Hilfe auf Zeit

Der letzte offene Grenzübergang zwischen der Türkei und Nordsyrien wird für ein Jahr verlängert, Hilfsgüter können weiterhin in den Nordwesten geliefert werden. 3,2 Millionen Menschen können so für weitere 12 Monate versorgt werden. Was danach geschieht ist unsicher.

Am Freitagabend atmete die humanitäre Welt kollektiv auf: Entgegen aller Erwarten hatte sich der UN-Sicherheitsrat doch noch geeinigt und den letzten offiziellen Grenzübergang von der Türkei nach Nordsyrien um ein weiteres Jahr verlängert. Die Entscheidung ermöglicht es, eine Millionen Syrer*innen weiterhin mit Nahrungsmittellieferungen in der sich zuspitzenden Hungerkrise zu unterstützen und sorgt dafür, dass Millionen Menschen weiter mit humanitären Hilfsgütern versorgt werden können.

Die Regelung gilt für sechs Monate und soll, ein reibungsloser Ablauf der Hilfslieferungen vorausgesetzt, danach um weitere sechs Monate verlängert werden. Nächstes Jahr im Juli muss dann wieder abgestimmt werden, ob die UN den Grenzübergang weiter offen hält und selbst Hilfsgüter in den Norden Syriens schick.

Ob diese Abstimmung nächstes Jahr genauso ausgehen wird, weiß niemand. Konflikte und die Pandemie machen Vorhersagen dazu quasi unmöglich – gebraucht werden die Hilfslieferungen nach in der Region Nordsyrien dann allerdings immer noch, das ist sicher.

 

Der letzte offene Grenzübergang in Nordsyrien: Bab al-Hawa. Foto: Wikimedia

Unterstützung der UN ist notwendig

Der mittlerweile zehn Jahre alte Konflikt in Syrien hat zu einer humanitären Krise katastrophalen Ausmaßes geführt: rund 70% der Bevölkerung im Norden Syriens benötigt humanitäre Unterstützung, ungefähr die Hälfte davon sind Kinder. Die meisten Menschen in Nordsyrien sind Binnengeflüchte, die vor dem Regime oder anderen Konfliktparteien aus ihren Heimatregionen fliehen mussten. Sie leben in notdürftigen Lagern, sowohl Nahrungsmittel als auch medizinische Versorgung sind oft nicht ausreichend vorhanden.

Dürre, Inflation und Pandemie sind mittlerweile tägliche Begleiter und verschärfen die bereits kritische Lage weiter dramatisch. Als wäre die Situation nicht schon schlimm genug, kommt es in der Nähe des Grenzgebiets zu der Türkei immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Luftangriffen, die die fragile Infrastruktur, die humanitären Akteure und vor allem die Zivilbevölkerung vor Ort weiter belasten.

Eine Schließung des Grenzübergangs wäre in jeder Hinsicht katastrophal: die UN stellt über das World Food Programmes 70-80% der Essens- und Wasserhilfe in dem Gebiet. Zusätzlich stellt die UN 50% aller weiteren humanitären Versorgung, inklusive medizinischer Versorung wie Covid-19 Impfungen. Die Hilfsorganisationen vor Ort wären nicht in der Lage, einen Wegfall dieser Leistungen aufzufangen. Würde sich die UN aus dem Gebiet zurückziehen, würden zusätzlich viele Strukturen wegfallen, die Hilfsorganisationen und Geldgeber*innen aktuell zumindest ein grundlegendes Maß an Sicherheit geben.


Grenzübergänge für Hilfslieferungen reduzierten sich drastisch

Ganz zu Anfang der Hilfslieferungen im Jahr 2014 waren es noch vier offene Grenzübergänge, über die die Bevölkerung im Norden Syriens mit humanitärer Hilfe versorgt werden konnte. Auf russisches Betreiben wurden diese Übergänge in den letzten Jahren immer weniger – Russland fordert, dass alle humanitäre Hilfsleistungen in Syrien durch Regime-Gebiete in die entsprechenden Regionen gelangen.

Das Problem: In vielen Gebieten, vor allem im Nordosten, liegt die territoriale Kontrolle nicht beim syrischen Regime. Falls Hilfsgüter lediglich über Damaskus in Regionen gelängen, würde der Zugang für humanitäre Leistungen in den Gebieten extrem erschwert Mit dem Grenzübergang Al Yarubiyah im Nordosten Syriens ist das bereits genau so geschehen. Nachdem Al Yarubiyah im Janaur 2020 geschlossen wude, hat sich die Krise im Nordosten verschäft und der Bedarf nach humanitärer Hilfe vervielfacht. Gleichzeitig wurde die Arbeit für Hilfsorganisationen extrem erschwert. Auch wir mussten eines unserer Projekte deswegen beenden. Über den Nordwesten oder gar dem Süden Syriens kommen kaum Hilfsgüter in die betroffenen Regionen., während die Fälle von Covid-19-Infektionen weiter steigen.

Wohl auch die deutlich besseren Beziehungen zwischen den Präsidenten Biden und Putin konnten zuletzt dafür sorgen, dass Russland sich den anderen Ländern bei der Abstimmung des UN-Sicherheitsrats anschloß und die Öffnung des Grenzübergangs Bab al Hawar verlängert wurde.

Das Wohlergehen von Millionen von Menschen, die im Norden Syriens auf die Hilfslieferungen angewiesen sind, hängt also davon ab, ob die Großmächte im UN-Sicherheitsrat sich Jahr für Jahr aufs Neue einigen können. Eine unsichere Grundlage, auf der sich kaum ein Leben aufbauen lässt.

 

 

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