitarbeiterin im Bereich Training & Education
Ruben: Leiter Bereich Safety & Security
Jannik: Mitarbeiter im Bereich MEAL (Monitoring, Evaluation, Accountability and Learning)

Erstmal: Was ist überhaupt ein HEAT?

Ruben: HEAT steht für Hostile Environment Awareness Training. Also es geht darum, Menschen auf den Einsatz in Kriegs- und Krisengebieten möglichst gut vorzubereiten.

Jannik: Genau, aber wir vermitteln weniger konkrete Fähigkeiten, als eine Awareness für Situationen, die zu Problemen führen können. Und natürlich, wie man diese vermeidet und wieder aus ihnen herauskommt. Vorbereitung und Resilienz spielen eine große Rolle.

Elene: Dazu nutzen wir ein realitätsnahes Szenario, in dem man mit Situationen konfrontiert wird, mit denen die Gruppe dann umgehen muss. Je nachdem wie die Teilnehmer*innen reagieren, führt das zu Konsequenzen, die manchmal sicherer oder weniger sicher sind. Dabei gibt es aber nicht unbedingt richtig und falsch. Das zu akzeptieren muss häufig auch erst gelernt werden.


Jannik, Ruben und Elene im Interview. Foto: CADUS

Wo du von den Teilnehmer*innen redest – an wen richtet sich das CADUS HEAT?

Jannik: Vor allem an Leute, die für uns in den Einsatz wollen oder testen möchten, ob das für sie in Frage kommt. Also Ärzt*innen, Rettungssanitäter*innen oder Techniker- und Logistiker*innen. Häufig haben wir auch Journalist*innen dabei. Unsere Trainings sind also auch offen für Leute, die nicht direkt zu CADUS gehören, für andere Organisationen, die in ähnlichen Gebieten arbeiten wie wir. Schau dich um in der Welt, der Bedarf ist groß.

Wie oft veranstalten wir HEATS und wie viele gab es schon bei CADUS?

Elene: Mittlerweile machen wir vier große Trainings und zwischendurch mal kürzere Versionen z.B. für Student*innen der Charité. Angefangen haben wir vor ungefähr zweieinhalb, drei Jahren. Das sind mittlerweile also bestimmt an die 30 Trainings.

Ruben: Ja, vor ca. drei Jahren haben wir angefangen, selbst ein Konzept für diese Trainings zu entwickeln. Wir haben dann erst kurze Trainings gegeben und seit mittlerweile zwei Jahren machen wir das fünftägige HEAT.

Immer wieder wird die Versorgung von Patient*innen in improvisierten Umgebungen und mit limitierten Möglichkeiten trainiert. Foto: CADUS

Du sagst, ihr habt selber ein Konzept für die Trainings entwickelt. Worauf legt CADUS denn besonderen Wert?

Ruben: Also wenn man HEAT Training bei Google eingibt, dann findet man meistens viele Bilder von Leuten, die eine Strumpfmaske übergezogen haben oder irgendwelchen Rauchgranaten, die durch die Gegend fliegen. Die haben wir schon auch. Aber uns geht es gar nicht primär darum, möglichst viel „Knall Bumm Peng“ zu machen.

Wir haben in realen Einsätzen eher festgestellt, dass die Teamdynamik eine riesige Rolle dabei spielt, Probleme frühzeitig zu erkennen, zu verhindern oder auch, wenn ein Problem entstanden ist, möglichst gut darauf zu reagieren. Es geht darum, viel über sich selbst herauszufinden, über Kommunikation zu lernen, die Leute so an Frustrationsmomente heranzuführen, die eigenen Grenzen auszutesten und zu schauen: wie kann man eigentlich als Team effizient funktionieren.

Jannik: Wir wollen auf jeden Fall vermeiden, ein falsches Gefühl von Sicherheit zu erzeugen. Wenn ich was über die Gefahr von Minen erzähle, haben das für den Moment alle auf dem Schirm. Aber denke ich auch darüber nach, wenn ich wenig geschlafen habe, eine Drohne über mir fliegt und ich eine verletzte Person aus einer Wiese holen will?

In den Gebieten, in denen wir mit CADUS arbeiten, ist nicht immer klar, was gerade die Hauptbedrohungslage ist. Ganz viel findet auf einmal statt und ich muss vieles auf einmal abrufen. Das ist sehr komplex. Und das versuchen wir den Teilnehmer*innen zu vermitteln: seid euch nicht zu sicher, egal was ihr vermeintlich könnt oder wisst.

Genaue Planung und gute Kommunikation sind Grundvoraussetzungen, wenn man sich an gefährlichen Orten aufhält. Foto: CADUS

Elene: Von den Inhalten abgesehen ist es uns auch ein Anliegen, nicht irgendwelche Klischees in den Szenarien zu reproduzieren. Das heißt, dass der kulturelle Kontext zum Beispiel bei uns ein großes Thema ist, auch Geschlechterverhältnisse werden reflektiert oder andere Diskriminierungsformen. Das ist total wichtig, auch für unsere Einsätze. Es geht nicht nur immer um die “lauten” Gefahren. Wenn man sich schlecht in die lokale Community einfügt, kann das schnell zum Sicherheitsrisiko werden.

Im Training geht es dann zum Beispiel auch darum mit einem ethischen Dilemma umzughen, oder wie ich mich in kulturellen Kontexten bewege, die vielleicht nicht meine sind.

Wie läuft das HEAT bei CADUS dann ab? 

Ruben: Bei uns findet die ganze Theorie zur Vorbereitung mit einem Online-Kurs quasi schon zu Hause statt. Während des Trainings ist es dann aber so, dass die Teilnehmer*innen quasi 24/7 in das Szenario reingeschmissen werden. Da gibt es keine Pausen, keine vordefinierten Essens- oder Schlafenszeiten.

Elene: Wir haben eine Art Szenenbuch, eine Checkliste an Themen und Situationen, die über den Verlauf der fünf Tage vorkommen müssen. Aber je nachdem, wie sich die Teilnehmer*innen verhalten, entwickelt sich das Szenario eben jedes Mal etwas anders, auch für uns.

Teambesprechung: Rollen und Verantwortlichkeiten müssen festgelegt werden, damit alles funktioniert, wenn es darauf ankommt. Foto: CADUS

Ruben: Wenn die Teilnehmer*innen etwas machen wollen, dann müssen sie es auch tatsächlich umsetzen. Eine medizinische Behandlung, ein Fahrzeugcheck, ein Feldbett aufbauen – das alles muss mit realem Zeit-, Personen- und Materialaufwand umgesetzt werden.

Jannik: Und genau das Gleiche gilt für die Kommunikation. Es gibt sehr viele Chats und Telefonate, die parallel die ganze Zeit laufen. Was da passiert, hat reale Auswirkungen auf den Verlauf des Szenarios. Habe ich jemanden informiert, der mir später eventuell helfen kann? Habe ich Informationen preisgegeben, die später gegen mich verwendet werden können? Das sorgt jedes mal wieder für Spannung und macht uns als Trainer*innen auch viel Spaß.

Elene: Das sind dann oft Momente, in denen die Teilnehmenden gar nicht merken, dass das auch Teil des Szenarios ist. Wenn jemand blutend in der Ecke liegt, ist der Handlungsbedarf offensichtlich. Kommunikation mit verschiedenen Akteuren wird dagegen gern mal vergessen. Das ist genau das, woran es in realen Einsätzen oft scheitert. Da versuchen wir mit dem Training einen Reflexionsprozess bei den Leuten loszutreten.

Elene in ihrer Rolle als verwundete Kämpferin. Wie werden die Teilnehmer*innen reagieren? Foto: CADUS

Wie kommen dann diese Szenarien und euer Konzept zusammen, wie setzt ihr das um?

Ruben: Alle Szenarien sind an realen Situationen orientiert und vieles davon haben wir in unseren Einsätzen tatsächlich so oder ähnlich erlebt. Es heißt ja “aus Fehlern lernt man am Besten”. Diese Erfahrungen fließen dann direkt in das Training.

Jannik: Bei unserem HEAT kann man auch nicht durchfallen oder ähnliches. Aber es ist so gestaltet, dass man auf jeden Fall Fehler macht. Dafür müssen wir, bzw. die Teilnehmer*innen, auch jedesmal ein Klima schaffen, dass die Leute  auch ihre Fehler in der Gruppe ansprechen und reflektieren können. Ziel ist, dass sie das für die Einsätze übernehmen. Wenn man da keine offene Fehlerkultur hat, dann kann das ganz schnell für alle kritisch werden, obwohl es so einfach vermeidbar wäre.

Elene: Unser Szenario kann natürlich nicht jede erdenkliche Situation abdecken, auf die man im Einsatz treffen könnte. Stattdessen versuchen wir, eine gewisse Art zu denken zu vermitteln, die vorausschauendes Handeln und Resilienz in den Fokus nimmt. Das ist mindestens genauso wichtig wie die Techniken, die man bei uns lernt: wie mache ich eine Risikoanalyse, wie strukturiere ich ein Briefing und Debriefing.

Auch sehr komplexe Situationen, die besondere Maßnahmen erfordern, können während des CADUS HEAT vorkommen. Foto: CADUS

Ihr habt gesagt, Teil des Konzeptes ist es auch, keine Diskriminierung zu reproduzieren. Wie spiegelt sich das im Training bzw. den Szenarien wider?

Ruben: Viele HEATs die wir besucht haben, empfanden wir als relativ stumpf rassistisch. Viele Konflikte der letzten Jahrzehnte haben sich eben überwiegend im Nahen Osten oder in Afghanistan oder auf dem afrikanischen Kontinent abgespielt. Aber wenn dann jedes Mal die Person, die irgendwie eine Bedrohung darstellen soll, weiß ist, aber Kufiya um hat und Fake-Arabisch spricht, dann hat es ein bisschen Geschmäckle. Natürlich gibt es eine Übungskünstlichkeit in der auch überspitzt wird, aber das kann man ja auch anders machen.

Elene: In unserem Szenario geht es zwar auch um einen religiös aufgeladenen Konflikt, aber eben im Zusammenhang mit dem Christentum. Da kommt dann auch die eine oder andere Bibelstelle vor. Und unser Szenario ist deutschsprachig. Unsere Einsatzteams sind allerdings sehr international aufgestellt, dementsprechend bedeutet das für einen Großteil unserer Teilnehmer*innen, dass sie uns nicht verstehen.

Jannik, hier als Milizkämpfer, zeigt den Teilnehmer*innen auf einer Karte, wo sie sich sicher bewegen können. Foto: CADUS

Jannik: Genau. Welche Sprache du nicht beherrschst, ist am Ende egal, die Verständigungsprobleme bleiben. Für uns Trainer*innen macht es das Leben etwas einfacher und die Teilnehmer*innen lernen trotzdem, wie es ist, wenn alles für dich übersetzt werden muss und du am Checkpoint kein Wort von dem verstehst, was der Bewaffnete dir gegenüber sagt. Ohne großen Aufwand und Klischees zu bedienen, haben wir damit wieder eine Komplexitätsebene fürs Training geschaffen.

Ruben: Und im Idealfall hört der Lernprozess am Ende dieser fünf Tage nicht auf. Unser Ziel ist es, Themen aufzumachen, mit denen sich die Leute weiter beschäftigen und dazu fortbilden.

Ihr verlangt den Teilnehmer*innen während der HEATs ja einiges ab. Was sind eurer Meinung nach die größten Herausforderungen?

Elene: Ich denke, insbesondere der Stress, den wir erzeugen, dass wir die Szenarien so verdichten, dass immer mehrere Punkte zusammenkommen, die bedacht werden müssen. Da kommt dann zur medizinischen Situation plötzlich noch ein ethisches Dilemma obendrauf, weil die lokale Polizei vor der Tür steht und die Sicherheit genau dieser Patientin bedroht. Gleichzeitig darfst du es dir nicht mit denen verscherzen, weil du sonst niemandem mehr helfen kannst. Und du hast schlecht geschlafen und noch nichts gegessen. Das nervt schon krass.

Bei diesem HEAT musste zuerst ein ganzes Camp aufgebaut werden, um dann unter den wachsamen Augen der Trainier*innen in den weißen Westen, Patient*innen behandeln zu können. Foto: CADUS

Jannik: Ich finde es spannend, dass als besonders stressig oder belastend oft gerade nicht diese „Knall Peng“-Szenarien genannt werden, sondern zum Beispiel ein negatives Feedback, eine Gruppensituation, die nicht gut funktioniert hat. Oder auch ein nerviges Geräusch, das Surren einer Drohne zum Beispiel, das die ganze Zeit zu hören war. Also eher Faktoren, die nicht ganz so offensichtlich sind.

Ruben: Zu den belastenden Situationen, den ganzen schweren Themen rund um Krise, Krieg, Gewalt und Verletzungen, bauen wir immer mal wieder eher komische Elemente ein. Sozusagen als Gegengewicht, als “comic relief”. Gute Stimmung und gute Kommunikation sind auch im Einsatz heilsam, einfach um sich mental zu entlasten. Das genießen die Teilnehmer*innen auch immer sehr. Und das sollen sie auf jeden Fall als Learning mit nach Hause nehmen.

Und was sind die Herausforderungen für euch Trainer*innen?

Jannik: Wir als Trainer*innen haben parallel eigentlich immer unser eigenes HEAT am Laufen. Bei allem, was wir abstimmen, organisieren und kommunizieren müssen, lernen wir  jedes Mal wieder etwas über uns und unsere Gruppendynamik.

Ruben in seiner Rolle als Feuerwehrmann. Neben den Anstrengungen des Organisierens und Anleitens haben die Trainer*innen immer wieder viel Spaß dabei, die Teilnehmer*innen mit neuen Herausforderungen auf Trab zu halten. Foto: CADUS

Ruben: Ja, für uns ist das genauso ein Training, weil wir auf unvorhergesehene Situationen reagieren müssen, also auf Entwicklungen in den Szenarien und unter den Teilnehmer*innen. Der grobe Plot ist zwar vorgegeben, aber es gibt so viele Abzweigungen, die das nehmen kann. Da weiß man auch nie genau, was als nächstes passiert, so wie im Krisengebiet.

Jannik: Du meinst zum Beispiel Feuerlöscher als Kommunikationstechnik?

Ruben: Das ist auf jeden Fall ein interessanter Argumentationsverstärker, so ein Feuerlöscher. Ein Teilnehmer hat wirklich mal damit unsere Feuertonne ausgemacht. Oder es zumindest versucht. Innerhalb des Szenarios gab es da nämlich etwas Gegenwehr. Das war so eine Situation, mit der wir gar nicht gerechnet hatten. Was uns aber gezeigt hat, dass wir alle, Trainer*innen und Teilnehmer*innen, voll im Szenario sind.

Das Vor- und Nachbereiten der HEATs nimmt mehr Zeit in Anspruch als das eigentliche Training. Foto: CADUS

Elene: Ja, das ist eine der Herausforderungen, die Szenarien an die Teilnehmer*innen anzupassen und so zu basteln, dass sie nicht aus der Situation rausfallen. Damit sich der Stress auch wirklich über die Tage aufbauen kann. Manchmal versuchen die Teilnehmenden sogar die Spielregeln zu ändern, um sich das Leben etwas leichter zu machen. Da müssen wir dann eingreifen. Wir investieren also sehr viel Energie und Zeit, um die Illusion unserer fiktiven Stadt “Berlinon” aufrecht zu erhalten.

Bei all dem Aufwand – wie groß ist das CADUS HEAT-Team eigentlich?

Jannik: Wir haben ein “Kernteam” aus Trainer*innen, das sind etwa sieben Leute. Die kümmern sich viel um Hintergrundarbeiten: den Ort organisieren, Material bereitstellen, die Anmeldungen verwalten und so weiter. Und dann natürlich auch die Teilnehmer*innen während des HEATs anleiten. Dazu kommen nochmal um die 10 Personen, die z.B. medizinische Szenarien regelmäßig professionell begleiten.

Elene: Und dann gibt es noch einen Pool an Volunteers, so 10-15 Personen, die uns über die Tage unterstützen. Von ganz kleinen Aufgaben bis zum Spielen von komplexen Rollen, manchmal sogar tagelang. Wir haben ganz tolle Volunteers, die das Training mitgestalten. Ohne die würde das gar nicht gehen.

Besprechungspause. Viele Trainer- und Darsteller*innen sind am HEAT beteiligt. Ohne die großartige Unterstüztung von Freiwilligen wäre das Training in dieser Form nicht möglich. Foto: CADUS

Wie ist das Feedback der Teilnehmer*innen?

Elene: Das schönste Feedback war für mich, als ein Teilnehmer rückgemeldet hat, wie gut ihm das Training im Einsatz geholfen hat. Einen Monat nach dem HEAT war er mit seinem Team in einer extrem brenzligen Situation und konnte abrufen, was er bei uns trainiert hatte. Das fand ich irgendwie sehr rührend und es zeigt auch, wie wichtig das ist, was wir da machen.

Jannik: Bei mir war es eine Teilnehmerin, die uns nach dem Training geschrieben hat, dass sie auf dem Heimweg immer noch glaubte, in “Berlinon” statt Berlin zu sein. Sie hat während der Bahnfahrt aus dem Fenster geschaut und war traurig darüber, wie schlecht es den Leuten gerade in ihren Häusern geht, weil dieser Konflikt noch schwelt. Für die Teilnehmer*innen ist die Erfahrung also schon sehr immersiv, das kriegen wir manchmal gar nicht so mit.

Abgesehen von dem einen Mal, als ich einen Patienten gespielt habe und die Ärztin mir meine schönen Shorts während der Behandlung zerschnitten hat, weil sie so im Szenario war. Aber ich bin selbst Schuld, würde ich sagen. Das ist ja genau das, was wir wollen – so realistisch wie möglich eben.

Wie gehe ich mit aufgebrachten Bewaffneten um? Foto: CADUS

Elene: Allgemein ist uns Feedback total wichtig. Wir machen nach jedem HEAT eine strukturierte Evaluation, weil wir natürlich auch das Feedback der Teilnehmenden nutzen, um uns immer weiter zu entwickeln und zu verbessern.

Ruben: Die Teilnehmer*innen bringen während und nach dem Training häufig interessante Lösungsansätze und Techniken mit, zum Beispiel im Bereich Kommunikation und Teamdynamik. Davon lernen wir auch immer wieder und manchmal übernehmen wir das dann einfach für uns. Das ist das Schöne am HEAT, dass alle Beteiligten noch was lernen können.

Wie hat sich euer Training dementsprechend in den letzten Jahren verändert?

Jannik: Wir haben damals halt relativ einfach angefangen, indem wir ein 1-Tages-HEAT hatten, mit ganz klaren Blöcken: theoretischer Input, Szenario, theoretischer Input, Szenario und so weiter. Das Problem dabei ist, dass man entweder alles vorweg nimmt, das Szenario dann recht durchschaubar ist und wir ständig zwischen Trainerposition und Rolle springen mussten. Oder die Leute scheitern erst im Szenario und wir sagen dann, was man hätte besser machen können. Das erschien uns pädagogisch aber auch nicht besonders wertvoll.

Elene: Deswegen sind wir dazu übergegangen, ein durchgehendes Szenario zu spielen und die Trennung zwischen Theorie und Praxis weitgehend aufzulösen. Außerdem beziehen wir jetzt viel mehr Leute und Elemente aus dem Live Action Roleplay (LARP) mit ein. Das eröffnet uns nochmal ganz andere Möglichkeiten, die Szenarien komplexer und realistischer zu gestalten.

Auch Journalist*innen sind immer wieder als Teilnehmer*innen beim HEAT dabei. Hier dokumentiert eine von ihnen das Leben der Bewohner*innen von „Berlinon“. Foto: CADUS

Ruben: Wir haben uns über die drei Jahre eine große Toolbox erarbeitet, aus der wir schöpfen können. Und wir passen die Szenarien ständig an. Als wir 2022, schon im Kontext der russischen Vollinvasion der Ukraine, angefangen haben, solche Trainings zu geben, war die Kriegsführung noch eine komplett andere. Unsere Szenarien von damals würden heute teilweise gar nicht mehr passen. Die technische Entwicklung mit dem Drohnenkrieg zum Beispiel ist so krass, dass es heute Aspekte gibt, die man in einem HEAT Training aufgreifen muss, die 2022 einfach technisch noch gar nicht möglich waren. Unser HEAT ist also immer an das geknüpft, was in der Welt so los ist.

Angesichts der unsicheren Weltlage, der sich verändernden Konflikte und zunehmenden Krisen: Was kann ein HEAT eurer Meinung nach überhaupt leisten?

Ruben: Es wäre absolut vermessen zu sagen, dass ein HEAT dich auf irgendetwas vorbereitet, da ist einfach viel mehr nötig. Jede Krise ist anders, jeder Konflikt ist anders. Ein einzelnes Training kann nie umfassend alles abdecken, da gehört noch viel mehr dazu.

Was das HEAT aber leisten kann, ist ein Bewusstsein dafür zu schaffen, worüber ich mir alles Gedanken machen muss, bevor ich in den Einsatz gehe und da nicht einfach reinstolpere. Dafür ist das Training, glaube ich, wirklich sehr gut.

Elene: Außerdem ist das Training ein Moment, in dem man vor allem sehr viel über sich selbst herausfinden kann. Also, auch wenn ich am Ende feststelle, dass ich vielleicht gar nicht unbedingt in so ein Kriegsgebiet gehen will, kann ich etwas davon mitnehmen. Es geht viel um Kommunikation und Resilienz, was einem auch im Alltag relativ viel bringt. Ja, und ein bisschen Erste Hilfe hat auch noch niemandem geschadet!

Für eine möglichst reale Erfahrung muss jede Aktion, die die Teilnehmer*innen während des Trainings umsetzen wollen, auch tatsächlich ausgeführt werden. Dazu gehört auch das Dokumentieren und die Kommnikation mit dem Hauptquartier. Foto: CADUS

Also sollte jede*r mal ein HEAT gemacht haben?

Elene: Klar, HEAT sollte in den Schulen unterrichtet werden, natürlich.

Jannik: Schulfach HEAT!

Elene: Aber im Ernst: unser HEAT ist total ausgerichtet auf CADUS-Einsätze. Das sind teils sehr spezialisierte Inhalte, die für die breite Masse weniger relevant sind. Außerdem ist es sehr komplex und ressourcenintensiv.

Vorstellbar wäre aber eine Art „HEAT light“: Wie bin ich denn in Stresssituationen? Habe ich eine Aufmerksamkeit, was um mich herum läuft, was gefährlich sein könnte? Wie organisiere ich mich in Gruppen, wie koordiniere ich mich in stressigen Situationen? Das sind natürlich Lerninhalte, die im Prinzip für alle Leute nützlich sind, vor allem, wenn man in die Zukunft schaut und was vielleicht noch auf uns zukommt.

Jannik: Die Frage ist, welche Elemente und Grundpraktiken kann man sich vom HEAT abschauen und sinnvoll vermitteln. Wir versuchen deshalb gerade alles auf Open Source-Basis in einem Handbuch aufzuschreiben, sodass andere Gruppen vielleicht selbst ein HEAT entwickeln können. Es würde uns freuen, wenn dadurch in Zukunft noch mehr Leute von unseren Erfahrungen profitieren könnten.

Swiftwater Training – zwei Erfahrungsberichte

Juni 19th, 2026|

Im Zuge des Klimawandels werden Extremwetterereignisse und Überschwemmungen weltweit zunehmen. Im Rahmenn unseres Climate Emergency Responder-Programms haben deshalb vier Freiwillige von CADUS an einer Trainer*innen-Ausbildung im Bereich Strömungsrettung teilgenommen. Sanne und Laura teilen hier ihre Erfahrungen mit dem Wildwasser.

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